Lesung im Abgeordnetenhaus auf Einladung von Momper

Stasi-Opfer setzen Zeichen gegen Verharmlosung

Jan Thomsen
3 Min

Wer in diesem Saal nur Plenardebatten des Abgeordnetenhauses gewohnt ist, dem bietet sich an diesem Abend ein gänzlich anderes Bild: Statt säuberlich in Fraktionen aufgeteilte Mandatsträger sitzen ganz normale Menschen an den kleinen Tischen des Berliner Landesparlaments. Viele um die 50, viele ältere, wenig jüngere. Vorm Rednerpult steht ein schwarzer Flügel, daneben eine Gitarre aus hellem Holz. Fotografen und Kameraleute drängeln sich in dem kleinen Rund davor. Es blitzt und klickt besonders stark, als sich Kultursenator Thomas Flierl von der Linkspartei kurz mit Hubertus Knabe unterhält, dem Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ohne die beiden gäbe es die Veranstaltung nicht.Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) hat gestern zu einem Gedenkabend ins Abgeordnetenhaus geladen. "Zeichen setzen" soll die Veranstaltung, das ist auch ihr Titel: Schauspieler und ehemalige Häftlinge des Ministeriums für Staatssicherheit lesen dazu Zeitzeugenberichte. Momper, der die vielleicht 300 Gäste begrüßt, erinnert an den Anlass: Vor genau drei Wochen fand in Hohenschönhausen eine Diskussion statt, zu der auch die Senatskulturverwaltung eingeladen hatte. Es ging um eine Ausweitung des Gedenkens an das alte Stasi-Sperrgebiet, in dem heute die Gedenkstätte, das ehemalige MfS-Untersuchungsgefängnis stand - mit seinen üblen Haftbedingungen, mit Einschüchterung, Vereinzelung, Demütigung und Schikane durch Mitarbeiter der Staatssicherheit. Doch auf der Veranstaltung meldeten sich plötzlich lautstark Ex-Stasi-Offiziere zu Wort und beschwerten sich über angebliche "Lügen" in der wissenschaftlichen Arbeit der von Bund und Land getragenen Gedenkstättenstiftung. Sie behaupteten, den Besuchern werde ein "Gruselkabinett" präsentiert, sie verhöhnten die Opfer mit der Feststellung, es sei dort doch ganz human zugegangen.Momper findet deutliche Worte für den Vorfall: "Die Peiniger von damals nutzten schamlos eine demokratische Bürgerversammlung aus, um Geschichte in ihrem Sinne zu verfälschen." Die Menschen vor ihm, die meisten sind Vertreter von Opferverbänden, applaudieren. Momper spricht noch von "Schergen des Regimes" und den "Kerkermeistern von Hohenschönhausen", denen man nicht erlauben werde, Lügen über die Vergangenheit zu verbreiten. Daher diese Veranstaltung mit Klaviereinleitung, mit Lesung, sogar mit Songs, denn Christian Kunert, Ex-Keyboarder der Renft Combo und 1976 in Stasi-Haft, hat seine Gitarre mitgebracht.Wie aufgeladen die Stimmung ist, macht ein alter Mann im braunen Jackett deutlich. Als Momper fertig ist, ruft er in den Saal: "Sie sind ein Verräter, Herr Momper, das sage ich klar und deutlich!" Es ist nicht ganz klar, was er meint. Vielleicht hat ihn geärgert, dass Momper in seiner Rede nicht den Kultursenator Flierl erwähnte, der den Stasi-Leuten auf der Veranstaltung in Hohenschönhausen kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Vielleicht hat ihn auch Mompers SPD geärgert, die Flierl zwar kritisierte, aber nicht offiziell rügen wollte. Der schwache Auftritt des Kultursenators hatte ja erst den Wunsch ausgelöst, ein Zeichen für die Opfer zu setzen. Hubertus Knabe, der Gedenkstättenleiter, hatte dies angeregt.Der Rest des Abends verläuft eindrucksvoll. Abwechselnd lesen ehemalige Häftlinge des Stasi-Gefängnisses aus ihren Aufzeichnungen. Sie berichten von Schlafentzug, stundenlangen Verhören, entwürdigenden Körpervisitationen. Christian Kunert von Renft, um den kahlen Schädel ein weißes Stirnband mit Glitzersteinen, singt einen "Blues in Rot" zur Gitarre. Vera Lengsfeld, 1988 im Stasi-Knast, bedankt sich bei Momper für den Abend - und beschwert sich zugleich, dass die SPD im Bundestag dazu keine Debatte gewollt habe. Als alle schon gehen wollen, versuchen ein paar Jünglinge von der Jungen Union "Flierl-muss-weg"-Rufe anzustimmen. Sie geben bald auf. Thomas Flierl, einziger Vertreter des rot-roten Senats, verlässt schnell den Saal.------------------------------Foto: Sang gestern im Parlament: Stasi-Opfer Christian Kunert von "Renft".

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