Erderwärmung

Kriege als Klimakiller: Warum ihre Auswirkungen hartnäckig ignoriert werden

In offiziellen Berichten wird der immense Einfluss von Militär und Kriegen auf die Umwelt und das Klima ausgeklammert. Es wird Zeit, das zu ändern.

Torsten Harmsen
Torsten Harmsen
9 Min
Die brennenden Ölquellen in Kuwait im Golfkrieg 1991 lösten eine der größten Umweltkatastrophen der Menschheit aus. Pro Tag sollen sechs Millionen Barrel Öl verbrannt sein.

Die brennenden Ölquellen in Kuwait im Golfkrieg 1991 lösten eine der größten Umweltkatastrophen der Menschheit aus. Pro Tag sollen sechs Millionen Barrel Öl verbrannt sein.

© ntv/AP

Das Erdklima wandelt sich ständig, über viele Jahrmillionen – zwischen Warmklima und Eiszeitaltern. Zudem wechseln sich innerhalb von Eiszeitaltern Warm- und Kaltzeiten ab. Hauptursachen dafür sollen astronomische Veränderungen in der Form der Erdbahn und der Neigung der Erdachse sein, die außerdem noch „taumelt“. Diese Phasen dauern Zehn- bis Hunderttausende von Jahren. Sie nennen sich Milanković-Zyklen.

Dass sich aber auch kurzfristigere zusätzliche Ereignisse auf das Klima auswirken können, haben Forscher in einer neuen Studie beschrieben. So sollen vor 56 Millionen Jahren etwa 2500 bis 4500 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO₂) in die Luft und die Meere der Erde gelangt sein, und zwar innerhalb von 3000 bis 10.000 Jahren.

Was die Ursache dieser plötzlichen Emissionen war, sei noch nicht geklärt, schreiben die Wissenschaftler vom Natural History Museum of Los Angeles County in Kalifornien, USA, im Fachjournal Science. Unter anderem werden massive Vulkanausbrüche vermutet. In der Folge sei es „zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 5 bis 9 Grad Celsius“ gekommen, so die Forscher, die anhand von Blattfossilien vor allem die grundlegenden Veränderungen der Vegetation beschreiben. In diesem Zusammenhang diskutieren sie auch die möglichen Folgen der aktuellen Erderwärmung.

Klimaveränderungen in der Menschheitsgeschichte wurden von vielen Faktoren beeinflusst

Innerhalb der Menschheitsgeschichte hat es bereits einige einschneidende Klimaveränderungen gegeben. Mit Beginn des Holozäns – vor etwa 11.500 Jahren – stiegen nach der letzten Kaltzeit die Temperaturen rasch an: global um 4 bis 6 Grad Celsius, regional um bis zu 10 Grad. Dies schuf die Bedingungen für Ackerbau, Viehzucht und die Sesshaftwerdung des Menschen – die Neolithische Revolution.

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In der Mittelalterlichen Warmzeit von etwa 950 bis 1250 auf der Nordhalbkugel konnte in Skandinavien Wein angebaut werden. Auf Grönland entstanden Wikingersiedlungen, die im 15. Jahrhundert verschwanden, als es wieder kälter geworden war. Für die Zeit von etwa 1300 bis ins 19. Jahrhundert spricht man von der sogenannten Kleinen Eiszeit – mit strengen Wintern und verregneten Sommern. Als Ursachen werden unter anderem eine Reihe starker Vulkanausbrüche und eine besonders geringe Sonnenaktivität (Maunder-Minimum) diskutiert.

Die sogenannte Kleine Eiszeit mit kurzen Sommern und langen eisigen Wintern hat viele Spuren in der Kunst hinterlassen. Hier: Philips Wouwermans Bild „Winterlandschaft mit Holzsteg“ aus dem 17. Jahrhundert.

Die sogenannte Kleine Eiszeit mit kurzen Sommern und langen eisigen Wintern hat viele Spuren in der Kunst hinterlassen. Hier: Philips Wouwermans Bild „Winterlandschaft mit Holzsteg“ aus dem 17. Jahrhundert.

© Staatliche Museen zu Berlin/Gemäldegalerie/Jörg P. Anders

Während jedoch die Klimaanomalien der letzten zwei Jahrtausende zeitlich und regional uneinheitlich gewesen sein sollen, sprechen Klimaforscher heute angesichts der Erderwärmung von einem global gleichzeitigen Geschehen, forciert durch den Ausstoß von Treibhausgasen seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Die Folgen in unseren Breiten – zum Beispiel regionale Hitzewellen und Trockenheit in diesem Sommer – werden massiv verstärkt durch Faktoren wie Waldrodungen, Flächenversiegelung, begradigte Flüsse und trockengelegte Moore, intensive Landwirtschaft auf riesigen Flächen und übermäßige Grundwasserentnahme. Kurz: Auch menschengemachte Umweltveränderungen beeinflussen das Klima. Sie zerstören „CO₂‑Senken“ wie Wälder, Moore, Feuchtgebiete, Flussauen, Graslandschaften und intakte Böden.

Über einige Quellen für Treibhausgase und Umweltzerstörungen wird viel diskutiert: etwa über die Energiewirtschaft, den Verkehr, die Landwirtschaft. Doch über anderes wird kaum geredet. Wer hat jemals konkret untersucht, welchen Einfluss Kriege auf Umwelt und Klima haben? Diese Frage ist immens wichtig, auch angesichts zunehmender Konflikte auf der Welt. Man denke an die Ukraine, den Nahostkonflikt, den Bürgerkrieg im Sudan oder die Auseinandersetzungen im Iran. Allein von Januar bis September 2025 wurden fast 90 Kriege in 31 Ländern gezählt, wie das auf Risikoanalysen spezialisierte Karlsruher Unternehmen MBI CONIAS berichtete. Eine Rekordzahl.

Der CO₂‑Ausstoß des Militärs bleibt auf Druck der USA in Klimaabkommen unberücksichtigt

Doch der „Klimakiller Krieg“ spielt in den Weltklimaberichten so gut wie keine Rolle, wie bereits 2022 Angelika Claußen, Co-Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, schrieb. Dabei gibt es offenbar einen deutlich messbaren Einfluss. „Die Ölfelder, die 1991 im zweiten Golfkrieg angezündet wurden, waren für zwei Prozent der globalen Emissionen in dem Jahr verantwortlich“, schrieb Claußen und berief sich dabei auf eine Science-Studie von 1993. Und die Schwefeldioxid-Emissionen jenes Kriegs entsprachen der Darstellung zufolge 57 Prozent des Drecks, der damals pro Jahr von sämtlichen Kraftwerken der USA ausgestoßen wurde.

Es war der Krieg einer Koalition, geführt von den USA, und Umwelt- und Klimafolgen spielten dabei keine Rolle. So wie in allen Kriegen. Auch in heutigen Klimabilanzen wird das Militär nicht einberechnet. Dessen CO₂-Ausstoß sei „auf Druck der USA in Klimaabkommen wie dem Kyoto-Protokoll 1997 und dem Pariser Klimaschutzabkommen 2015 ausgeklammert“ worden, heißt es im Artikel von Angelika Claußen. Man berief sich dabei auf die nationale Sicherheit und den Schutz von Militärgeheimnissen.

Dabei ist der Anteil des Militärs bereits in Friedenszeiten gewaltig. Schätzungen zufolge trägt der CO₂‑Ausstoß des Militärsektors samt zugehöriger Industriezweige mit 5,5 Prozent zu den weltweiten Emissionen bei. Als Staat hätte das Militär den viertgrößten CO₂‑Fußabdruck weltweit – und deutlich mehr als der gesamte zivile Flug- und Schiffsverkehr zusammen.

Durch Kriege erhöht sich die Bilanz weiter. „Eine Studie von der Organisation Oil Change International ergab, dass der 2003 begonnene Irakkrieg 141 Millionen Tonnen CO₂‑Äquivalent ausgestoßen hat. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 emittierten nur sechs EU-Länder mehr CO₂-Äquivalent – 21 Staaten weniger“, heißt es im Artikel von Claußen. Unter dem Begriff der CO₂‑Äquivalente werden neben Kohlendioxid nach einer Umrechnung auch hochwirksame Treibhausgase wie Methan, Lachgas und F-Gase zusammengefasst.

Zerstörte Ölraffinerien, brennende Wälder, Kriegsproduktion und Wiederaufbau

Wer sich mit Klimabilanzen befasst, der muss die Kriege mit einbeziehen, auch wenn sich deren Einfluss schlecht in klassische jährliche Emissionsmodelle pressen lässt. Zerstörte Ölraffinerien, brennende Wälder, Munitionsproduktion und der spätere beton- und stahlintensive Wiederaufbau erhöhen die globalen Treibhausgas-Emissionen. Hinzu kommen massive Umweltfolgen: Luftverschmutzung, Vergiftung und Verseuchung ganzer Ökosysteme. Dabei wurden Tod und unermessliches Leid für Menschen und Lebewesen aller Art noch nicht einmal erwähnt. Sicher muss man auch die Folgen umfassender Fluchtbewegungen mit einbeziehen.

Man kann schauen, wohin man will: Überall haben Kriege ihre Spuren hinterlassen. Man denke an die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs, die jüngst in Flüssen mit Niedrigwasser in Deutschland auftauchten: Kampfmittel, Munitionsreste, Blindgänger. Man denke an die großen Wald- und Agrarflächen in Vietnam, die bis heute durch das dioxinhaltige Herbizid Agent Orange geschädigt und belastet sind – massenhaft versprüht durch das US-Militär im Vietnamkrieg (1955–1975). Kinder und Enkelkinder der direkt ausgesetzten Generationen kommen noch immer mit Behinderungen, Fehlbildungen, Organschäden und Immunschwächen zur Welt. Das sind nur zwei Beispiele von unzähligen.

Das Niedrigwasser der Donau legte ein Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg frei – sowie die sterblichen Überreste zweier Wehrmachtssoldaten.

Das Niedrigwasser der Donau legte ein Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg frei – sowie die sterblichen Überreste zweier Wehrmachtssoldaten.

© Gabor-Kohlrusz/Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge/dpa

Was den immensen Treibhausgasausstoß seit dem 19. Jahrhundert betrifft, wird immer allgemein von „der Industrialisierung“ gesprochen. Doch wo gibt es historische Betrachtungen, welchen Anteil daran die jahrelangen industrialisierten Kriege spielten? Der Erste und vor allem der Zweite Weltkrieg waren gigantische Verschleuderer fossiler Energieträger, wobei Deutschland zum Beispiel mangels Erdölquellen synthetische Kraftstoffe aus Kohle herstellte. Darstellungen zufolge soll der Kraftstoffverbrauch der Deutschen Wehrmacht an der Ostfront allein im Juli 1941 bei täglich 11.500 Kubikmeter (3,3 Millionen Gallonen) gelegen haben. Das sind etwa zwölf Millionen Liter Benzin.

Was insgesamt im Zweiten Weltkrieg in die Atmosphäre gelangte, wurde nie berechnet

Ein Panzer verbrauchte im Schnitt rund 190 Liter auf 100 Kilometer. Die Luftwaffe hatte der Rechnung zufolge allein in der zweiten Jahreshälfte 1941 einen Verbrauch von etwa 1,2 Milliarden Litern Flugbenzin. Die US-Marine benötigte im Jahr 1945 etwa sechs Millionen Barrel „Navy Special Fuel Oil“ pro Monat. Das sind knapp 954 Millionen Liter. Bei schnellen Vorstößen wie 1944 in der Normandie verbrauchte die US-Armee fast drei Millionen Liter Treibstoff pro Tag. Was insgesamt an schädlichen Treibhausgasen an den 2077 Tagen des Zweiten Weltkriegs – von Europa bis Nordafrika und Japan – in die Atmosphäre gelangte, wurde nie berechnet.

Und heute? Allein der Ukraine-Krieg dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg und ist genau wie dieser ein Abnutzungskrieg. Die Folgen für Menschen, Infrastruktur und Umwelt sind gewaltig. Am Beispiel der Ukraine haben Wissenschaftler auch erstmals versucht, den Treibhausgasausstoß eines Kriegs zu ermitteln. In vier Jahren Krieg von Februar 2022 bis Februar 2026 seien es 311 Millionen Tonnen CO₂‑Äquivalente gewesen, schrieb der Autor Lennard de Klerk im Mai 2026. Er ist Gründer der „Initiative on GHG Accounting of War“ (IGGAW), die die Klimafolgen des Ukraine-Kriegs dokumentieren will.

Zur Größenordnung: Diese 311 Millionen Tonnen entsprechen den Jahresemissionen von Ländern wie Belgien, Österreich, Portugal und Neuseeland zusammen. „Die Kriegshandlungen selbst sind mit 37 Prozent der Gesamtmenge die größte Quelle“, schreibt de Klerk. „Dies umfasst den Kraftstoffverbrauch von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen und Logistikkonvois auf beiden Seiten sowie den in verbrauchter Munition, zerstörter militärischer Ausrüstung und Befestigungsanlagen gebundenen Kohlenstoff.“

Brennende Lastwagen nach einem russischen Drohnenangriff in Saporischschja, Ukraine, im Juni 2026.

Brennende Lastwagen nach einem russischen Drohnenangriff in Saporischschja, Ukraine, im Juni 2026.

© Dmytro Smolienko/imago

Hinzu kämen Landschaftsbrände mit 23 Prozent, ausgelöst durch Kampfhandlungen und Brandmunition. Die Wirkung auf die Zivilluftfahrt wird mit neun Prozent berechnet, aufgrund des zusätzlichen Kerosins, „das von Flugzeugen verbraucht wird, die gezwungen sind, den gesperrten Luftraum über der Ukraine und Russland zu umfliegen“, wie es heißt. „Ein Flug von London nach Tokio dauert nun drei Stunden länger als vor dem Krieg.“

Zur offensiven Umwelt- und Klimapolitik gehört es, gegen Aufrüstung und Krieg einzutreten

Schäden an der Energieinfrastruktur machten sechs Prozent der Klimafolgen aus, so der Text, verursacht durch brennende Öllager, gebrochene Gaspipelines und das starke Treibhausgas Schwefelhexafluorid (SF6), das aus zerstörten Umspannwerken austritt. Es wird als Isoliergas in elektrischen Schaltanlagen und Umspannwerken genutzt, um Kurzschlüsse zu verhindern. Und es gilt als extrem klimaschädlich, verbleibt mehr als 3000 Jahre in der Atmosphäre, wie es heißt.

Hinzu kommen auch andere Quellen. So ist mit 23 Prozent des Kohlenstoffanteils in der Rechnung der Wiederaufbau in der Ukraine eingepreist – also Vorgänge, die zum Teil noch in der Zukunft liegen. Über solch eine Methodik kann man gewiss streiten. Rechnet man den noch unsicheren Anteil von 74 Millionen Tonnen heraus, bleiben immerhin noch 237 Millionen Tonnen an Treibhausgas-Emissionen.

Gewiss ist das nur ein Teil dessen, was insgesamt weltweit an Treibhausgasen in die Atmosphäre gerät. Allein im Jahr 2024 sollen es 53,2 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente gewesen sein. China führt die Liste an, gefolgt von den USA, Indien und Russland. Hier sind aber noch nicht mal die Landnutzung und Fortwirtschaft mit einbezogen. Ebenso nicht die natürlichen Emissionen, wie etwa Methan aus dem Abtauen des Permafrosts oder CO₂ aus großen Waldbränden.

Wenn es um Folgen des menschlichen Handelns für Umwelt und Klima geht, dürfen Militär und Kriege nicht ausgeklammert werden. Sie sind angesichts der existenziellen Probleme der Menschheit absolut anachronistisch. Zu einer offensiven Umwelt- und Klimapolitik gehört es also, gegen Aufrüstung und Krieg einzutreten und alle Mittel zu nutzen, Eskalationen zu vermeiden. (mit dpa/fwt)

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