Wie kann die Bundesregierung neue Jobs schaffen? Klaus F. Zimmermann, Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) erläutert sein Konzept, das er aus internationalen Erfahrungen entwickelte.Herr Professor Zimmermann, die Konjunktur flaut immer bedrohlicher ab, und die Arbeitslosigkeit steigt - saisonal betrachtet - wieder an. Steuert Deutschland auf eine neue Periode rasanter Jobvernichtung zu?Das wäre nicht überraschend. Schließlich hat sich die Bundesregierung bisher darauf verlassen, dass die guten makroökonomischen Rahmenbedingungen das Problem der Arbeitslosigkeit schon lösen werden. Leider ist das nicht eingetroffen. Deshalb ist es um so wichtiger, sich nun endlich auch den Strukturproblemen des Arbeitsmarktes zuzuwenden.Kanzler Gerhard Schröder wollte die Zahl der Arbeitslosen bis zum Wahljahr 2002 auf 3,5 Millionen Menschen drücken. Ist das noch zu schaffen?Nur, wenn die Konjunktur nicht einbricht. Ob es so kommt, wissen wir erst am Jahresende mit Sicherheit. Allerdings gehen alle Wirtschaftsforscher gegenwärtig davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Monaten kritisch verlaufen wird.Was würden strukturelle Reformen des Arbeitsmarktes bewirken? Sie haben gerade in einer Studie für das Bundesfinanzministerium die Arbeitsmarktpolitik anderer Länder unter die Lupe genommen. Was können die Deutschen daraus lernen?Zunächst muss man festhalten: International wird die Bewertung der Arbeitsmarktpolitik sehr viel gründlicher und sorgfältiger angegangen als bei uns. Insbesondere Wissenschaftler aus Universitäten und Forschungseinrichtungen sind wesentlich stärker in den Bewertungsprozess eingebunden.Klingt, als wollten Sie vor allem mehr Forschungsaufträge.Mir geht es um Folgendes: Bei uns wird sehr viel Geld in die aktive Arbeitsmarktpolitik gepumpt: Weit mehr als 30 Milliarden Mark pro Jahr. Und die Politik freut sich bereits, sobald Geld abfließt. Das ist aber noch kein Erfolg.Was machen andere Staaten besser?Beispielsweise in den USA wird der Erfolg einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme immer auch an ihren Alternativen gemessen. Man stellt immer die Frage: Hätte der (Fortsetzung auf Seite 31) (Fortsetzung von Seite 29) Arbeitslose auch so einen Job bekommen oder lag es an dem erfolgreichen Programm? Erst aus diesem Vergleich gewinnt man eine Vorstellung davon, wie effektiv ein Instrument ist und ob es in vernünftigem Verhältnis zu seinen Kosten steht.Und welches Instrument der Arbeitsmarktpolitik ist, international gesehen, das effektivste?Lohnsubventionen. Damit wurden beispielsweise in den USA dauerhafte Erfolge erzielt.Wie werden diese Subventionen gewährt?Firmen, die einen Arbeitslosen einstellen, bekommen Unterstützungsleistungen aus öffentlichen Programmen. Aus Sicht des Unternehmens sinken die Lohnkosten, infolgedessen steigt die Nachfrage nach Arbeit.Warum bekommt nicht der Arbeitnehmer das Geld?Aus empirischen Forschungen wissen wir, dass die Bereitschaft der Arbeitnehmer nur sehr schwach ist, auf solche Anreize zu reagieren - verständlich, wenn man auf Deutschland blickt: Bei uns ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Da macht es keinen Sinn, zusätzliche Anreize zur Arbeitsaufnahme zu geben.Für wie lange Zeit werden die Lohnsubventionen in den USA gewährt?Bis zu einem Jahr lang.Trotzdem gibt es dauerhaften Erfolg?Es konnte eine dauerhafte Steigerung der Beschäftigung beobachtet werden. Noch bessere Resultate stellen sich allerdings ein, wenn die Lohnsubventionen mit Weiterbildungsmaßnahmen verknüpft werden. Durch die Kombination ergibt sich ein kräftiges Stimulans für den Arbeitsmarkt.Auch in Deutschland werden längst Lohnsubventionen gewährt. Im Bündnis für Arbeit wurde beschlossen, zwei Verfahren zu erproben: das Saar- und das Mainzer Modell. Die bisherigen Erfahrungen sind allerdings sehr ernüchternd.Kein Wunder. Denn erstens sind beide Modelle abschreckend bürokratisch ausgestaltet. Zweitens existieren daneben eine Fülle weiterer arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, so dass die Anreize, die Lohnsubventionen normalerweise aussenden, untergehen.Wollen Sie alle übrigen Instrumente abschaffen, einschließlich den populären Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ABM?Das wäre in der Tat zu raten. Auch in Ostdeutschland hat man längst erkannt, dass sich auf diese Weise keine dauerhaften Arbeitsplätze schaffen lassen.Wie viele Arbeitsplätze ließen sich denn schaffen, wenn jene über 30 Milliarden Mark, die derzeit pro Jahr für die aktive Arbeitsmarktpolitik aufgewendet werden, künftig auf Lohnsubventionen konzentriert würden?Ich halte 800 000 neue Arbeitsplätze für denkbar.In welchem Zeitraum?Wir wissen erst nach Jahren, ob die Arbeitslosen wirklich dauerhaft integriert sind. Man sollte dem Programm deshalb fünf Jahre geben, um sich einzuspielen.Beim Saar-Modell bekommt, ähnlich wie in den USA, der Unternehmer einen befristeten Zuschuss. Soll die Bundesregierung demnach diesen Ansatz im großen Stil weiterverfolgen?Mein Rat lautet: Ja. Allerdings müsste das Saar-Modell zuvor dringend von bürokratischem Ballast befreit werden.Kürzlich hat der Deutsche Gewerkschaftsbund eine Zwischenbilanz zu den beiden erwähnten Lohnsubventionensmodellen gezogen. Die fiel ähnlich vernichtend aus, wie das, was Sie über ABM sagten.Die Gewerkschaften fürchten, dass Lohnsubventionen den Tarifvertrag aushebeln könnten. Ohnehin haben sie Schwierigkeiten mit der Einführung eines Niedriglohnsektors. Die Idee der Lohnsubventionen liegt aber gerade darin, temporär das Lohnniveau zu senken, ohne gleich das System der Tarifverhandlungen und der Sozialhilfe außer Kraft zu setzen.Allerdings warnen auch viele Wirtschaftsexperten vor Lohnsubventionen. Ihre Befürchtung: Unternehmen könnten schnell versucht sein, sich jede Einstellung vom Staat subventionieren zu lassen.Die Gefahr besteht in der Tat. Deshalb empfiehlt sich eine Karenzzeit, die zum Beispiel so aussehen könnte: Für Lohnsubventionen kommen nur Arbeitslose in Frage, die bereits mindestens ein halbes Jahr lang eine Stelle gesucht haben. Waren sie bereits unmittelbar zuvor im Programm, dann könnten sie auch ganz ausgeschlossen werden.Viele Ökonomen empfehlen, lieber gleich die Tarifautonomie einzuschränken und auf geringere Löhne zu setzen.Ich halte das für gesellschaftspolitisch problematisch. Wir sollten es lieber auf weniger drastische Weise probieren.Das Gespräch führte Hendrik Munsberg."Die Idee der Lohnsubventionen liegt aber gerade darin, temporär das Lohnniveau zu senken. " Klaus Zimmermann
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