Kunst

Von wegen nur Schwibbogen und Räuchermännchen: 100 Jahre Kunst im Erzgebirge in einzigartiger Fülle

Eine große Ausstellung in Zwickau zeigt die Kunst hinter den vertrauten Volkskunstobjekten – und eine Region, die sich nicht auf Provinzialität festlegen lässt.

7 Min
Kurator Paul Kaiser hat mit seinen Mitstreitern eine einzigartige retrospektive erzgebirgischer Kunst zusammengestellt - von Plastik über Grafik und Gemälde bis hin zu Fotografie.

Kurator Paul Kaiser hat mit seinen Mitstreitern eine einzigartige retrospektive erzgebirgischer Kunst zusammengestellt - von Plastik über Grafik und Gemälde bis hin zu Fotografie.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

Wie fängt man an, wenn man die Kunst eines ganzen Landstriches zeigen will? Paul Kaiser hat eine Antwort gefunden, die erst einmal nach schwerer Arbeit klingt: suchen, sichten, verhandeln. Bilder aufspüren, Leihgeber überzeugen, Geschichten zusammensetzen. Am Ende haben der Kurator und sein Mitstreiter Dieter Hoefer mehr als 350 Werke von 112 Künstlern auf 1600 Quadratmetern in der Historischen Baumwollspinnerei 1896 in Zwickau zusammengefügt. „Mythos Erzgebirge. Kunst und Eigensinn einer Region“ ist die erste umfassende Schau dieser Art seit acht Jahrzehnten. Von diesem Samstag an ist sie bis zum 23. Mai 2027 zu sehen.

Der Titel verspricht Vertrautes. Wald. Holz. Berge. Vielleicht auch mal einen gemalten Schwibbogen. Doch wer hier die Weihnachtsstube sucht, dürfte sich wundern. „Viele kennen als Erzgebirgskunst eher Volkskunst zu Weihnachten“, sagt Kaiser: „Aber es ist einfach viel mehr.“ Dieses Mehr wollen Kaiser und Co-Kurator Dieter Hoefer sichtbar machen: Malerei und Grafik, Skulpturen und Fotografien, heile Landschaften und beschädigte, Bilder von Bauern, eigenwillige Lebenswege und Werke, die sich jeder gefälligen Vorstellung von Heimat widersetzen.

Schon einmal stand jemand vor einer ähnlichen Aufgabe. 1946, kurz nach Kriegsende, wurde in Freiberg eine große Ausstellung erzgebirgischer Künstler auf die Beine gestellt – trotz knapper Mittel und schwieriger Verhältnisse. „Wie fangen wir an, so eine große, ausufernde Ausstellung zu planen?“, fragte Hoefer bei der Pressekonferenz am Freitag. Der Blick zurück liefert zumindest einen Anfang. Damals waren auch Flüchtlinge und Umsiedler eingeladen, ebenso Erzgebirger, die außerhalb der Region arbeiteten. Entscheidend sollte die künstlerische Leistung sein. Später gab es Bezirksausstellungen, regionale Schauen und einzelne Künstler in Heimatstuben zu sehen. Ein weiter Blick auf die Kunst des Erzgebirges blieb aus.

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Co-Kurator Dieter Hoefer in der speziellen Kabinettsschau zu Elisabeth Ahnert.

Co-Kurator Dieter Hoefer in der speziellen Kabinettsschau zu Elisabeth Ahnert.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

Wann ist ein Künstler ein erzgebirgischer Künstler?

Wer aber ist ein erzgebirgischer Künstler und damit prädestiniert für die aktuelle Exposition? Die Antwort passt nicht auf ein Ortsschild. Kurator Kaiser nennt drei Wege in die Ausstellung. Da ist zunächst die Herkunft: Menschen, die aus dem Erzgebirge stammen und sich mit seiner Geschichte auseinandersetzen. Dann diejenigen, die einen prägenden Teil ihres Lebens dort verbracht haben. Elisabeth Ahnert etwa zog erst mit ungefähr 60 Jahren von Dresden nach Ehrenfriedersdorf und wirkte dort noch 21 Jahre. Ihr sind in Zwickau 32 Arbeiten in einem eigenen Kabinett gewidmet. Und schließlich gehören jene dazu, die sich künstlerisch mit dem Erzgebirge beschäftigt haben, ohne dort geboren zu sein oder gelebt zu haben.

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So wird aus der Region keine geschlossene Welt, sondern ein Ort der Begegnungen. Eine Landschaft kann Heimat sein, Arbeitsort, Zuflucht oder Gegenstand der Sehnsucht. Sie kann Künstler anziehen und sie zugleich einengen. „Wir spiegeln 100 Jahre Kunstentwicklung rund um das Erzgebirge“, sagt Kaiser. Das beginnt bei einer Landschaft von Georg Höhlig aus dem Jahr 1926 und reicht bis zu Wieland Payers „Miriquidi“ von 2026. Dazwischen liegt kein gerader Weg vom Früher ins Heute. Die Bilder ergänzen oder widersprechen einander – und gerade das macht die Sache interessant.

Da ist Curt Querner, dessen Bauernbilder den Alltag jenseits aller Festtagsromantik festhalten. Bauer Rehn ist ein wiederkehrendes Motiv. Seine Gespielin Hertha stand ihm Modell, dazu seine Frau Regina Querner – man lebte in einer damals vor allem in ländlichen Landstrichen höchst ungewohnten „Ménage à trois“. „Das Erzgebirge ist auch eine Region der Kleinbauern, nicht nur der Bergleute“, erinnert Hoefer. Da ist Hans Brockhage, bei dem Holz nicht Dekoration, sondern Material einer eigenständigen Formensprache wird. Und da sind Künstler, die nicht durch die Akademien der DDR gingen, sondern sich ihre Wege selbst bahnten. Projektleiter Kaiser sieht in solchen eigensinnigen Positionen eine „rebellische Kraft des Erzgebirges“.

Besonderer Blick auf einen kleinen Erzgebirgsort

Ein Blick nach Osten führt zu Heribert Fischer-Geising. Seine Bilder verbinden genaue Beobachtung mit Farben, die sich nicht zurückhalten. Beim „Damenbildnis mit gelbem Hut“ von 1943 bleibt der Blick nicht an der Farbe hängen: Hoefer erinnerte auf der Pressekonferenz zur Ausstellung an die Geschichte der porträtierten, aus dem Konzentrationslager freigekauften Jüdin. Erich Buchwald-Zinnwald wiederum schuf Farbholzschnitte, die beinahe japanisch anmuten.

Im Annaberger Raum ist Carl-Heinz Westenburger eine wichtige künstlerische Stimme. Und Max Uhlig, den viele zuerst mit der Dresdener Malerei verbinden, fand immer wieder Motive im Erzgebirge. Die Ausstellung rückt solche Verbindungen ins Licht, statt Kunst entlang heutiger Verwaltungsgrenzen zu sortieren.

Besonders deutlich wird das in Fürstenau. Das kleine Dorf im Osterzgebirge zog Künstler an, die Abstand vom Betrieb in der Bezirkshauptstadt suchten. Häuser waren zu DDR-Zeiten erschwinglich, die Landschaft eindrucksvoll. Im Sommer leuchtete der Ort, auf den Höhen lag im Winter noch Schnee. Doch die Abgeschiedenheit hatte Grenzen: Wer Dresden hinter sich ließ, ließ die Staatssicherheit nicht zwangsläufig hinter sich. Eberhard Göschel arbeitete in Fürstenau; sein letztes Bild, „Sinuskurve“, ist nun in Zwickau zu sehen. Vier Fotografien von Bernd Bankroth zeigen dagegen das Waldsterben. Fürstenau erscheint so zugleich als Rückzugsort und als Schauplatz einer verletzlichen Natur.

Die Kuratoren werfen einen differenzierten Blick auf die Kulturregion und sparen auch dukle Seiten wie das Waldsterben der 80-er Jahre nicht aus.

Die Kuratoren werfen einen differenzierten Blick auf die Kulturregion und sparen auch dukle Seiten wie das Waldsterben der 80-er Jahre nicht aus.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

Einen Schatz heben und sichtbar machen

Der Wald ist überhaupt ein Hauptdarsteller dieser Ausstellung. Er kann Schutz bieten oder bedrohlich werden. Er liefert Holz für Skulpturen und Stoff für Märchen. Das alles ist weit entfernt vom freundlichen Landschaftsbild über dem Sofa. Die Kuratoren wollen die Gegend nicht kleinreden – aber ebenso wenig kritiklos feiern.

Dass diese Schau gerade in Zwickau stattfindet, ist kein Zufall. Am selben Ort zog „Sonnensucher! Kunst und Bergbau der Wismut“ mehr als 15.000 Besucher an. Kulturbürgermeister Sebastian Lasch bekennt, er sei gegenüber der Idee einer Wismut-Ausstellung zunächst skeptisch gewesen. Dann habe sie etwas sichtbar gemacht, das zur Identität der Region gehört. Die Erfahrung half beim nächsten großen Vorhaben. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Zwickau sind erneut beteiligt. Stiftungsvertreterin Patricia Werner spricht davon, einen „Schatz heben und sichtbar machen“ zu wollen.

Allein mit deren Mitteln wäre die Ausstellung allerdings nicht zu stemmen. Die metaWerk AG stellt die Fläche zur Verfügung. Der Kunstverein Zwickau bringt Menschen ein, die eine siebenmonatige Schau am Laufen halten – ehrenamtlich, Tag für Tag. Sein Vorsitzender Wolfgang Schinko kündigt diesmal auch ein Café an. Zusätzlich will der Verein Zwickauer Kunstgeschichte und Arbeiten heutiger Mitglieder zeigen.

Wolfgang Schinko vom Zwickauer Kunstverein war als wichtiger Player in die Organisation einbezogen. Er legt Wert darauf, zeitgenössische Zwickauer Künstler ebenfalls in der Schau zu zeigen, wie hier im Kabinett von Siegfried Otto Hüttengrund.

Wolfgang Schinko vom Zwickauer Kunstverein war als wichtiger Player in die Organisation einbezogen. Er legt Wert darauf, zeitgenössische Zwickauer Künstler ebenfalls in der Schau zu zeigen, wie hier im Kabinett von Siegfried Otto Hüttengrund.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Nun also gehört die Baumwollspinnerei ganz dem „Mythos Erzgebirge“. Nicht einem einzigen, feststehenden Bild davon, sondern vielen. Dem Wald von gestern und dem kranken Wald von später. Den Bauern, den Querköpfen, den Zugezogenen. Kaiser nennt das Erzgebirge eine der wirkmächtigsten Identitätslandschaften des Ostens. In Zwickau lässt sich nun prüfen, was in diesem großen Wort steckt.

„Mythos Erzgebirge. Kunst und Eigensinn einer Region“ ist in der Historischen Baumwollspinnerei 1896, Pölbitzer Straße 9, Zwickau, zu sehen. Geöffnet ist mittwochs bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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