André Niklaus sagt, dass er viele Jahre lang noch immer Bauchgrummeln hatte, wenn er bei Zehnkämpfen die 400 Meter und die 1500 Meter angeschaut hat. „Richtig Bauchgrummeln, boah.“ Niklaus hat sich im Café Babuschka in Weißensee einen Rhabarbersaft bestellt. Dem Berliner ist anzusehen, dass er sich gerade an seine eigenen Zehnkämpfe zurückerinnert. Er weiß, was das für Überwindung kostet, am Ende des ersten Tages die 400 Meter zu rennen – und nach neun Disziplinen am Ende des zweiten Tages die 1500 Meter. Das ist saurer als Rhabarbersaft.
Der 1,90-Meter-Mann hat vor zehn Jahren die Sportkarriere beendet. Er war 2006 Hallen-Weltmeister im Siebenkampf, 2008 Olympia-Achter, einmal WM-Vierter, einmal WM-Fünfter. Er weiß, wie Zehnkampf funktioniert, wie sich Gedanken einschleichen, wie die Stimmung kippen kann. In alle Richtungen. Wenn beim Sprung oder Wurf Versuch eins ungültig ist „und der zweite wird totaler Mist, weiß ich, was jetzt in dem Athleten vorgeht“, sagt Niklaus.
Am Freitag starten Leo Neugebauer und Niklas Kaul in die WM
Er wird von Freitag an den Auftritt von Leo Neugebauer, der im Juni mit spektakulären 8836 Punkten den 39 Jahren alten deutschen Rekord von Jürgen Hingsen übertraf und den von Niklas Kaul, der 2019 Welt- sowie 2022 Europameister wurde, bei der Leichtathletik-WM in Budapest genau beobachten.
Seit Januar 2022 ist Niklaus Bundesstützpunktleiter der Leichtathleten in Berlin. Sein Büro liegt in Hohenschönhausen im vierten Stock. Von dort sind Werferhaus, Tartanbahn und Schwimmhalle des Sportforums gut zu sehen. Zu seinen Aufgaben gehört die Zusammenarbeit mit den Partnern des Landes Berlin, dem Landessportbund, dem Berliner Leichtathletik-Verband, dem Olympiastützpunkt, den Vereinen, der Eliteschule des Sports sowie der Stadt mit dem Ziel, die Trainingsbedingungen am Standort Berlin zu optimieren. Neun Athleten, die für Berliner Vereine starten oder hier trainieren, haben sich für die WM in Budapest qualifiziert.
Sha’Carri Richardson steht nach einer bewegenden Reise endlich auf dem Thron
Clash der Europameister: Julian Weber und Niklas Kaul duellieren sich beim Istaf
Nach seiner Karriere war Niklaus, der kommende Woche 42 Jahre alt wird und International Management studierte, im Marketing und als Finanzmakler tätig. Jetzt ist er zurück im Sport, um Erfahrungen und Netzwerke weiterzugeben, mit Athleten ihre Sportkarriere zu planen. „Es ist ja nicht nur Rechnungswesen und Tabellen befüllen. Der Plan geht bis Olympia 2028. Wie kann ich den Trainern und Athleten helfen, damit sie besser trainieren können? Welche Vermarktungsstrategie können wir fahren, um sie besser zu finanzieren. Was haben sie selbst für einen Plan? Wo wollen wir hin und wie kann das realisiert werden? Wie ist es mit dem Studium zu schaffen?“, sagt Niklaus.
Zur Person
Er selbst habe früher 14 Personen um sich herum gehabt, die sich mit ihm als Sportler beschäftigten, „ein Osteopath, Akupunkteur, ein Ernährungsberater, das Management, der Laufbahnberater. Dieses Netzwerk ist auch heute für alle Athleten da, aber nicht strukturiert. Dafür habe ich den roten Faden gemacht.“ Niklaus, der mit der früheren Beachvolleyballerin Ilka Semmler verheiratet ist, würde gerne für mehr Vernetzung, mehr Gruppendynamik, mehr Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Berliner Athleten sorgen.
André Niklaus will die Berliner Leichtathleten vernetzen
Dazu gehörten schöne Momente, an die man nach der Karriere denkt. Oder Erzählungen von erfahrenen Trainern – und nicht nur die modernen Zwänge, wo sich ein Athlet samstags frage: „Kann ich überhaupt noch mal weggehen oder sagt meine Uhr dann: Schlaf! Und die DLV-App zeigt an: Der Athlet ist ja überhaupt nicht trainingsfähig.“
Niklaus will in den Teamgedanken investieren. Wenn der Berliner Dreispringer das Gleiche studiere wie der 1500-Meter-Läufer, könnten diese beiden in Uni-Fragen voneinander profitieren. „Wenn man sich aber nicht kennt, weil der eine nur auf der Bahn ist und der andere nur in der Weitsprunggrube, dann ist es schade“, findet Niklaus. Beim Istaf-Indoor habe sich dieses Jahr eine Athletengruppe gebildet, die dabei ist, eine Gruppendynamik zuzulassen. „Vielleicht versteht sich ja der Marathonläufer mit dem Diskuswerfer toll. Wenn sich beide bei der WM treffen, heißt es: Mann, schön, dass du da bist.“
In Budapest findet es Zehnkämpfer Neugebauer (23) schön, da zu sein. Er sagte, er werde rausgehen und Spaß haben. Für den jungen Kerl, der in Baden-Württemberg aufwuchs und in Austin/Texas studiert und trainiert und sich in den sozialen Medien „LeoTheGerman“ nennt, ist es der erste große, internationale Wettkampf. Seine 8836 Punkte bei den amerikanischen College-Meisterschaften in Austin katapultierten ihn auf Platz eins der Weltjahresbestenliste.
Geher Linke mit deutschem Rekord Fünfter über 35 Kilometer
Hingsen von Zehnkämpfer Neugebauer begeistert
„Er hat eine gigantische Figur und bringt ein gutes Mindset mit. Er ist zuletzt gesund geblieben und spricht gut auf das Training in den USA an. Aber 8800 Punkte wird Leo nicht machen. Die Medaillen werden bei 8600 Punkten weggehen“, prophezeit Niklaus. Er ist gespannt, wie sich der Neue in der Zehnkämpfer-Clique schlägt. Im Juni schaffte er die 100 Meter in Austin 10,61 Sekunden mit 0,3 Metern pro Sekunde Rückenwind
„Wenn du dann eine 10,80 rennst, hast du schon mal weniger Spaß“, sagt Niklaus. Beim Weitsprung, wo Neugebauer auf 7,68 Meter kam, hatte er 2,4 Meter pro Sekunde Rückenwind. „Wenn du dann realistische 7,30 Meter springst, hast du noch weniger viel Spaß. Wenn Leo nicht so gut drauf ist, fehlen ihm in den ersten zwei Disziplinen etwa 150 Punkte“, erläutert Niklaus.
Vier Stunden Schlaf zwischen Zehnkampf-Tag eins und zwei
Die Psyche macht im Zwei-Tages-Wettkampf viel aus. „Im Zehnkampf blüht immer jeder auf, wenn er keinen Gegner mehr hat: Roman Sebrle, wenn Bryan Clay raus war, Bryan Clay, wenn Damian Warner raus war, bei Warner lief es super, wenn Ashton Eaton nicht gut drauf war – herrlich“, sagt Niklaus. Trotzdem traut er Neugebauer viel zu. „Die Amerikaner, dort geht ja Football bald wieder los, die kommen hier nach Europa und sagen: Wir machen hier mal ein bisschen Sport. Das interessiert keinen Menschen bei denen zu Hause. Dann werden sie Weltmeister, dann gibt’s ein paar Nachrichten. In Deutschland ist der Druck viel größer.“
Niklaus denkt an die Hitze, die vermutlich in Budapest herrscht. Und daran, dass die Zehnkämpfer zwischen Tag eins und zwei maximal vier Stunden Schlaf bekommen, weil der Wettkampf lange geht, die Physiotherapeuten noch kneten, um sechs Uhr morgens der Wecker klingelt. Und dann gibt es ja nicht nur Neugebauer und Kaul in dem Wettkampf, sondern auch die Kanadier Warner und Pierce Lepage, die Amerikaner Kyle Garland und Harrison Williams, die Norweger Markus Rooth und Sander Skotheim. „Es wird psychologisch eine krasse Herausforderung“, sagt André Niklaus, „ich bin gespannt, ob ich wieder ein bisschen Grummeln bekomme.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]