Über dem Roten Rathaus hängen dunkle Wolken, doch aus dem Berliner Doppeldecker dröhnt Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“. Eine große Musikbox steht bereit, Getränke und Süßigkeiten werden verteilt. Regen droht, fällt aber nicht. Dann setzt sich Volts „Unf*ck-Berlin“-Tour in Bewegung: Es geht zwei Stunden durch jene Stadt, bei der die Spitzenkandidaten Anna Auerbach und Paul Loeper erklären, wie sie Berlin „reparieren“ wollen.
Im Abgeordnetenhaus sitzt Volt bislang nicht und gehört damit noch zu den Herausforderern. Am kommenden Montag nimmt Spitzenkandidatin Anna Auerbach an einer „Wahlarena der kleineren Parteien“ teil - neben Vertretern von BSW, Tierschutzpartei, Die PARTEI und der Berliner FDP, die mittlerweile ebenfalls in diese Runde abgerutscht ist.
Dass Volt überhaupt dahin eingeladen wurde, wertet ein Sprecher der Partei im Gespräch mit der Berliner Zeitung bereits als Erfolg. Doch Volt will raus aus der Riege der Kleinen und am 20. September erstmals ins Berliner Landesparlament einziehen.
Die beiden Spitzenkandidaten der Volt-Partei, Paul Loeper und Anna Auerbach, während der Volt-Bustour im Berliner Wahlkampf 2026.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Rotes Rathaus: „Da wollen wir rein“
Der Ausgangspunkt der Bustour ist deshalb passend gewählt. „Wenn ihr euch umdreht, dann seht ihr, wohin wir reinwollen“, sagt Auerbach, während der Bus vor dem Roten Rathaus losfährt.
Die Stimmung unterscheidet sich deutlich von manch klassischer Wahlkampftour, wie jene kürzlich der Berliner Linkspartei. Laute Musik, Jubel und sehr viel Vorfreude dominieren die Fahrt. Viele junge und mittelalte Gesichter, viele Unternehmer, wie die Berliner Zeitung von einem der Teilnehmer erfährt. Über 50-Jährige sind unter den Mitfahrenden zumindest nicht auszumachen.
Ausgelassene Stimmung während der Fahrt: Teilnehmerinnen der Volt-Bustour
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„Keine Lust mehr auf Altbackenes“, sagt der Mitfahrer Raul Truckenbrot und meint nicht die Teilnehmer, sondern die Altparteien. Der Unternehmer ist seit mehr als vier Jahren Volt-Mitglied. In seiner Branche seien viele eigentlich der CDU zugeneigt, erzählt er. Er hat keine Lust mehr drauf.
Warum nicht? Seine Antwort: Die etablierten Parteien zementierten alte Strukturen, verwalteten altes Geld, brächten aber wenig Neues hervor. „Sie blicken nicht in die Zukunft“, meint Truckenbrot.
Auch Mehmet, wie der junge Mann sichtbar auf seinem T-Shirt stehen hat, ist Unternehmer. Er erzählt, er arbeite im Bereich KI und Film und habe bislang die Linke gewählt. Auerbach habe er erst vor rund zwei Wochen bei einem Event in Neukölln gesehen. Er fand sie überzeugend. Nun sitzt er im Volt-Bus.
T-Shirt eines Bustour-Teilnehmers.
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Berlin kaputt, Europa weiß Rat
Das Prinzip dieser Tour ist schnell verstanden: Berlin hat viele Probleme - irgendwo in Europa gibt es bereits Lösungen. Man müsse sie nur importieren - an die verschiedenen Stationen vom Roten Rathaus, über die Torstraße und bis hin zum Potsdamer Platz.
Auerbach und ihr Co-Spitzenkandidat Paul Loeper beginnen mit der Digitalisierung. Auerbach wirft dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) vor, die Digitalisierung zwar zur Chefsache erklärt, die zuständige Abteilung in der Senatskanzlei aber „nie persönlich besucht“ zu haben. Sie zeigt auf das Rote Rathaus.
Beim Sprechen blickt sie nach Hamburg und Dänemark. Staatliche Leistungen sollen über eine zentrale Bürgerplattform erreichbar sein, Bürger ihre Daten nicht immer wieder neu bei verschiedenen Behörden angeben müssen. Dann bewegt sich der Bus weiter an die bekannteste Adresse Berlins, laut Auerbach.
Kritik an den Umbauplänen
„Applaus für die Torstraße“, ruft Auerbach. Tatsächlich wird geklatscht. Die Spitzenkandidatin kritisiert die Umbaupläne für die Straße. Gehwege, die geschmälert werden sollen, müssten als Flaniermeile erhalten, Bäume stehen bleiben und sichere Radwege entstehen lassen. Das Auto solle nicht gegenüber anderen Verkehrsmitteln priorisiert werden, so die Spitzenkandidaten.
Auf dem Weg in die Torstraße. Im Hintergrund das Sohohouse. Anna Auerbach spricht ins Mikrofon. Links von ihr: Co-Kandidat Paul Loeper.
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Auch die berühmten Berliner Dauerbaustellen, an denen der Bus vorbeifährt, bekommen ihr Fett weg. Wieder geht die gedankliche Reise ins Ausland. Dieses Mal nach Österreich, nach Wien: dort gibt es laut Volt kürzere Fristen, Vertragsstrafen, digitales Baustellenmanagement. All das braucht auch Berlin, so Spitzenkandidat Loeper.
Er wirbt zudem für digitale Parktickets nach einem Modell aus der Region Hannover. Langfristig wolle Volt den Autoverkehr, der schließlich die Bustour verlangsamt, in Berlin reduzieren. Dafür fällt der Applaus etwas verhaltener aus.
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Peter Fox besingt Berlin, Volt seine Probleme
Immer wieder dröhnt der Bass. Obwohl einige der Anwesenden Englisch sprechen, sind die Klänge vergleichsweise patriotisch, textlich passend zur Tour. Neben Lindenbergs „Zug nach Pankow“, singt Peter Fox von „Alles Neu“, später heißt es „Berlin, du bist so wunderbar“. Der Soundtrack feiert jene Stadt, deren Zustand Auerbach und Loeper zwei Stunden lang beklagen. Beim Thema Wohnen setzt Volt auf Neubau, Genossenschaften und mehr Wohneigentum. Enteignungen lehnt die Partei ab. Eine Programmmischung zwischen CDU und der Linkspartei also.
In Berlin-Wedding wird Auerbach beim Thema Bildung emotional und zeigt auf ein geschlossenes Gymnasium, das einfach nicht saniert wird. Dabei mangelt es in Berlin an Schulen. Aber auch das Schulprogramm sei voller Mängel. Nicht nur als Volt-Mitglied, auch als Mutter fordere eine verpflichtende Vorschule ab fünf Jahren und ein neues Schulfach namens „Lebenskompetenz“. Darin soll es um Empathie, Finanzwissen, Unternehmertum und Konfliktfähigkeit gehen.
In Berlin-Wedding soll an dieser Stelle ein neues Gymnasium für 664 Schüler – eigentlich bis 2026.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Dann kommt Auerbach zu ihrem „Lieblingsthema“: „Eine Schulverwaltung für ganz Berlin statt für zwölf Bezirke.“ Das dadurch eingesparte Geld wolle Volt unter anderem in Lehrkräfte, multiprofessionelle Teams und die Ausstattung der Schulen stecken.
An den Hochschulen geht es um Milliarden
Weiter geht es zu den Hochschulen. Der Bus fährt passenderweise am Hauptgebäude der Technischen Universität (TU) vorbei. Loeper spricht von einem Sanierungsstau von 8,2 Milliarden Euro - tatsächlich wird der Bau- und Sanierungsstau der staatlichen Berliner Hochschulen auf diese Summe beziffert. Allein die TU Berlin nennt einen Bedarf von 2,4 Milliarden Euro.
Seit dem 9. Mai ist ihr Hauptgebäude wegen erheblicher baulicher Mängel geschlossen. Volt fordert eine verlässlichere Grundfinanzierung, mehr Studienplätze in Zukunftsfächern und eine engere Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft. Aus der Box läuft irgendwann Seeeds „Dickes B“.
Ein Volt-Kandidat verschwindet
Einen Tag vor der großangekündigten Bustour sorgt erneut der Volt-Kandidat Ludwig von Jagow für Irritationen. Der Direktkandidat in Steglitz-Zehlendorf hatte im Juli öffentlich ein Ende der Brandmauer zur AfD gefordert. Auerbach bezeichnete das im Interview mit der Berliner Zeitung als „komplette Einzelmeinung“.
Ludwig von Jagow hatte zuvor einen Gastbeitrag für den Cicero mit dem Titel „Die Brandmauer wird bald fallen, und sie muss auch fallengeschrieben“, von dem sich seine Partei infolge offiziell distanziert hat.
Am Mittwoch war von Jagow zeitweise nicht mehr als Kandidat auf der Internetseite von Volt Berlin aufgeführt. Wie lange sein Eintrag dort fehlte, ist unklar. Auf Nachfrage der Berliner Zeitung teilte ein Sprecher der Partei am Mittwochabend mit, von Jagow sei weiterhin Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus und BVV-Kandidat auf Listenplatz vier und „als solcher wieder auf der offiziellen Volt-Webseite“.
Lücke zwischen Listenplatz drei und fünf: Ludwig von Jagow fehlte für unbestimmte Zeit auf der Homepage der Volt-Partei. Der Screenshot ist vom 2. September 2026.
© Screenshot/voltdeutschland.org
Auf der Pressetour fragt die Berliner Zeitung noch einmal nach. Wie lange sein Eintrag zwischenzeitlich verschwunden war, konnte ein Sprecher der Partei nicht beantworten und verwies darauf, dass es parallel eine weitere Homepage der Partei, unfuck.berlin, gäbe und es vermutlich zu technischen Störungen gekommen sein könnte.
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