Jugendschutz

Gegen Missbrauch im Netz: Ein Berliner entwickelt eine sichere App für Minderjährige

Ein neuer Kurznachrichtendienst soll die Anbahnung durch pädophile Täter und Beleidigungen blockieren.

Cedric Rehman
Cedric Rehman
5 Min
Ein Kind benutzt ein Smartphone (Symbolbild).

Ein Kind benutzt ein Smartphone (Symbolbild).

© Aturuxo_Studio/imago

José Diaz erinnert sich an ein Gespräch mit seinem zehnjährigen Sohn in der Adventszeit 2025, das vielen Eltern bekannt vorkommen dürfte. Sein Jüngster mahnte an, dass es endlich an der Zeit sei für sein erstes Smartphone.

Der aus Spanien stammende Unternehmer und Informatiker erzählt in seinem Büro in Schöneberg die alltäglich klingende Geschichte vom Familientisch. Sie stand am Anfang einer von ihm entwickelten Anwendung für das Handy, die Eltern in Deutschland Sorgen abnehmen will. Aber zurück in die Vorweihnachtszeit vor gut einem Jahr. Der älteste Sohn habe ihn angesprochen, nachdem er vom Hauptanliegen auf dem Wunschzettel des jüngsten Bruders erfahren hatte.

Sein heute 23-jähriger Sohn habe ebenfalls im Alter von zehn Jahren sein erstes Handy erhalten, schildert der Vater. „Er hat mir erzählt, was er damals für Nachrichten und Videos geschickt bekommen hat. Es war schockierend“, berichtet der Vater. „Ich habe mir überlegt, was ich tun kann, damit Kinder in Zukunft sicher miteinander kommunizieren können“, sagt der Informatiker.

Die App steht zum Herunterladen bereit

Das Ergebnis seines Nachdenkens findet sich bereits als Anwendung zum Herunterladen in App-Stores für Android- und IOS-Modelle. Sie trägt die Bezeichnung „Kindchat“. Der Name hat eine doppelten Bedeutung. Sie ist zum einen vor allem für Minderjährige gedacht. Das englische Wort „kind“ bedeutet auf Deutsch außerdem „freundlich“.

Kindchat funktioniert als Kurznachrichtendienst zunächst nach dem gleichen Prinzip wie die bekannten Messenger-Dienste. Daten werden auf dem Smartphone des Absenders verschlüsselt und auf dem Handy des Empfängers wieder entschlüsselt. Die Nachrichten sollen auf diese Weise vor Dritten gesichert sein.

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Software-Filter an beiden Enden der Kommunikation machen bei Kindchat den Unterschied. Sie sollen verhindern, dass schädliche Inhalte abgeschickt oder empfangen werden können. Konkret geht es laut App-Entwickler Diaz um Beleidigungen, Mobbing und das sogenannte Grooming.

Kindchat

Kindchat

© Kindchat

Kinder sollen im Chat vor Pädophilen sicher sein

Pädophile Täter geben sich dabei auf sozialen Medien im Internet als Gleichaltrige aus. Die Erwachsenen manipulieren Minderjährige etwa durch Komplimente. Im schlimmsten Fall erfolgt die Anbahnung eines sexuellen Missbrauchs. Das Bundesinnenministerium verzeichnete für das Jahr 2025 4900 sexuelle Missbrauchshandlungen an Kindern ohne Körperkontakt.

Die Dunkelziffer der Grooming-Delikte wird viel größer geschätzt. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen könnte im vergangenen Jahr ein Viertel aller Minderjährigen in Deutschland bereits Erfahrungen mit versuchten Anbahnungen im Internet durch Erwachsene gemacht haben.

Kindchat wertet den Kontext von Nachrichten aus, erklärt Diaz. „Unser Software-Filter kann einen Grooming-Versuch erkennen, selbst wenn einzelne Sätze für sich genommen unverfänglich klingen“, sagt der Entwickler.

Streit ohne Beleidigung bleibt möglich

Kinder und Jugendliche sollen auf der App durchaus miteinander streiten können. Auseinandersetzungen gehörten schließlich in jedem Alter zum Leben dazu, sagt der Entwickler. „Der Filter greift aber ein, wenn Äußerungen kränkend sind und in Richtung Mobbing gehen“, erklärt Diaz.

Kindchat muss dabei in neun Sprachen eine legitime Äußerung von Ärger bei einem Konflikt und eine Beleidigung mit kränkender Wirkung voneinander unterscheiden. Dabei komme es auch auf den kulturellen Kontext an, erklärt Diaz. Die App kann unter anderem auf Türkisch und auf Spanisch heruntergeladen werden.

Gerade das Spanische enthalte manche deftige Ausdrücke, die in der Alltagssprache geläufig seien und Teil ein lebendigen Kommunikation, erklärt Diaz. Das könne die Software erkennen. Der Filter soll auch Betrügereien wie den sogenannten Enkeltrick verhindern können. Dabei erhalten oft ältere Menschen Nachrichten vermeintlicher Verwandter in akuter Geldnot.

Die Software soll auch Betrugsmaschen erkennen

„Unsere App ist deshalb auch für ältere Menschen ein Angebot, die sich vor solchen Maschen schützen wollen“, erklärt Diaz.

Nutzer müssten bei Kindchat lediglich ihre Handynummer angeben. Ein Tracking von Daten gebe es nicht, betont der Entwickler. Die Grundfunktion von Kindchat steht kostenlos zur Verfügung. Erweiterte Funktionen erfordern ein kostenpflichtiges Abonnement.

Diaz ist laut eigenen Angaben in Gesprächen mit Kinderschutzorganisationen, Vereinen und Schulen in unterschiedlichen europäischen Ländern. Der Berliner Unternehmer erhofft sich eine Multiplikatoren-Wirkung, die Kindchat in Europa bekannter machen soll.

Kindchat will Alternative zu US-Angeboten sein

Auch angesichts der geopolitischen Lage und Handelskonflikten etwa zwischen der EU und den USA erkennt er gute Marktchancen für seine App. „Wir brauchen in Europa eigene Produkte, wenn wir unsere Souveränität wahren und die Daten bei uns behalten wollten“, sagt Diaz.

Die Autorin und Kinderschützerin Fiona Harms gründete 2025 in Sangerhausen in Sachsen-Anhalt eine Bildungsakademie zur Verhinderung des digitalen Groomings. Sie bietet unter anderem Kurse und Veranstaltungen für Schulklassen zur Aufklärung an. Harms kennt bereits die Kindchat-App. „Der Ansatz ist gut und die App ist auch gut aufgebaut“, lobt sie.

Die Idee hinter der Anwendung habe aber einen Haken. Für Täter gebe es neben Kurznachrichtendiensten noch viele weitere digitale Räume, in denen eine Kontaktanbahnung möglich sei, etwa Computerspiele, warnt Harms.

Etablierte Messenger-Dienste beherrschen Markt

Das Potenzial europäischer Alternativen mit verbessertem Kinderschutz zu den Angeboten großer Konzerne meist aus den USA hält die Kinderschützerin außerdem für überschaubar. Es gebe inzwischen einige europäische Software-Produkte mit interessanten Ansätzen. „Aber die kleinen Player haben es schwer. Die Konzerne sind einfach zu groß und schon viel zu lange etabliert“, sagt Harms.

Jose Diaz ficht das nicht an. Er glaubt an die Zukunft von Software-Produkten, die seiner Wahrnehmung nach den Erwartungen vieler Verbraucher in Europa entsprechen. „Wir sind die europäische Alternative“, sagt er.

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