Nachhaltigkeit

Trendlos glücklich: Wie die Gen Z mit ihrem Konsum den Planeten retten könnte

Wir besitzen mehr Kleidung als je zuvor und tragen vieles davon kaum. Ein Plädoyer für weniger Kaufen, mehr Kreativität und den Mut, alte Sachen neu zu sehen.

Marie Hartmann
5 Min
Viele deutsche Schränke quellen vor Kleidung nur so über. Trotzdem fühlen wir uns immer wieder, als hätten wir nichts zum Anziehen.

Viele deutsche Schränke quellen vor Kleidung nur so über. Trotzdem fühlen wir uns immer wieder, als hätten wir nichts zum Anziehen.

© Gottfried Czepluch/Imago

Samstagnachmittag. Im Alexa tummeln sich die Shoppenden wie kleine Ameisen in den unzähligen Stores. Zwischen Kleiderstangen, endlosen Schlangen vor den Umkleiden und einem ständigen Hin und Her zwischen kalter und warmer Luft: alle auf der Jagd nach dem nächsten Kleidungsstück, das den Kleiderschrank endgültig vollstopft.

Ein paar U-Bahn-Stationen weiter wühle ich mich auf dem Flohmarkt durch Jeans, Mäntel und alte Hemden. Es riecht nach frischem Filterkaffee und ein bisschen modrig. Überall um mich herum wuseln die Leute umher und feilschen nur so um die Wette.

Schlendern, stöbern, feilschen: Der Flohmarktbesuch gehört für viele junge Menschen schon zum festen Wochenendprogramm.

Schlendern, stöbern, feilschen: Der Flohmarktbesuch gehört für viele junge Menschen schon zum festen Wochenendprogramm.

© Stefan Zeitz/Imago

Die neue Art des Konsums: Zwischen Flohmarkt und Fast Fashion

Secondhand gehört längst zum Stil meiner Generation. Auf Flohmärkten, in Vintage-Läden und auf Online-Verkaufsplattformen suchen vor allem Teenager und junge Erwachsene nach einzigartigen Fundstücken. Gleichzeitig gehört es zu unserem Alltag, dass neue Kleidung jederzeit verfügbar ist: ein Klick, ein Rabattcode, ein Paket am nächsten Tag am Späti oder im Briefkasten.

Wir sprechen viel über Klimakrise, Ausbeutung und bewussteren Konsum – und bewegen uns doch inmitten einer Modeindustrie, die von Tempo lebt. Kaum ist eine Kollektion in den Läden, wartet schon der nächste Sale. Kaum ist ein Trend da, ist er schon wieder überholt. Was günstig und jederzeit verfügbar ist, wird schnell ersetzbar.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Kleidungsstücke, die einfach vergessen werden

Eine Befragung von Greenpeace aus dem Jahr 2025 zeigt: Menschen zwischen 18 und 69 Jahren in Deutschland besitzen im Schnitt 90 Kleidungsstücke. Rund ein Drittel davon wird nur selten oder nahezu gar nicht getragen. Wir kaufen und kaufen – kommen aber kaum noch hinterher, die Teile auch tatsächlich anzuziehen.

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Auch der Secondhand-Markt ist davor nicht gefeit. Auf Verkaufsplattformen gibt es Live-Verkäufe, Rabattaktionen und Zeitdruck. Flohmärkte und Secondhand-Läden werden immer voller.

Secondhand kann diesen Kreislauf durchbrechen. Muss es aber nicht. Auch gebrauchte Kleidung kann einfach zur nächsten schnellen Bestellung werden – zu einem weiteren Teil im Schrank, das nur kurz Freude macht und dann in Vergessenheit gerät.

Gebraucht kaufen ist besser als neu kaufen – aber es bleibt das Kaufen. Der Kleiderberg wird dadurch nicht kleiner, nur weil wir ihn vermeintlich nachhaltiger erklimmen.

Neu stylen statt neu kaufen

Statt neu zu kaufen, kann sich die Frage lohen: Was hängt eigentlich schon in meinem Schrank? Welche Teile geraten nur deshalb in Vergessenheit, weil sie gerade nicht zum Trend passen oder weil sie einfach nur etwas zu weit hinten in den Schrank gerutscht sind?

Vielleicht lässt sich das alte Hemd mal anders knöpfen oder um die Hüfte tragen, aus der zu langen Hose eine Shorts machen. Und der Trenchcoat muss nicht sofort in die Altkleidersammlung wandern, nur weil in meiner Generation niemand mehr einen Knopf annähen kann.

Do it yourself: Ein paar Handgriffe können einem alten Kleidungsstück ein neues Leben geben.

Do it yourself: Ein paar Handgriffe können einem alten Kleidungsstück ein neues Leben geben.

© Westend61/Imago

Wer weniger neu kauft, muss oft kreativer werden. Kleidung zu reparieren, umzunähen, zu tauschen oder anders zu kombinieren kostet manchmal mehr Zeit und Können als der schnelle Klick auf „Bestellen“. Das kann auch Freude bringen oder gar zum Hobby werden. Man beschäftigt sich wieder mit den Dingen, die man besitzt, statt sie beim kleinsten Makel auszusortieren.

Flicken und Nähen: Kleidung reparieren

In der offenen Textilwerkstatt des Kostümkollektivs Berlin können Sie Ihre Kleidung jeden Dienstag- und Mittwochnachmittag für eine Aufwandsentschädigung von vier Euro unter fachlicher Betreuung ändern und reparieren.

So lassen sich hier Knöpfe annähen, Löcher flicken oder Reißverschlüsse austauschen – und vor allem: Aus etwas Altem etwas Neues zaubern.

„Secondhand September“: Nichts Neues kaufen

Der „Secondhand September“, eine Aktion der Hilfsorganisation Oxfam, ruft jedes Jahr unter dem Motto „Trendlos glücklich“ dazu auf, im September keine neu produzierte Kleidung zu kaufen. Stattdessen geht es darum, Gebrauchtes zu tragen, Teile zu tauschen, zu reparieren oder dem eigenen Kleiderschrank wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Das klingt zunächst nach Verzicht. Es kann aber auch ein wertvolles Experiment sein: Was passiert, wenn wir einen Monat lang mit dem auskommen, was schon da ist?

Sharing is Caring: Kleidung tauschen in Berliner Bibliotheken

Wer den Versuch wagen will, findet in Berlin dafür mehr Möglichkeiten als nur den Flohmarkt am Wochenende.

Für Abwechslung im Kleiderschrank und neue Inspiration kann auch ein Kleidertausch sorgen. Kleidertauschpartys, die regelmäßig in verschiedenen Berliner Bibliotheken stattfinden, laden ein zum Austausch zwischen Kaffee und Kuchen und zeigen uns eine alternative Konsumform. Ganz unter dem Motto: Teilen statt kaufen.

Schont den Geldbeutel und ist auch noch nachhaltig: Kleidertauschbörsen finden in Berlin regelmäßig statt.

Schont den Geldbeutel und ist auch noch nachhaltig: Kleidertauschbörsen finden in Berlin regelmäßig statt.

© Funke Foto Services/Imago

Aktuelle Ausgaben solcher Kleidertauschbörsen finden in der Bibliothek Tempelhof am 10. September von 16 bis 18 Uhr, in der Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg am 26. September von 11 bis 14 Uhr und in der Bibliothek Tiergarten-Süd am 28. September von 12.30 bis 18 Uhr statt.

Wir retten nicht die Welt, aber vielleicht unsere alte Jeans

Natürlich wird Secondhand die Probleme der Modeindustrie nicht allein lösen. Würden deutlich weniger neue Textilien produziert, hätte das auch Folgen für Arbeitsplätze entlang der Lieferketten.

Deshalb darf die Verantwortung nicht allein bei den Käuferinnen und Käufern landen. Unternehmen und Politik müssen dafür sorgen, dass weniger Überproduktion nicht zulasten derjenigen geht, die von der Textilindustrie leben.

Und doch können Initiativen wie der „Secondhand September“ etwas schaffen, das im hektischen Konsum oft fehlt: eine Pause.

Bevor das nächste Paket bestellt wird, lohnt vielleicht ein Blick in den eigenen Schrank. Wer weiß – vielleicht entdeckt man die alte Skinny Jeans wieder, die man längst abgeschrieben hatte. Es fehlt nur ein neuer Blick. Oder ein Knopf.

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