Kurt Beck soll in der K-Frage einen Entschluss gefasst haben. Auf seiner Sommertour ist er rätselhaft

Klar im Kopf

Regine Zylka
5 Min

GUNDELSHEIM. Auf der Wiese steht ein Blasorchester und spielt das Frankenlied. Kurt Beck und Franz Maget sind da, die Bewohner von Gundelsheim zücken die Fotoapparate. Der SPD-Vorsitzende und sein Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl sind schließlich zum ersten Mal in dem Dorf. Sie strahlen, als sie von Jonas Merzbacher zum Bufett geführt werden. Der Bürgermeister von Gundelsheim ist mit 24 Jahren der zweitjüngste Bürgermeister Deutschlands, und er ist ein Sozialdemokrat. Merzbacher ist sichtlich stolz, dass er Beck und Maget auf ihrer Tour durch Bayern ein wenig aufmuntern darf.Die Gäste kosten eine Wurstspezialität, trinken ein Glas Weißbier, betonen in kurzen Reden die Bedeutung des Gemeinwesens für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Und sie loben das Organisationstalent des Bürgermeisters. Am letzten Tag von Becks Sommerreise ist eine Fahrradtour vorgesehen, die die örtliche SPD organisierte. Die Gundelsheimer haben in ihre Keller geschaut und genug Fahrräder gefunden, auf denen Beck sowie die vielen Mitarbeiter und Journalisten in seinem Schlepptau ins benachbarte Bamberg strampeln können.Unaufgeregt und gemächlichBevor es losgeht an diesem Donnerstag, wollen Beck und Maget ihre Anzüge loswerden. Sie steigen in die bereitstehenden Tour-Busse und legen Freizeitkleidung an. Passend zum Wahlkampfendspurt in Bayern hat Maget nun einen Sturzhelm auf dem Kopf und Turnschuhe an den Füßen. Als er aber sieht, dass sein Parteichef die Sache gemächlich angehen will und auf allzu sportliche Utensilien verzichtet, steckt Maget die Fahrradhandschuhe in die Hosentasche. Beck macht gerne "langsam mit de Leut'", wie er öfter sagt. Bei der Fahrradtour muss Maget sich dem Tempo seines Chefs anpassen. Und der glaubt offenbar, dass er weniger agil sein muss als sein dynamischer Spitzenkandidat.Beck macht einen entspannten Eindruck in diesen Tagen. Es ist seine dritte und wohl letzte Sommerreise als SPD-Vorsitzender außerhalb seines Heimatlandes Rheinland-Pfalz. Im nächsten Jahr ist Bundestagswahl, da ist in Becks Kalender keine Veranstaltung dieser Art mehr vorgesehen. Also bringt der Ministerpräsident seine Tour vergleichsweise gut gelaunt über die Bühne. Größerer Wirbel, wie ihn Becks Ausbrüche bei früheren Reisen verursacht haben, bleibt diesmal aus. Geduldig erträgt er die Kameras, die pausenlos auf ihn gerichtet sind, freundlich reagiert er auf Fragen, die Journalisten ihm stellen. Jedenfalls wenn es sich um Lokaljournalisten handelt, denen er auf seinen Stationen in Thüringen oder Bayern begegnet. Da macht Beck schon einen Unterschied.Nicht ohne Grund. Die Medienstrategen der SPD-Zentrale in Berlin haben die Sommerreisen bilanziert und finden, sie zahlen sich aus. Vor allem die regionalen Fernsehsender und Zeitungen würden Becks Besuchen viel Platz einräumen, sagen sie. Die Berichterstattung umfasse oft mehrere Seiten und beschränke sich auf jene Themen, die Beck bei seinen Stippvisiten in Betrieben oder sozialen Einrichtungen selber anspreche. Die Krise der SPD, die Turbulenzen um den Linkskurs der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti, die bevorstehende Rückkehr seines Widersachers Franz Müntefering oder die leidige K-Frage interessiere die lokalen Medien kaum. Und, was in den Augen von Becks Mitarbeitern das Wichtigste sein dürfte, die Berichterstattung sei zu 80 Prozent positiv. In den Artikeln der Hauptstadtjournalisten, die der SPD-Vorsitzende auch diesmal wieder mitgenommen hat, sei das Verhältnis eher anders herum.Beck hat daraus seine Konsequenzen gezogen. In dieser Woche fährt er nur noch selten im Bus mit, um sich den Berliner Korrespondenten für ein Gespräch zur Verfügung zu stellen. Lieber steigt er in den Fonds seines Autos - weil er telefonieren muss, wie er sich jedes Mal entschuldigt. Und bei gemeinsamen Essensterminen weicht er allen heiklen Fragen zu Ypsilanti, Müntefering oder der K-Frage stoisch aus. Die Neugier der Journalisten lässt Beck, der Meister des Konjunktivs und verschwiemelter Passivsätze, ins Leere laufen.Ob der SPD-Chef in den nächsten Monaten seinen Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidaten vorschlägt oder selber gegen Angela Merkel antreten will - auch in den wie immer vertraulichen Hintergrundgesprächen hat Beck kein einziges Signal in die eine oder andere Richtung gegeben. Dabei soll er mit sich im Reinen sein, "klar im Kopf", wie seine engsten Mitarbeiter sagen. Wie sein Entschluss lautet, ließ Beck völlig offen.Das allerdings ist bemerkenswert. Schon am 7. September will Beck Leitlinien für den SPD-Bundestagswahlkampf vorstellen. Das Papier hat maßgeblich ein Staatssekretär Steinmeiers verfasst. Viele in der SPD werten diese vermeintliche Allianz von Beck und Steinmeier als Zeichen für die Kür des Bundesaußenministers zum Kanzlerkandidaten; als Hinweis darauf, dass Beck sich Steinmeier programmatisch anpasst und quasi in dessen Dienst stellt. In den Dienst seiner Partei.Nicht minder plausibel ist die zweite Variante. Beck wirkt aufgeräumt, macht Sommerreisen, gibt Interviews, und er veröffentlicht Ende September ein Buch über sich. Warum sollte er das alles tun, wenn er Steinmeier das Feld überlassen wollte? Vielleicht hat der SPD-Chef sich entschlossen, es allen zu zeigen. Jenen Journalisten und Meinungsforschern, die ihn bereits abgeschrieben haben, und jenen Kritikern in seiner Partei, die ihn für gänzlich ungeeignet halten. Nur wer kämpft, mag Kurt Beck denken, wahrt sein Gesicht. Und sei es gegen die Kanzlerin.------------------------------Foto : Der Messias wacht über SPD-Chef Beck - im Würzbürger Museum am Dom.

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