BERLIN. Die fröhliche Seite Europas hat Lothar Bisky in Essen gezeigt bekommen, beim Parteitag seiner Linken vor drei Monaten. Die Delegierten hatten den Vorsitzenden gerade mit gut 93 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Wahl des EU-Parlaments gekürt. Da stürmten lauter junge Menschen auf die Bühne, umringten ihn, lachten und winkten. Im Hintergrund wehten bunte Fahnen, ein flottes Lied ertönte. Der für Pathos eher unbegabte Bisky lachte mit, was sonst.Die übrige Zeit stritt die Linke auf dem Parteitag heftig, ob sie Europa oder besser: die EU überhaupt mögen soll. Bisky hat mit dafür gesorgt, dass die Antwort nicht allzu eindeutig negativ ausfiel. Seither übt er sich in einer Disziplin, die Europaabgeordnete beherrschen müssen: dem Spagat zwischen EU-Kritik und Europabegeisterung.Einerseits muss der Spitzenkandidat die in der Linken verbreitete Fundamentalabneigung gegen Brüssel und dessen vermeintlich neoliberale Politik berücksichtigen. Bisky steht hinter der Verfassungsklage seiner Partei gegen den Reformvertrag von Lissabon, weil dieser Militarismus und Marktliberalismus bringe. Andererseits warnt er vor einer Verteufelung der Union und sagt, dass ihm "Europapolitik Spaß macht". Bisky hätte es auch begrüßt, wenn eine linke Befürworterin des Lissabon-Vertrags, Sylvia-Yvonne Kaufmann, wieder für das EU-Parlament aufgestellt worden wäre. Das haben die Delegierten in Essen verhindert, und Kaufmann ist zur SPD gewechselt. Bisky hat den Verlust seiner früheren Mitstreiterin nicht kommentieren wollen; "weil er sich zu solchen Sachen nicht äußert", teilte die Parteizentrale mit.Mehr Fundis als RealosSo geht es dem 67-Jährigen mit Europa wie einst nach 1990 mit der Bundesrepublik oder auch mit seiner Partei, die von der SED zur PDS, zur Linkspartei und schließlich zur Ost-West-Linken wurde: Eine gewisse innere Distanz ist da, aber auch die Bereitschaft zum Engagement und letztlich zum Leiden für die Sache. Bisky ist ein Pflichtmensch, sonst wäre er nicht mehrmals vom Rücktritt zurückgetreten, um für die Partei zu kandidieren. Mit der gleichen Haltung - Einsicht ins Notwendige, gepaart mit erheblichem Dickkopf - zieht er nun gen Straßburg. Dort, sagt er, erwarte er eine "vergnügliche Aufgabe bis zum Abgang aus der Politik".Mal sehen, wie amüsant er es findet. Die bisher sieben EU-Abgeordneten der Linken sind zerstritten. Neben Bisky rücken wohl mehr Fundis als Realos nach. Es dürfte schwer sein, die Truppe zu einen. Wer aber 17 Jahre PDS und zwei Jahre Linken-Vorsitz an der Seite Oskar Lafontaines hinter sich hat, den schrecken solche Aussichten kaum.Die Berliner Zeitung porträtiert die deutschen Spitzenkandidaten zur Europawahl. Bereits erschienen: Hans-Gert Pöttering, Martin Schulz, Silvana Koch-Mehrin. Morgen: Rebecca Harms und Reinhard Bütikofer.------------------------------Foto: Pflichtmensch mit innerer Distanz: Lothar Bisky.
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