Die kanadische Dichterin, Essayistin und Übersetzerin Anne Carson hat den Nobelpreis für Literatur erhalten. Die Schwedische Akademie gab die Entscheidung am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die im Jahr 1950 in Toronto geborene Autorin zählt zu den experimentellsten Stimmen der englischsprachigen Literatur. Ihre Texte überschreiten die Grenzen zwischen Gedicht, Essay, Erzählung und Theater.
Carson studierte klassische Philologie und lehrte an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten. Nach Angaben ihres Verlags S. Fischer beschäftigte sie sich bereits während ihrer Ausbildung mit dem Griechischen. Die Literatur der Antike prägt sowohl ihre Übersetzungen als auch ihr eigenes Schreiben.
Zu ihren bekanntesten Büchern gehört „Autobiography of Red“, auf Deutsch „Autobiographie von Rot“. Der Versroman erzählt die Geschichte des Jungen Geryon und seiner Liebe zu Herakles. Carson greift dafür einen griechischen Mythos auf und verwandelt ihn in eine Geschichte über Begehren, Verletzlichkeit und das Erwachsenwerden.
Gedichte, Bilder und Erinnerungen
Ihre Bücher fordern auch die gewohnte Form des Lesens heraus. „Nox“ ist ein Beispiel dafür. Wie ihr US-Verlag New Directions erläutert, entstand das Werk nach dem Tod ihres Bruders. Carson verband darin Gedichte mit Familienfotos, Briefen, Zeichnungen und Collagen. Die veröffentlichte Ausgabe bildet das von ihr gestaltete Erinnerungsbuch nach.
Auch in „Norma Jeane Baker von Troja“ treffen Antike und Gegenwart aufeinander. Carson bringt darin Helena von Troja und Marilyn Monroe zusammen. Der deutsche Verlag Matthes & Seitz Berlin beschreibt das Werk als Auseinandersetzung mit Schönheit, männlichem Begehren und der Macht der Medien.
Neben eigenen Texten hat Carson Werke antiker Autoren wie Sappho, Sophokles und Euripides übersetzt. Zu ihren jüngeren Veröffentlichungen gehört „Wrong Norma“, eine Sammlung poetischer Prosatexte über sehr unterschiedliche Themen. Dafür erhielt sie den Lyrikpreis des US-amerikanischen National Book Critics Circle.
Auszeichnung für ein vielseitiges Werk
Carson wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien geehrt. Das Internationale Literaturfestival Berlin nennt unter anderem den Griffin Poetry Prize und den Lannan Award.
Im vergangenen Jahr ging der Literaturnobelpreis an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. Mit Carson würdigt die Akademie nun eine Autorin, deren Werk wissenschaftliche Beschäftigung mit der Antike und literarische Suche nach neuen Ausdrucksformen verbindet. Der Nobelpreis für Literatur ist in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen (rund 1,07 Millionen Euro) dotiert.
Physik-Nobelpreis für Francis Halzen: Mit Polareis auf Spur der „Geisterteilchen“
Berliner Nobelpreisträger Hegemann: Erst duschen, dann zurückrufen
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]