BERLIN. Klaus Böger, 60 Jahre alt, Sozialdemokrat und seit Ende 1999 Bildungssenator in Berlin, ist manchmal ehrlich. "Ich habe erst am Donnerstag von dem Brief erfahren", sagte Böger gestern Morgen bei einem Auftritt im ZDF-Frühstücksfernsehen. Dort, im bundesweiten Fernsehen ist der Bildungssenator selten zu Gast, doch seit Donnerstag berichten alle Medien in der Republik über die Neuköllner Rütli-Schule, deren Lehrer wegen der zunehmenden Gewalt ihrer Schüler um die Auflösung der Schule gebeten haben. Das Schreiben ist einen Monat alt. Böger wusste nichts davon.Der Vorfall zeigt, wie schwer sich der SPD-Politiker mit seinem Bereich tut, wie wenig er die Behörde in Griff hat - trotz aller Bemühungen. Schulsenator zu werden, war nie sein politisches Ziel, doch nach der Wahl 1999 wollte Böger unbedingt den Fraktionsvorsitz aufgeben und in den Senat wechseln - dort, nicht in der Fraktion erwirbt man sich Pensionsansprüche. Da Bildung ja eigentlich eine Herzensangelegenheit der Sozialdemokraten ist, traute sich Böger den Job zu. Doch er scheiterte - an seiner oft misslaunigen, manchmal groben und eigenwilligen Art, aber auch an der mangelnden Unterstützung im Senat.In den Anfangsjahren als Senator musste Böger auch in den Schulen sparen und verordnete den Lehrern eine Stunde Mehrarbeit. Das hatte der damalige CDU-SPD-Senat zwar gemeinsam beschlossen, aber Böger erhielt keine Rückendeckung. Lehrer und Eltern versagten ihm die Zustimmung. Nach dem Machtwechsel 2001 wurde die Situation wenig besser. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Böger können nicht miteinander, auch wenn sie es öffentlich so nicht sagen würden. Wowereit, lange Jahre Bildungsstadtrat im damaligen Bezirk Tempelhof, meint, in der Bildungspolitik vieles besser zu wissen. Ständig gab es neue Reibereien: Während Böger dafür eintrat, dass die Schüler künftig zwischen Religions- und Ethikunterricht wählen können, bestand Wowereit auf einem einheitlichen Fach Ethik. Wowereit setzte sich durch und Böger muss die Wut der Kirchen, der Eltern und der Opposition aushalten.Weil auch unter dem rot-roten Senat im Bildungsbereich gespart werden sollte, machte Böger noch einen weiteren Fehler. Vielleicht, weil er nicht noch einmal alleine wie zu Zeiten der großen Koalition, wie unter dem damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU), dastehen wollte. Böger informierte stets erst die Medien, wenn er Streit mit Wowereit oder dem Finanzsenator hatte. Mit Hilfe der Öffentlichkeit hoffte er, sich im Senat durchsetzen zu können. Seine Einschätzung war meistens falsch.Mit der Schule meinte es der Senator aber ernst. Er führte Reformen ein, die - ungünstig für ihn - nur allmählich wirken. Die Vorschulkinder müssen zu Deutsch-Tests, das Alter für die Einschulung wurde auf fünfeinhalb Jahre gesenkt, es werden in ganz Berlin Vergleichsarbeiten geschrieben, es gibt mehr Ganztagsangebote, mehr Modellprojekte für ausländische Kinder. Neuerdings werden Kontrolleure an die Schulen geschickt. Und doch funktioniert die Behörde insgesamt nicht, weiß die Zentrale offenbar nicht, was an den Schulen in den sozial belasteten Bezirken los ist, hält es ein Schulrat nicht für nötig, den Senator über einen Brandbrief wie den der Rütli-Schule zu informieren. "Böger hat versagt, er trägt die Verantwortung", sagt der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Özcan Mutlu.Der Schulsenator will die Verantwortung für die schwierigen Zustände an den Hauptschulen in Berlin aber nicht allein übernehmen. Er verweist auf die gescheiterte Integrationspolitik, auf die Situation in vielen Familien, wo seit Jahren schon niemand mehr einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, wo überhaupt kein Deutsch gesprochen wird. "Die Schule kann die Probleme nur verarbeiten, die Probleme lösen kann Schule nicht", sagte Böger gestern. Nicht zum ersten Mal. Doch was daraus folgt, das sagte er nicht.Im Dezember vergangenen Jahres meldete Böger öffentlich an, dass er nach der Abgeordnetenhauswahl am 17. September dieses Jahres Senator bleiben wolle. Doch das war schon damals nur ein Versuch zu verhindern, dass er bis zur Wahl als Auslaufmodell wahr genommen wird. Gestern hat Böger seine letzte Chance auf ein Senatorenamt selbst kaputt gemacht. Ehrlichkeit hin oder her.------------------------------Schlecht integriert - eher kriminellDie Desintegration der Gesellschaft, die sich in Schulen zeigt, spiegelt sich auch in der Kriminalstatistik: Der Anteil junger ausländischer Straftäter steigt, während allgemein die Zahl der Straftaten sinkt.Geringere Bildung, hohe Jugendarbeitslosigkeit, schlechtere soziale Lage und Perspektivmangel werden von der Politik als Hauptfaktoren für die wachsende Beteiligung junger Migranten an Straftaten genannt.Jugendliche aus Libanon und Ex-Jugoslawien gelten laut der Studie "Junge Zuwanderer und Kriminalität" als besonders gewalttätig. Die meisten der Täter wuchsen in Berlin auf und gingen hier zur Schule.------------------------------Grafik (2) :Jugendgruppengewalt in BerlinJugendkriminalität in Berlin------------------------------Fotos : Berlins Bildungssenator Klaus Böger, SPD, verlässt die Rütli-Hauptschule auf dem Umweg über die Nachbarschule.Polizisten sprechen mit Rütli-Schülerinnen. Die Taschen der Jugendlichen wurden nicht auf Waffen durchsucht.
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