Auf den Höfen in Deutschland arbeiteten 2023 rund 62.000 Menschen weniger als noch drei Jahre zuvor. Auch Künstliche Intelligenz und Roboter sollen die Lücke füllen, so sieht es zumindest das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH). Jetzt wird das Geld trotzdem gestrichen: 28,1 Millionen Euro stehen 2026 für Digitalisierung bereit, im Schnitt der fünf Vorjahre waren es gut 48 Millionen.
Dabei mangelt es nicht an Technik. Landmaschinenhersteller setzten 2025 an deutschen Standorten 11,3 Milliarden Euro um, die weltgrößte Landtechnikmesse Agritechnica findet in Hannover statt. In deutschen Ställen gehören Melkroboter und Sensoren, die kranke Kühe melden, auf vielen Milchviehbetrieben längst zum Alltag. Vor allem in Ostdeutschland bündelt sich die Forschung. Im Osten ist ein dichtes Netz aus Instituten, Versuchsfeldern und Firmen entstanden, die Roboter und KI für den Acker entwickeln.
Ein Roboter vom französischen Hersteller VitiBot auf der Agritechnica: Er arbeitet autonom im Weinberg und kann mit verschiedenen Geräten zur Pflege der Reben ausgestattet werden.
© Martin Wagner/imago
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Agrarrobotik: Deutschland ist international vorn mit dabei
Deutschland sei bei Agrartechnik und Robotik „auf jeden Fall vorne mit dabei“, sagt Cornelia Weltzien. Sie leitet den Bereich Agromechatronik am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam und forscht zu Sensorik, Automatisierung und Feldrobotik. Gemeinsam mit Frankreich, den Niederlanden und Dänemark bilde Deutschland ein starkes europäisches Zentrum, so Weltzien. Auch die USA, Japan und China seien weit.
Was das konkret bedeutet, lässt sich an zahlreichen Forschungsstandorten im Osten beobachten. Kameras unterscheiden dort Kulturpflanzen von Unkraut, Roboter sollen einzelne Pflanzen hacken oder mit einem Laser treffen. Drohnen fotografieren Bestände von oben – und Algorithmen suchen darin nach Krankheiten, Schädlingsbefall oder Stellen, an denen Pflanzen unter Trockenheit leiden. „Im Bereich der Bildverarbeitung ist KI heute gar nicht mehr wegzudenken“, sagt Weltzien.
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Die Agrardrohne DJI Agras T25 des chinesischen Herstellers DJI auf der Agritechnica. Sie kann Pflanzenschutzmittel versprühen sowie Dünger oder Saatgut ausbringen.
© Bernhard Herrmann/imago
KI auf dem Acker: Diese Projekte entstehen im Osten
Doch zwischen einer Maschine, die eine Pflanze erkennt, und einem Roboter, dem ein Landwirt seinen Acker überlassen kann, liegt ein großer Schritt. Wie groß, zeigt der „Uckerbot“. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde entwickelte den Hackroboter gemeinsam mit der Firma Zauberzeug für den Bio-Zuckerrübenanbau. Das Problem, das er lösen soll, ist simpel: Unkraut zwischen den Rüben muss entfernt werden, Handarbeit ist teuer und Saisonkräfte sind schwer zu finden.
Auf der Forschungsstation Wilmersdorf in der Uckermark entscheidet deshalb eine Kamera, welche Pflanze bleiben darf. Ein Bohrer entfernt das identifizierte Unkraut – bei den ersten Versuchen erkannte der Uckerbot allerdings einen Teil der Zuckerrüben falsch und entfernte sie mit. Der Uckerbot ist nicht das einzige ostdeutsche Forschungsprojekt. Das ATB betreibt bei Potsdam auf mehr als 20 Hektar ein eigenes Fieldlab für digitale Landwirtschaft. In Sachsen arbeiten die TU Dresden und die Universität Leipzig gemeinsam mit Fraunhofer-Instituten und Landtechnikunternehmen am „Feldschwarm“. Mehrere Maschinen unterschiedlicher Hersteller sollen dort künftig im Verbund auf einem Feld arbeiten.
Im mecklenburgischen Tellow wiederum werden auf der Thünen Innovation Farm autonome Maschinen und digitale Steuerungssysteme getestet. Aus einzelnen Forschungsprojekten ist im Osten damit eine regelrechte Versuchskarte für die Landwirtschaft der Zukunft entstanden.
Im Potsdamer Fieldlab erfassen Laserscanner und Wärmebildkameras Tomaten. Forscher des ATB entwickeln so ein System, das Hitzeschäden an Früchten frühzeitig erkennen soll.
© Jens Kalaene/dpa
Autonom auf dem Acker – aber nur unter Aufsicht
Auf einem Versuchsbetrieb des ATB fährt bereits ein großer Agrarroboter autonom. Ganz allein lassen die Forscher ihn trotzdem nicht. „Wir haben uns erst in der zweiten Saison getraut, das Gerät wirklich alleine fahren zu lassen“, so Weltzien. Bis heute melde sich die Maschine regelmäßig bei ihrer Aufpasserin, wenn sie nicht weiterwisse.
„Wenn wir von vollautonomen Robotern sprechen, müssen wir der Fairness halber auch sagen, dass immer eine menschliche Person dafür verantwortlich ist, dass es läuft“, sagt die Forscherin. Das erklärt auch, warum Landwirte neuer Technik nicht blind vertrauen. „Wenn ein Arbeitsgang in der ganzen Saison vermasselt wird, dann verhagelt einem das die gesamte Ernte“, so Weltzien weiter. „Der Landwirt muss das ganze Jahr lang alles richtig machen, damit er einmal im Jahr ernten kann, um überhaupt etwas zu verdienen.“
Ein Melkroboter übernimmt das Melken einer Kuh. 2023 setzte bereits fast jeder fünfte Milchviehbetrieb in Deutschland auf automatische Melksysteme.
© Guido Kirchner/dpa
Digitalisierung auf dem Hof: KI bleibt für viele zu teuer
Laut Agrarstrukturerhebung setzten 2023 rund 8800 Betriebe in Deutschland automatische Melksysteme ein – das entspricht 19 Prozent aller Milchviehbetriebe. Mehr als ein Drittel der Tierhalter überwachte seine Bestände bereits technisch.
Auch jenseits des Melkstands wird digitalisiert. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom und der DLG unter 500 Betrieben aus dem Jahr 2024 setzten 46 Prozent Farm- oder Herdenmanagementsysteme ein, 36 Prozent brachten Dünger teilflächenspezifisch aus, 30 Prozent Pflanzenschutzmittel. KI nutzten damals neun Prozent der Höfe, 47 Prozent beschäftigten sich zumindest damit. Je größer der Betrieb, desto größer das Interesse. Als größtes Hindernis nannten drei Viertel die hohen Investitionskosten.
„Der Kaufpreis ist relativ hoch, weil es noch sehr neue Technologien sind, die noch keinen Massenmarkt darstellen“, erklärt Weltzien. Manche Hersteller vermieteten die Geräte deshalb zeitweise, damit Betriebe sie zunächst auf einzelnen Flächen testen können. Einzelne Hersteller werben laut Weltzien mit Einsparungen von 70 Prozent und mehr beim Pflanzenschutzmittel. Vor allem aber fehlt Personal, das durch die Maschine ersetzt werden könnte.
„Forschung und Entwicklung in allen technischen Bereichen sind enorm wichtig“, teilt Generalsekretärin Stefanie Sabet vom Bauernverband auf Anfrage mit. Digitalisierung und KI könnten helfen, den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren und Tierwohl sowie Tiergesundheit zu verbessern. Doch: „Die Kosten sind erheblich, daher ist es sinnvoll, diesen Fortschritt fördertechnisch zu unterstützen.“
Landwirte über iPads auf dem Trecker: „Das geht doch kaputt“
Schneller als auf dem Feld kommt KI im Büro an, beispielsweise mit dem „Agrarmonitor“ vom nordrhein-westfälischen Unternehmen Betrico – einer Betriebssoftware für Lohnunternehmen und größere Ackerbaubetriebe. Rund 2000 Kunden nutzen das System, dahinter stünden mindestens 10.000 einzelne Betriebe, schätzt Geschäftsführer Torben Calenberg. Gerade die Betriebe in Ostdeutschland, die im Durchschnitt mehr als 200 Hektar haben, sind auf Softwaresysteme wie „Agrarmonitor“ angewiesen.
Die Software Agrarmonitor in der Treckerkabine: Auf dem iPad laufen Betriebsdaten zu Maschinen, Arbeitszeiten, Aufträgen und Flächen zusammen.
© Agrarmonitor
Die Software entstand lange vor dem KI-Boom. Calenberg schrieb 2007 während seines Wirtschaftsinformatikstudiums in Paderborn eine erste Version für einen befreundeten Landwirt. Andere Betriebe zeigten Interesse, ab 2010 entwickelte er die Software neu.
„Als wir 2011 angefangen haben, hatten die meisten Leute noch kein iPhone“, sagt Calenberg. Wenn er einem Landwirt ein iPad in die Hand gedrückt habe, sei die Reaktion oft gewesen: „Auf dem Trecker kann ich das nicht benutzen, das geht doch kaputt.“ Heute sei mobiles Arbeiten überhaupt keine Diskussion mehr.
KI übernimmt die Büroarbeit in der Landwirtschaft
Agrarmonitor stellte im November 2025 den KI-Assistenten Ährwin vor. Er soll mit den Betriebsdaten arbeiten. „Ich kann ihn fragen: Wie viele Betriebsstunden hat der Schlepper? Wann muss er wieder zur Hauptuntersuchung? Wie viel Umsatz habe ich letztes Jahr mit dem Kunden Müller gemacht?“, erklärt Calenberg.
Bislang musste ein Betriebsleiter dafür eine Auswertung öffnen, Zeitraum und Kunden auswählen und die Daten filtern. „Der typische Betriebsleiter eines großen Betriebs hängt nicht den ganzen Tag vorm Rechner. Der fährt mit seinem Auto rum, guckt sich Felder an, muss irgendwas regeln“, so Calenberg. Die KI-Funktion basiert derzeit auf Modellen des US-Anbieters Anthropic. Die eigene Betriebssoftware wird damit über Schnittstellen verbunden.
„Der typische Landwirt ist Landwirt, weil er gerne draußen auf der Fläche arbeitet und nicht, weil er im Büro rumhängen und sich mit Dokumentation befassen will“, meint Calenberg. Genau diese Büroarbeit wachse aber: Arbeitszeiten, Pflanzenschutz, Fruchtfolgen, Aufträge und Rechnungen müssen immer akribischer dokumentiert werden.
Wer entscheidet auf dem Hof – Mensch oder Maschine?
Der nächste Schritt liegt für den Betrico-Geschäftsführer darin, dass die KI Daten interpretiert. Ein System könnte beispielsweise vorschlagen, welche Kultur besser zu einem Standort passt, ob eine große Maschine wirtschaftlicher wäre als zwei kleine oder wo ein Betrieb Geld verliert.
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Prüfen müsse das weiterhin der Mensch. „Landwirtschaft hängt ganz stark von den Menschen und von den Erfahrungen der Menschen ab“, betont Calenberg. „Am Ende wird man immer noch Menschen brauchen, die die finale Entscheidung treffen.“ Technik sei jetzt schon eine Riesenunterstützung und KI werde zweifelsohne eine noch viel größere Unterstützung werden. „Aber ohne Menschen geht es nicht.“
Auf dem Acker ist die Entwicklung noch deutlich offener. Wer die entscheidenden Systeme liefern wird, welche Roboter sich durchsetzen und ob sich die hohen Investitionen für normale Betriebe rechnen, ist nicht entschieden. Der Osten zeigt, dass er das Potenzial hat, sich durchzusetzen. Ob auch die Bundesregierung dieses Potenzial erkennt, bleibt angesichts der gekürzten Förderungen fraglich. Stefanie Sabet vom Bauernverband sagt, Landwirtschaft bedeute den Umgang mit Natur, Tieren, Böden und Wetter. Dazu gehörten neben digitalen Hilfsmitteln weiterhin Erfahrung und Gespür: „Der Geruch eines Ackerbodens verrät manchmal mehr als eine digitale Tabelle.“
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