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Urteil

96 Morde und Hunderte Folteropfer: 25 Jahre Haft für Kosovos Ex-Präsidenten

Für viele Kosovo-Albaner gilt Hashim Thaci als Befreiungsheld. Das Sondertribunal sieht ihn dagegen in Mitverantwortung für 96 Morde und die Folter Hunderter Menschen.

4 Min
Der frühere Präsident des Kosovo, Hashim Thaçi, hält am 14. Dezember 2018 eine Rede

Der frühere Präsident des Kosovo, Hashim Thaçi, hält am 14. Dezember 2018 eine Rede

© Erkin Keçi/imago

Hashim Thaci stand schweigend im Gerichtssaal, als Richter Charles Smith das Strafmaß verkündete. Der frühere Präsident des Kosovo muss wegen Kriegsverbrechen für 25 Jahre ins Gefängnis. Seine Untersuchungshaft seit November 2020 wird angerechnet.

Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag befand Thaci und drei weitere ehemalige Führungspersonen der Kosovo-Befreiungsarmee UCK am Mittwoch für schuldig. Nach Überzeugung der Richter tragen die Männer Verantwortung für die rechtswidrige Inhaftierung von 385 Menschen, die Folter von 303 Gefangenen, die grausame Behandlung von 49 Menschen und die Ermordung von 96 Menschen.

„Der Plan war ebenso einfach wie schädlich“, sagte Smith laut Reuters. In den von der UCK kontrollierten Gebieten seien Haftstätten eingerichtet und vermeintliche Gegner identifiziert worden. Sie wurden festgenommen, misshandelt und in einigen Fällen getötet.

Opfer galten als „Kollaborateure“

Zu den Verfolgten gehörten Kosovo-Albaner, die mit rivalisierenden politischen oder militärischen Gruppen verbunden waren. Auch Serben, Roma und Menschen, denen Kontakte zu serbischen Behörden vorgeworfen wurden, gerieten ins Visier.

Das Gericht betonte, die große Mehrheit der Opfer seien Zivilisten gewesen. Nur in wenigen Fällen habe es Hinweise darauf gegeben, dass sie an Kämpfen beteiligt waren oder eine Gefahr für die UCK darstellten. Mitunter reichten serbische Freunde oder eine Beschäftigung in einem serbischen Unternehmen, um als Kollaborateur bezeichnet zu werden.

Thaci habe als Mitglied des UCK-Generalstabs und Leiter der politischen Direktion entscheidend daran mitgewirkt, Gegner zu identifizieren, Haftstätten aufzubauen und deren Verfolgung zu organisieren. Die Richter sahen auch seine persönliche Beteiligung an Festnahmen und Verhören als erwiesen an.

Drei weitere UCK-Führer verurteilt

Der frühere UCK-Geheimdienstchef Kadri Veseli erhielt 18 Jahre Haft, Rexhep Selimi 13 Jahre. Gegen den ehemaligen UCK-Sprecher Jakup Krasniqi verhängten die Richter ebenfalls eine Strafe von 25 Jahren. Alle vier Angeklagten hatten die Vorwürfe zurückgewiesen.

Die Staatsanwaltschaft hatte jeweils 45 Jahre Haft gefordert. Vom Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden die Männer jedoch freigesprochen. Die Anklage habe nicht zweifelsfrei bewiesen, dass die Taten Teil eines groß angelegten oder systematischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung gewesen seien. Gegen das Urteil kann Berufung eingelegt werden.

Vom Untergrundkämpfer zum Präsidenten

Thaci gehörte während des Kosovo-Kriegs von 1998 bis 1999 zur Führung der UCK, die gegen serbische Truppen und für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte. 1999 nahm er als politischer Vertreter der Organisation an den Friedensverhandlungen im französischen Rambouillet teil.

Nach dem Krieg stieg er zum Regierungschef und später zum Präsidenten des Kosovo auf. 2020 trat er nach Bestätigung der Anklage zurück und stellte sich dem Gericht in Den Haag.

Vor der Zentrale der EU-Rechtsstaatsmission EULEX in Pristina geraten Demonstranten mit der kosovarischen Bereitschaftspolizei aneinander. Sie protestieren gegen die Verurteilung des früheren Präsidenten Hashim Thaci zu 25 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen.

Vor der Zentrale der EU-Rechtsstaatsmission EULEX in Pristina geraten Demonstranten mit der kosovarischen Bereitschaftspolizei aneinander. Sie protestieren gegen die Verurteilung des früheren Präsidenten Hashim Thaci zu 25 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen.

© ARMEND NIMANI/dpa

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Der Krieg endete nach 78 Tagen mit Luftangriffen der Nato auf serbische Stellungen. Rund 13.000 Menschen wurden getötet, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner. Etwa eine Million Menschen wurden vertrieben. Das Kosovo erklärte 2008 seine Unabhängigkeit, die Serbien bis heute nicht anerkennt.

Richter Smith betonte, das Verfahren habe weder über die Legitimität der UCK noch über das Ziel eines unabhängigen Kosovo entschieden. Die von serbischen Truppen und paramilitärischen Verbänden begangenen Verbrechen seien nicht Gegenstand dieses Prozesses gewesen.

Proteste nach dem Urteil

In Pristina verfolgten zahlreiche Unterstützer die Urteilsverkündung auf einer großen Leinwand. Anschließend zogen Demonstranten durch die Stadt. Auch in Den Haag versammelten sich mehrere Hundert Anhänger Thacis. Als einige zum Gerichtsgebäude marschieren wollten, kam es laut Reuters zu kurzen Zusammenstößen mit der Polizei.

Kosovos Außenminister Glauk Konjufca bezeichnete die Entscheidung gegenüber AP als „ein schreckliches Urteil für Kosovo, für unser Volk und für unseren Befreiungskrieg“.

Das Sondertribunal gehört zur kosovarischen Justiz, hat seinen Sitz wegen Sicherheitsbedenken und der Gefahr einer Einschüchterung von Zeugen jedoch in Den Haag. Auch in diesem Verfahren berichteten die Richter von massivem Druck auf Zeugen. Einige hätten frühere Aussagen zurückgenommen, Details verschwiegen oder vor Gericht gelogen.

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