Ein Schmugglerboot rast im Februar 2024 im Hafen von Barbate im Süden Spaniens auf ein Einsatzboot der Guardia Civil zu und rammt es. Zwei Beamte sterben, vier weitere werden verletzt. Die spanische Guardia Civil bestätigte später, dass die sogenannte Narcolancha das Polizeiboot mit hoher Geschwindigkeit traf. Der Angriff machte sichtbar, mit welcher Gewalt die Kokain-Netzwerke vor Europas Küsten inzwischen vorgehen.
Mehr als zwei Jahre später hat das Geschäft noch einmal an Dimension gewonnen. Die weltweite Kokainproduktion erreichte nach Angaben des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung 2024 mit geschätzt 4100 Tonnen einen Rekord. Seit 2014 hat sich die potenzielle Produktion damit mehr als vervierfacht. Gleichzeitig verteilen die Schmuggler ihre Lieferungen auf immer mehr Wege nach Europa.
Das Wall Street Journal beschreibt nach Recherchen in Südspanien ein ausgefeiltes System aus Schnellbooten, Übergaben auf See, Drohnen, Radar und Wärmebildtechnik. Die Technik hilft den Besatzungen, Polizeieinsätze früh zu erkennen und sich der Verfolgung zu entziehen.
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Bis zu vier Tonnen Kokain in einem Schnellboot
Im Zentrum stehen die sogenannten Narcolanchas. Die langen Fiberglasboote sind teilweise mit vier Motoren ausgerüstet und erreichen laut Wall Street Journal bis zu 60 Knoten, also mehr als 110 Kilometer pro Stunde. Sie können bis zu vier Tonnen Kokain transportieren und sind darauf ausgelegt, auch bei rauer See mit hoher Geschwindigkeit zu fahren.
Doch die Geschwindigkeit ist nur ein Teil des Systems. Besatzungen warten nach Angaben eines früheren Fahrers teilweise wochenlang in internationalen Gewässern auf ihre Fracht. Kokain wird von größeren Schiffen oder Halbtauchbooten übernommen und anschließend über Strände, Buchten oder Flüsse an Land gebracht. Auch der Guadalquivir mit seinen Seitenarmen und abgelegenen Ufern dient als Transportweg.
Die europäische Drogenagentur EUDA bestätigt die zunehmende Vielfalt der Schmuggelmethoden. Neben den großen Containerhäfen nutzen die Netzwerke kleinere Häfen, Umladungen auf See, Schnellboote, bemannte und unbemannte Halbtauchboote sowie Drohnen. Die Behörde sieht darin eine Anpassung an den stärkeren Fahndungsdruck an den klassischen Einfallstoren.
Spanische Ermittler können mit der Technik der Schmuggler offenbar nur begrenzt mithalten. Nach Recherchen des Wall Street Journal verfügen die Sicherheitsbehörden im Süden des Landes über höchstens einige Dutzend geeignete Patrouillenboote. Weniger als zehn sollen schnell genug sein, um mit den leistungsstärksten Narcolanchas mitzuhalten. Ein spanischer Zollfahnder beschrieb das Problem so: „Wir können sie sehen. Das Problem ist, sie zu stoppen.“
Schiffe der Guardia Civil und des Zolls bergen vor der spanischen Küste ein mutmaßliches Drogen-U-Boot.
© Elena Fernandez/dpa
Rekordproduktion lässt Großhandelspreise fallen
Die enorme Produktion wirkt sich inzwischen auf Europas Kokainmarkt aus. Die Global Initiative Against Transnational Organized Crime spricht von einem strukturellen Überangebot. Ermittler und Justizquellen aus Barcelona meldeten Anfang 2026 Großhandelspreise von lediglich 12.000 bis 14.000 Euro pro Kilogramm. In Belgien und den Niederlanden lagen sie 2025 bei etwa 15.000 bis 16.000 Euro.
Die Preise auf der Straße sind dagegen vergleichsweise stabil geblieben. In mehreren westeuropäischen Ländern bewegen sie sich der Untersuchung zufolge meist zwischen 45 und 65 Euro pro Gramm. Für die kriminellen Netzwerke bedeutet das größere Margen. Die Forscher berichten zugleich von derart großen Liefermengen, dass Kokain schneller weiterverteilt und teilweise weniger stark gestreckt werde.
Auch die offiziellen Daten zeigen eine steigende Qualität. Die durchschnittliche Reinheit von Kokain im europäischen Einzelhandel lag 2024 je nach Land zwischen 48 und 92 Prozent. In der Hälfte der erfassten Staaten betrug sie durchschnittlich 64 bis 75 Prozent. Gegenüber 2014 stieg der Reinheitsindex der EUDA um 44 Prozent.
Bei Drug-Checking-Angeboten war der Trend 2025 noch deutlicher: Rund 65 Prozent der untersuchten Kokainproben hatten einen Reinheitsgrad von mindestens 80 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 50 Prozent.
Spanien beschlagnahmt 124 Tonnen Kokain
Wie stark Spanien inzwischen im Zentrum der europäischen Lieferketten steht, zeigen die Beschlagnahmungen. 2024 stellten die Behörden dort nach EUDA-Daten 124 Tonnen Kokain sicher. Das war mehr als in Belgien, den Niederlanden und Deutschland zusammen. EU-weit wurden 330 Tonnen beschlagnahmt.
Dass die EU-weite Menge unter den 419 Tonnen des Vorjahres lag, interpretiert die EUDA nicht als Zeichen für weniger Nachschub. Die Zahl der einzelnen Sicherstellungen nahm zu. Nach Einschätzung der Behörde spricht das eher für eine Verlagerung der Routen und Methoden als für sinkende Liefermengen nach Europa.
Wie groß einzelne Transporte mittlerweile werden, zeigte eine Operation der Guardia Civil im Mai. Südlich der Kanarischen Inseln enterten Einsatzkräfte das Schiff Arconian. An Bord fanden sie 30.215 Kilogramm Kokain in 1279 Paketen. Das spanische Innenministerium bezeichnete den Fund als größte Kokainbeschlagnahme, die jemals auf einem einzelnen Schiff registriert worden sei.
Besonders aufschlussreich für die Logistik: Zusätzlich fanden die Ermittler mehr als 42.000 Liter Treibstoff an Bord. Nach Angaben des Innenministeriums war er für Hochgeschwindigkeitsboote bestimmt, die das Kokain auf See übernehmen und weitertransportieren sollten.
Fast drei Tonnen beschlagnahmtes Kokain bei einer gemeinsamen Aktion von Polizei und Guardia Civil in Andalusien.
© Joaquin Corchero/imago
Mehr als 500.000 US-Dollar für ein Schmugglerboot
Die Netzwerke investieren entsprechend hohe Summen. Ein Hochleistungsboot mit vier 400-PS-Motoren und Radartechnik kostet nach Recherchen des Wall Street Journal mehr als 500.000 US-Dollar. Für die Organisationen ist das Teil einer hochprofitablen Lieferkette, in der beschlagnahmte Ladungen als Verluste einkalkuliert werden können.
Die EUDA und die Global Initiative beschreiben unabhängig voneinander denselben Wandel: Große Häfen wie Antwerpen oder Rotterdam bleiben bedeutend, doch die Netzwerke verteilen ihre Transporte zunehmend auf kleinere Häfen, alternative Seerouten, Übergaben auf dem offenen Meer und kleinere Lieferungen. Damit sinkt die Bedeutung einzelner Kontrollpunkte.
An Spaniens Südküste zeigt sich, was diese neue Logistik bedeutet. Die Rekordproduktion in Südamerika liefert immer mehr Ware, niedrige Großhandelspreise sprechen für reichlichen Nachschub. Hightech, schnellere Boote und ein immer dichteres Netz alternativer Routen machen es den Behörden zugleich schwerer, die Lieferketten zu unterbrechen.
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