Deutschlands Städte sind rechnerisch Hunderte Kilometer nach Süden gewandert. Berlin ist heute so warm wie Lyon in den Jahren 1951 bis 1980, Hamburg so warm wie das Paris jener Zeit. Dahinter steckt eine Zahl, die der Deutsche Wetterdienst inzwischen offiziell ausweist: 2,5 Grad.
Berlin wie Lyon, Hamburg wie Paris: Die neue Temperatur-Landkarte
Die Rechnung ist simpel. Man nimmt die heutige Durchschnittstemperatur einer Stadt und sucht in Europa den Ort, der früher genauso warm war.
Berlin, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart landen so beim Lyon der Nachkriegsjahrzehnte. Köln entspricht dem damaligen Poitiers. Aufgestellt hat den Vergleich Meteorologe Jan Schenk für weather.com, veröffentlicht wurde er bei FOCUS online.
Auf der Landkarte ist Berlin damit knapp 1000 Kilometer Luftlinie bis an die Rhône gerutscht. Hamburg hat rund 750 Kilometer nach Südwesten geschafft, ohne einen einzigen Umzugskarton.
Hamburg holt Paris trotzdem nicht ein
Der Haken: Paris ist nicht stehen geblieben. Die Station im Parc Montsouris kommt laut Météo-France im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 auf 12,8 Grad.
Laut dem Vergleich ist Paris selbst inzwischen beim früheren Toulouse angekommen. Hamburg jagt also einer Stadt hinterher, die längst weitergezogen ist.
München verliert 400 Höhenmeter – auf dem Thermometer
Am kuriosesten ist der Fall Bayern. München und Nürnberg haben heute Temperaturen, wie sie früher typisch für Karlsruhe waren, die alte Wärmeinsel am Oberrhein.
München liegt auf mehr als 500 Metern Höhe, Karlsruhe auf rund 100. Weil die Luft im Schnitt um etwa 0,65 Grad pro 100 Höhenmeter abkühlt, wirkt die Landeshauptstadt so, als hätte sie gut 400 Meter Berg verloren.
2,5 Grad: Die Zahl hinter dem großen Städte-Umzug
Der DWD beziffert die Erwärmung Deutschlands auf 2,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. Seit den 1970er-Jahren kamen laut Wetterdienst 0,41 Grad pro Jahrzehnt dazu.
Ein Jahresmittel über 10 Grad gab es vor 2014 nie. 2023 brach den Rekord, 2024 legte mit 10,9 Grad noch einmal 0,3 Grad drauf. 2025 lag laut DWD-Bilanz bei 10,1 Grad.
Am deutlichsten spürt man das im Sommer. 2024 zählte der Wetterdienst im Schnitt 52 Sommertage über 25 Grad und zwölf heiße Tage über 30 Grad, fast dreimal so viele heiße Tage wie üblich.
Auch Österreich wandert mit. Wien erreicht laut dem Vergleich heute das Niveau des früheren Verona, das Tiefland des Landes lag 2025 laut GeoSphere Austria 2,1 Grad über dem Mittel von 1961 bis 1990.
Berlin wie Canberra? Was der Vergleich nicht zeigt
Der Städtetausch ist eine grobe Vereinfachung. Niederschlag, Frosttage, Dürrephasen und die Hitzeinseln der Innenstädte fließen nicht ein. Der kühlere Osten erreicht zudem nicht das Niveau des Oberrheingrabens.
Und ein Detail bleibt ganz im Norden. Die Temperatur ist nach Süden gewandert, das Tageslicht nicht. Berlin bekommt im Dezember weiter nur gut siebeneinhalb Stunden Tageslicht. Lyon-Temperaturen hin oder her.
Wie es weitergeht, hat ein Team der ETH Zürich für 520 Großstädte durchgerechnet. Berlin könnte sich bis 2050 wie das heutige Canberra anfühlen, München wie Mailand. Für 22 Prozent der Städte erwarten die Forscher ein Klima, das es heute in keiner Großstadt der Welt gibt.
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