KRISE - Zum zweiten Mal in kurzer Zeit stehen die Chefs der US-Autokonzerne vor dem Kongress. Es geht um ihre Zukunft. Um zu überleben, brauchen sie Milliarden an staatlicher Hilfe.

Das große Betteln

Olivia Schoeller
6 Min

WASHINGTON. Zumindest in ihrem Auftreten sind die Chefs von General Motors (GM), Ford und Chrysler bescheidener geworden: Sie haben ihre Firmenjets zu Hause gelassen und sind per Hybrid-Auto die rund 800 Kilometer von Detroit nach Washington gefahren. Gestern stiegen sie dann auf ein Elektroauto um. Zur Bescheidenheit haben Rick Wagoner (GM), Robert Nardelli (Chrysler) und Alan Mulally (Ford) auch allen Grund. Als sie vor dem US-Senat erschienen, trugen sie ihre Bitte nach staatlicher Hilfe noch drängender vor als bei ihrem ersten Auftritt. GM-Chef Wagoner erklärte devot, er habe sich die Forderungen der Politiker zu Herzen genommen, und räumte Fehler ein. Er gab zu, GM habe nicht schnell genug in spritsparende Modelle investiert. Das Unternehmen wolle sich nunmehr auf umweltfreundliche Modelle konzentrieren, die Anzahl der Marken, Modelle und Verkaufsfilialen verringern und die Arbeitskosten drosseln, um im Jahr 2012 wieder international wettbewerbsfähig zu sein. "Chryslers langfristiger Produktplan ist robust, realistisch und grün", sagte auch Nardelli. Und beide Auto-Chefs zeigten vorsichtige Bereitschaft, notfalls ihre Konzerne zu fusionieren, um sie zu retten.34 Milliarden Dollar Kredit wollen die Autobauer vom Kongress, um ihre Insolvenz zu vermeiden, neun Milliarden mehr als bei der ersten Anhörung vor zwei Wochen. Damals sind sie abgeblitzt. Die Politiker wollten konkretere Pläne, bevor sie das Geld bewilligen. Aus den jetzt vorgelegten Plänen geht hervor, dass GM und Chrysler ohne sofortige Finanzspritze bis zum Monatsende der Ruin droht.Als einziges Unternehmen bittet Ford nicht um sofortige Hilfe. Der Konzern meint, er könne noch das Jahr 2009 durchhalten, und hofft auf einen Umschwung 2011. Vorstandschef Mulally versprach, 14 Milliarden Dollar zu investieren, um den Benzinverbrauch der Ford-Flotte zu senken. Zudem sei die Schließung von mehreren Fabriken geplant. Nur für den Notfall bittet allerdings auch Ford den Kongress, einen Rettungsfonds einzurichten.Ein leidenschaftliches Plädoyer für die US-Autoindustrie richtete gestern Gewerkschaftschef Ron Gettelfinger an die Politik. Er warnte vor "dramatischen Konsequenzen für Millionen von Arbeitern". Am Tag zuvor hatten sich die United Auto Workers zu Zugeständnissen bereit erklärt. So wollen sie ihre Jobsicherheit aufgeben und Kürzungen bei der Krankenversorgung für Rentner in Kauf nehmen, um die staatliche Hilfe zu erhalten.Doch einige Senatoren zeigen sich in der Anhörung skeptisch. Der Republikaner Richard Shelby machte deutlich, dass er das Hilfspaket ablehnen werde. Die Sanierungspläne erscheinen ihm nicht schlüssig. Sein demokratischer Kollege Christopher Dodd hingegen plädierte für die Rettung. Untätigkeit bedeute, Russisch-Roulette mit der Wirtschaft zu spielen. Angesichts der Hilfspakete für den Banksektor sei es ungerecht, den Autoherstellern nicht zu helfen. Sie sollten aus dem 700-Milliarden-Rettungspaket für die Finanzindustrie Kredite erhalten. Präsident George W. Bush lehnt das ab.Ein möglicher Bankrott der Hersteller könnte jedoch weitaus teurer werden als eine schnelle Soforthilfe, meinen Experten; außerdem könnten die Pleiten auch etliche Zulieferer und Händler in den Konkurs treiben und am Ende die amerikanische Wirtschaft noch tiefer in die Krise stürzen.Kritiker werfen GM, Ford und Chrysler vor, ihre Unternehmen nicht auf die Zukunft vorbereitet zu haben. Als Beispiel dafür verweisen sie auf ausländische Hersteller wie Toyota, die seit Jahren kleinere, energieeffizientere Wagen gebaut und nicht die Forderungen einer gewerkschaftlich organisierten Belegschaft zu erfüllen haben. Auch innerhalb der Bevölkerung herrscht große Skepsis gegenüber den Hilfsleistungen für die Autounternehmen. In einer CNN-Umfrage sprachen sich 61 Prozent gegen ein Rettungspaket für Detroit aus. Viele Politiker haben Angst, von eben jenen Wählern in zwei Jahren abgestraft zu werden.------------------------------Die Sanierungspläne der Autobauer aus Detroit------------------------------General Motors, der größte Autobauer in den USA, hofft auf eine staatliche Unterstützung von 18 Milliarden Dollar bis Ende 2009. Vier Milliarden braucht GM noch in diesem Jahr, sonst ist das Unternehmen pleite. Sechs Milliarden sollen als Kreditoption bereitgestellt werden.Verkaufsrückgang in den USA seit November 2007: minus 41,3 Prozent.Im Falle von Staatshilfe ist GM-Chef Rick Wagoner bereit, für einen Dollar im Jahr zu arbeiten. Für 2008 und 2009 wird er keinen Bonus erhalten.Zur Kostensenkung werden bis zum Jahr 2012 etwa 20 000 bis 30 000 Arbeitsplätze abgebaut. Derzeit arbeiten bei GM rund 96 000 Menschen.Der Autobauer will seine Produktpalette verkleinern - von 48 auf 40 Modelle. Außerdem will er mehr Geld in die Entwicklung alternativer Antriebe stecken, etwa in das Elektroauto Chevy Volt. Zudem hat GM einen Kredit in Höhe von 3,6 Milliarden Dollar beim Energieministerium beantragt, um die Umrüstung seiner Werke auf spritsparende Autos zu stemmen.Der Konzern hat vor, sich seinen Töchtern Saab, Pontiac, Saturn und Hummer trennen.------------------------------Ford geht es von den drei Autobauern in den USA noch am besten. Von Senat und Repräsentantenhaus will das Unternehmen eine Bürgschaft für Umstrukturierungskredite über neun Milliarden Dollar.Verkaufsrückgang in den USA seit November 2007: minus 30,6 Prozent.Alan Mulally, Chef von Ford, will für einen Dollar im Jahr arbeiten, falls das Unternehmen auf das Staatsgeld zurückgreifen muss. Zudem wird Ford die fünf Firmenjets verkaufen.Bis 2011 will der Konzern wieder schwarze Zahlen schreiben.Das Ziel ist auch bei Ford, kraftstoffsparende alternative Antriebstechniken zu entwickeln. In den nächsten sieben Jahren will man dafür rund 14 Milliarden Dollar ausgeben. 2010 will man in spritfressende Trucks und SUVs nur noch 18 Prozent investieren. Derzeit sind es 41 Prozent.Eine ganze Produktfamilie von Hybrid- und Elektroautos will die Firma bis 2012 auf den Markt bringen.Die schwedische Tochter Volvo wird möglicherweise verkauft und die Produktion gedrosselt. Sieben Fabriken sollen veräußert werden.------------------------------Chrysler hat in Washington um sieben Milliarden Dollar Unterstützung gebeten. Und wie beim Konkurrenten GM drängt die Zeit. Der ehemalige Partner von Daimler braucht das Geld noch in diesem Jahr. Wenn es die Summe nicht erhalte, drohe im ersten Quartal 2009 die Pleite, teilte das Unternehmen mit.Verkaufsrückgang in den USA seit November 2007: minus 47,1 Prozent.Chrysler-Vorstandschef Bob Nardelli hat bereits auf sein Gehalt verzichtet.Das Regierungsdarlehen will der ehemalige Partner von Daimler vom Jahre 2012 an zurückzahlen. Ab diesen Zeitpunkt will man wieder in der Gewinnzone sein.Für die Entwicklung spritsparender Autos hat Chrysler außerdem noch beim Energieministerium zinsgünstige Kredite in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar beantragt.Ein Elektroauto will Chrysler bis 2010 auf den Markt bringen. Bis 2012 will man 24 neue Produkte, darunter Hybrid-Fahrzeuge, entwickeln.Bei den Produktionskosten will Chrysler zwischen 3,5 und neun Milliarden Dollar einsparen.------------------------------"Es gibt keinen Plan B. Ohne Hilfen kann das Unternehmen den Betrieb nicht finanzieren." GM-Spitzenmanager Fritz Henderson------------------------------Foto: Fahren statt fliegen: Um die Abgeordneten gnädiger zu stimmen, verzichtete GM-Chef Rick Wagoner (l.) darauf, mit dem Firmenjet nach Washington zu kommen. Er fuhr mit dem Prototyp eines Elektroautos vor.

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