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Es war ein neuerlicher Schock, als im September die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie veröffentlicht wurden, allerdings ein Schock mit Ansage. Sie offenbarten, dass Deutschlands Schüler im internationalen Vergleich immer weiter zurückfielen. Die Ergebnisse der 15-Jährigen fielen in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen auf die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000. Deutschland liegt in allen drei Kernbereichen nur noch im internationalen Mittelfeld. Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt selbst die Mindestanforderungen im Lesen und in der Mathematik und fast ein Fünftel besitzt in keinem Fach grundlegende Basiskompetenzen. Der Schulerfolg hängt nach wie vor extrem stark und viel stärker als in den erfolgreichen Ländern vom sozioökonomischen Status und dem familiären Hintergrund ab.
Diese Ergebnisse sind erschreckend, desaströs, alarmierend, beschämend. Vor allem, weil in Deutschland Bildung eigentlich der wichtigste Rohstoff ist, über den das Land verfügt. Denn Deutschland lebte bisher von seiner Innovationskraft, die sich zum Beispiel in der hohen Zahl von Patenten zeigte. Es lebte gut von einer Industrie und von einem florierenden Mittelstand mit vielen Weltmarktführern, weil diese immer wieder neue Produkte in bester Qualität trotz verhältnismäßig hoher Preise überall in der Welt verkaufen konnten.
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Grundlage für den Sozialtstaat bricht weg
Dass sich Deutschland in einer strukturellen Krise befindet, sollte sich längst herumgesprochen haben. Dass es vor dem Hintergrund des wachsenden Fachkräftemangels jedes Jahr eine ganze Armee junger Menschen ins Leben entlässt, die nicht mehr richtig rechnen und keinen Text mehr verstehen können, ist vor diesem Hintergrund einfach nur selbstmörderisch. Damit beraubt man diese jungen Menschen gleich doppelt ihrer Zukunftschancen.
Erstens, weil sich ihre Chancen im Berufsleben dramatisch verschlechtern werden. Es gehört zu den deutschen Irrationalitäten, dass immer mehr junge Deutsche in Zukunft im Wettbewerb mit gut ausgebildeten ausländischen Fachkräften das Nachsehen haben werden.
Zweitens wird sich die heutige Bildungskatastrophe negativ auf die gesamte deutsche Wirtschaft auswirken. Denn sie benötigt dringend gut ausgebildeten Nachwuchs. Den bekommt sie aber zusehends weniger, zumindest nicht auf dem heimischen Markt.
Noch etwas kommt hinzu: Ein Land kann sich einen solchen breit ausgebauten Sozialstaat wie den deutschen nur leisten, wenn es das Geld vorher eingebracht hat – nämlich durch eine starke Wirtschaft. Fällt sie weg, bricht auch die Grundlage für den Sozialstaat weg. Ein Punkt, der hierzulande gerne unter den Tisch gekehrt wird.
Ein im Ausland bewunderter Aufstieg
Wie wichtig ein gutes Bildungssystem ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit, und zwar ins heute so häufig verpönte Kaiserreich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nahm die deutsche Wirtschaft nach dessen Gründung 1871 einen fulminanten, im Ausland bewunderten und gefürchteten Aufstieg.
Schon ein paar wenige Zahlen verdeutlichen, wie stark Deutschlands Wirtschaft nach der Reichsgründung wuchs. Sein Außenhandel wuchs insgesamt von sechs Milliarden Goldmark (1880) bis auf 16,4 Milliarden im Jahr 1910 – kein anderes Land, die führende Industrienation Großbritannien eingeschlossen, hatte einen Anstieg, der mit dem deutschen mithalten konnte. Exportierten die Unternehmen des Landes 1880 Waren aus 248 Produktgruppen, so waren es 1913 bereits 782.
Die deutsche Wirtschaft war, obwohl es auch zeitweilige, konjunkturell bedingte Rückschläge gab, stark und innovativ. Sie sorgte dafür, dass es vielen Menschen besser ging (wenngleich weiterhin viele Arbeiter in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebten).
Für diesen Aufstieg gab es eine Reihe von Gründen: der Beginn der Globalisierung, von dem Deutschland als Exportnation profitierte, dazu die Hochindustrialisierung, die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums durch die Gründung des Deutschen Reiches sowie die Tatsache, dass Deutschland damals im Vergleich zum Hauptkonkurrenten Großbritannien ein Niedriglohnland war.
Und es gab noch einen sehr wichtigen, ausschlaggebenden Grund für den Aufstieg der deutschen Wirtschaftsnation: sein im internationalen Vergleich hervorragendes, oft bewundertes und kopiertes Bildungssystem.
Denn die hohe Qualität der Produkte und die bewundernswerte Innovationskraft waren nur möglich, weil das Kaiserreich auf ein Heer von hervorragend ausgebildeten Arbeitskräften zurückgreifen konnte. Nur weil das Niveau von Bildung und Ausbildung im weltweiten Maßstab führend und fortschrittlich war, konnte die deutsche Industrie so gute Qualität liefern und einen stetigen Fluss von Erfindungen und Innovationen auf den Weltmarkt werfen.
Historischer Schulranzen im Heimatmuseum „Unser Fritz“ in Herne
© Michael Korte/Imago
System mit drei Hauptsträngen
Das deutsche Schulsystem hatte drei Hauptstränge: die achtjährige Volksschule, in der die wichtigsten Grundfächer wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Geschichte unterrichtet wurde. Es herrschte Schulpflicht und Deutschlands Kinder und Jugendliche erreichten einen weltweit einmaligen Alphabetisierungsgrad von 100 Prozent.
Es folgten die mittleren Schulen wie die Realschulen – sie wurden in erster Linie von den Söhnen des aufsteigenden Mittelstandes, also Kaufleuten, Handwerkern und Beamten, besucht. Hier standen Lerninhalte wie moderne Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften auf dem Programm.
Auf die Höheren Schulen – Gymnasien und Realanstalten – wurden die Schüler, zumeist Sprösslinge aus dem Adel und dem Bürgertum, auf die Universität vorbereitet. Während auf den Humanistischen Gymnasien der Schwerpunkt auf Griechisch und Latein lag, standen auf den Realgymnasien moderne Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften im Vordergrund.
Ein Meilenstein war die Entstehung von Fortbildungsschulen, aus denen sich später die Berufsschulen entwickelten. Jugendliche, die eine Lehre absolvierten, wurden verpflichtet, an ein bis zwei Tagen pro Woche theoretischen und staatsbürgerlichen Unterricht zu besuchen. Diese Verzahnung von Betrieb und Berufsschule setzte weltweite Maßstäbe.
Ein weiterer Meilenstein war die Gründung der Technischen Hochschulen, die den akademischen Nachwuchs gezielt auf ihren Einsatz in der Industrie vorbereiteten. Ebenso wichtig war, dass die Lehrer an den Schulen damals einen Ausbildungsstandard hatten wie Universitätsprofessoren. Massenhaft Seiteneinsteiger ohne echte Lehrerausbildung einzusetzen, wie das heute zum Beispiel in Berlin der Fall ist, wäre den Verantwortlichen damals nicht in den Sinn gekommen.
Die Technische Hochschule Berlin um das Jahr 1900: Akademischer Nachwuchs wurde gezielt auf den Einsatz in der Industrie vorbereitet.
© piemags/Imago
Eine breite Schicht hochqualifizierter Handwerker
Durch das System aus Lehre und Fortbildungsschule entstand der deutsche Facharbeiter. Während in den USA und England ungelernte Arbeiter am Fließband dominierten, setzte Deutschland auf eine breite Schicht hochqualifizierter Handwerker und Industriearbeiter, was eine überragende Produktqualität ermöglichte – bald wurde „Made in Germany“ ein Gütesiegel.
Und weil die Technischen Hochschulen einen großen Zulauf hatten und 1899 den traditionellen Universitäten gleichgestellt wurden, strömte eine Welle von dort hervorragenden ausgebildeten Ingenieuren, Chemikern und Erfindern in die Unternehmen. Sie übersetzten Wissenschaft direkt in die industrielle Praxis, was so weltweit weitgehend einmalig war. Und wichtig: Leistung war ausschlaggebend.
Die deutsche Wirtschaft profitierte also doppelt von dem damals modernsten Bildungssystem der Welt: einerseits durch eine Heerschar vergleichsweise gut ausgebildeter Industriearbeiter und andererseits durch die auf dem höheren Bildungsweg geformten Spitzenkräfte.
Zu Recht blickte die Konkurrenz im Ausland mit Bewunderung und Sorge zugleich auf das Kaiserreich. Amerikanische Bildungsreformer bereisten Deutschland und nutzten das preußisch-deutsche Schulmodell als Vorbild für die Schaffung des US-amerikanischen Public School Systems. Auch im Vereinigten Königreich beobachtete man besorgt die deutsche Bildungsüberlegenheit. Nach 1880 bemerkten britische Ökonomen, dass deutsche Waren nicht mehr nur billig, sondern technisch überlegen waren. Britische Experten mahnten Großbritannien bereits in den 1880er-Jahren dringend an, das deutsche System der technischen Bildung und Realschulen zu kopieren, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Reformen waren am Ergebnis ausgerichtet
Natürlich dürfen die Schattenseiten des damaligen Bildungssystems nicht verschwiegen werden. Die meisten sind längst behoben: eine Erziehung im nationalistischen Sinn, die Prügelstrafe, die krasse Benachteiligung der Mädchen beim Zugang zum Bildungssystem zum Beispiel.
Ein Problem konnte dagegen bis heute nicht beseitigt werden, auch wenn es sich abgeschwächt hat: Es gibt in Deutschland nach wie vor Hürden für Kinder aus den ärmeren und bildungsferneren Schichten beim Zugang zu höherer Bildung. Diese Hürden sind höher als in fast allen anderen Ländern, die an der Pisa-Studie teilnahmen.
Und natürlich sind die Herausforderungen für das Bildungssystem heute andere als im Kaiserreich. Vor allem gab es damals keine Schulklassen mit einem bis zu 90-prozentigen Migrantenanteil. Ebenso gilt aber auch, dass Reformen damals am Ergebnis ausgerichtet waren und nicht Resultat ideologischer Vorstellungen bestimmter politischer Gruppen waren – die ein Grund für den dramatischen Verfall des deutschen Schul- und Bildungssystems sind.
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Deutschland kann das – es muss aber auch wollen
Heute ist Deutschland vom Vorbild zum Problemfall geworden und verspielt seine Zukunft. Auch wenn es vielen nicht gefallen mag: Wir müssen wieder von der Vergangenheit lernen. Das bedeutet in keiner Weise, dass wir heute das Bildungssystem des Kaiserreichs kopieren sollten. Aber es kann uns als Vorbild dafür dienen, wie ein Land sein Bildungssystem an die aktuellen Herausforderungen anpassen und weiterentwickeln kann. Ein Beispiel dafür, dass Reformen zielorientiert sein müssen und nicht ideologiegesteuert sein dürfen.
So gesehen muss Deutschlands Bildungssystem wieder mehr Kaiserreich wagen. Nur dann hat unsere Wirtschaft zukünftig eine Chance, nur dann sichern wir die Zukunftschancen unserer Jugend und nur dann können wir uns einen teuren Sozialstaat auch in Zukunft leisten. Deutschland kann das – es muss aber auch wollen.
Armin Fuhrer ist Journalist, Historiker und Autor mehrerer Bücher.
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