Es mag Tage geben, an denen Klaus Wowereit in seinem Amtszimmer sitzt, aus dem Fenster schaut und ins Träumen kommt. Der Blick folgt den Wolken, die Gedanken den Wünschen. Vielleicht stellt sich Berlins Regierender Bürgermeister in solchen Momenten vor, wohin ihn seine Karriere noch führen könnte: SPD-Vorsitzender, Kanzlerkandidat und, wer weiß, eines Tages sogar Kanzler?Laut würde ein erfahrener Politiker solche Gedanken nie äußern. Aber gewisse Vorbereitungen kann er treffen, ohne seine Ambitionen allzu offenkundig werden zu lassen. Er kann ankündigen, bundespolitisch mehr mitreden zu wollen. Er kann das Berliner Koalitionsmodell Rot-Rot als Option für den Bund empfehlen. Er kann seine Reisetätigkeit in andere Landesverbände verstärken, um sich bekannt zu machen. Und er kann sich Partei-Sachverstand einkaufen: den Juso-Vorsitzenden Björn Böhning, den Wowereit vor drei Monaten als Strategie-Berater in der Senatskanzlei eingestellt hat. Böhning kennt die SPD ganz genau, er weiß, mit wem man reden muss, und er kann die Mehrheitsverhältnisse auf einem Parteitag einschätzen. Böhning gehört außerdem zur SPD-Linken, dem Flügel, der sich am ehesten für ein rot-rotes Bündnis erwärmen kann.Das ist wichtig, denn Rot-Rot ist Wowereits Markenzeichen. Er hat es geschafft, die Linkspartei in der Regierungsdisziplin einzudämmen. Aus der Wahl im September 2006 ging sie mit leichten Verlusten, die SPD aber mit leichten Gewinnen hervor. Wowereit hat dann auch entschieden, die Koalition fortzusetzen, obwohl viele seiner Wähler Rot-Grün lieber gesehen hätten. Doch in der Opposition kann die Linkspartei den Berliner Sozialdemokraten zu gefährlich werden. Denn der Sparkurs, zu dem der Senat gezwungen ist, würde ihnen die Wähler zutreiben.In der Bundes-SPD ist die Option Rot-Rot bisher unbeliebt, was auch am Widerwillen der Sozialdemokraten gegen ihren einstigen Parteivorsitzenden und jetzigen Linkspartei-Politiker Oskar Lafontaine liegt. Die meisten Sozialdemokraten wünschen sich eine Wiederkehr von Rot-Grün; Parteichef Kurt Beck steht für Offenheit zur FDP. Nur wenn diese Kombinationen bei der Bundestagswahl 2009 scheitern sollten, hätte Wowereit mit Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün eine Chance. Dann nämlich, wenn es für die SPD die einzige Chance wäre, eine Neuauflage der verhassten großen Koalition zu vermeiden.Wowereit, heute 53, wäre in zwei Jahren im besten Kanzleralter. Er ist einer der wenigen erfolgreichen Länderchefs der SPD, und er ist intelligent, machtbewusst und charismatisch. Aus der winzigen Zahl von Hoffnungsträgern, die die Sozialdemokraten aufzubieten haben, ragt er hervor. "Wowereit ist die Edelreserve unserer Partei", sagt ein SPD-Abgeordneter. Ob das reicht? Wowereits zweite Amtszeit in Berlin hat schlecht begonnen, und es mehrt sich die Kritik an seinem Führungsstil. Schon die Berliner murren, dass Wowereit es mit dem Partyleben manchmal übertreibt. Wie würden Wähler aus Kleinstädten und ländlichen Gebieten auf einen offen schwulen Kanzlerkandidaten reagieren? Eine erste Antwort könnte dieser Herbst bringen. Wowereit könnte sich beim SPD-Parteitag als stellvertretender Vorsitzender bewerben - eine riskante Angelegenheit, denn wahrscheinlich würde es eine Kampfabstimmung geben. Gut möglich, dass er lieber noch abwartet. Und weiter träumt.
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