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Lucky Luke erobert Berlin: Diese Ausstellung hat das Zeug zum Publikumsmagneten

Das Museum für Kommunikation feiert den 80. Geburtstag des Comic-Helden mit einer umfangreichen Ausstellung, bei der auch der Schöpfer Morris geehrt wird.

Ralph Trommer
9 Min
Passend zum Ausstellungsort: eine Zeichnung aus dem Jahr 1974 – auch dies eine Leihgabe der Familie Morris

Passend zum Ausstellungsort: eine Zeichnung aus dem Jahr 1974 – auch dies eine Leihgabe der Familie Morris

© MuseumsstiftungPostundTelekommunikation

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Ein ikonisches Bild: Ein Cowboy reitet melancholisch auf seinem Schimmel dem Sonnenuntergang entgegen und trällert dabei das Lied „I’m a poor lonesome Cowboy …“ Obwohl um ein Vielfaches vergrößert und an eine Wand des Museums tapeziert, ist es sofort als ein Panel aus dem beliebten Comic „Lucky Luke“ erkennbar. Und weckt sicher bei vielen Besucherinnen und Besuchern Kindheitserinnerungen, wird doch jedes Abenteuer des sympathischen Revolverhelden auf diese Weise abgeschlossen.

Der populäre Comicheld steht im Mittelpunkt der gerade eröffneten Ausstellung „Lucky Luke. Morris’ einsamer Westernheld“ im Museum für Kommunikation Berlin, dem früheren Postmuseum in der Leipziger Straße. Anlass ist Lucky Lukes 80. Geburtstag.

Am 14. November 1946 erschien im belgischen Magazin „Spirou Almanach 1947“ ein Comic mit dem ersten Auftritt Lucky Lukes. Sein Zeichner, der 1923 geborene Belgier Maurice de Bevere, nannte sich ab diesem Zeitpunkt „Morris“, um möglichst amerikanisch zu klingen. Einen solchen Erfolg hatte er sich damals kaum erträumen können: Über 80 Lucky-Luke-Alben sind bis heute erschienen, ca. 300 Millionen wurden weltweit verkauft. Nach Morris’ Tod 2001 wird die Reihe vom Franzosen Achdé (Hervé Darmenton) im Stil des Schöpfers Morris fortgeführt.

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Ein Museum, das sich für Comics einsetzt

Das Museum für Kommunikation (MfK) hat sich in den letzten Jahren immer wieder der Comic-Kunst zugewandt. Jedes Jahr werden etwa die Gewinner des Berliner Comic-Stipendiums ausgestellt. Im Frühjahr öffnet es seine Türen für das „Comic Invasion“-Festival, bietet damit der bunten Berliner Comicszene ein Podium. Und erst letztes Jahr wurde dem Asterix-Zeichner Albert Uderzo eine Schau gewidmet.

„Deren Erfolg“, führt der deutsche Comiczeichner und Co-Kurator Flix (Felix Görmann) während eines Presse-Rundgangs aus, „hat erst ermöglicht, dass die aktuelle Ausstellung über Lucky Luke und Morris vorstellbar wurde.“ Uderzos Tochter Sylvie war so begeistert vom sorgfältigen Umgang des Museumsteams mit den sehr fragilen Papierarbeiten, dass sie es der Familie von Morris weiterempfahl. So kam es, dass rund 80 Objekte aus dem Familienarchiv – vorwiegend originale Comicseiten und Coverzeichnungen – aus der Feder des Lucky-Luke-Schöpfers nach Berlin reisen durften. „Wir bekamen fast alle Blätter, die wir haben wollten, etwa die allererste Seite des ersten Abenteuers. Ein wahrer Schatz“, sagt Flix nicht ohne Stolz.

80 Objekte aus dem Archiv der Familie Morris sind in Berlin zu sehen.

80 Objekte aus dem Archiv der Familie Morris sind in Berlin zu sehen.

© MuseumfuerKommunikationBerlin-CHLietzmann

Originalseite aus „Die Goldmine von Dick Digger“ (1949)

Originalseite aus „Die Goldmine von Dick Digger“ (1949)

© MuseumsstiftungPostundTelekommunikation

Im Kabinettraum im Parterre, wo die Ausstellung startet, sind die ersten Trouvaillen zu entdecken: Zeichnungen von Morris aus Kinder- und Jugendjahren, in denen er schon sehr treffsicher seine Lehrer im Jesuitenkolleg karikierte, sowie frühe Illustrationen in einem lieblichen Zeichenstil. Zunächst wollte Morris Animationsfilme machen und begann als Phasenzeichner in einem belgischen Studio, das nach dem Zweiten Weltkrieg bankrottging. Im Anschluss fand er Arbeit beim Verlag Dupuis, der das sehr erfolgreiche Comicmagazin „Le Journal de Spirou“ herausgab.

„Arizona 1880“, die erste Lucky-Luke-Geschichte, zeigt den noch etwas rundlichen Cowboy bereits erkennbar in seiner typischen Kluft (weißer Hut, gelbes Hemd, blaue Jeans – nur die schwarze Weste fehlte noch) auf seinem weißen Pferd Jolly Jumper reiten. Dabei jodelt er ein Lied, was auf die damals populären Kino-Western-Serials zurückzuführen ist, in denen Cowboydarsteller wie Roy Rogers oft reitend sangen – und auch jodelten. Ein paar Jahre der Entwicklung sollten vergehen, bis Lucky Luke der schlaksige, coole Cowboy wurde, den wir heute kennen.

Morris lebte und arbeitete sechs Jahre lang in den USA.

Morris lebte und arbeitete sechs Jahre lang in den USA.

© Family Morris-Herman Selleslags

Zur Recherche sechs Jahre in die USA

Morris war früh vom Wilden Westen fasziniert. Zusammen mit seinen Dupuis-Kollegen Jijé (sein zeichnerischer Lehrmeister) und André Franquin (der spätere Schöpfer von „Gaston“ und dem „Marsupilami“) reiste er 1948 in die USA und nach Mexiko, um dort zu leben und zu arbeiten. Während die anderen nach einem Jahr nach Belgien zurückkehrten, blieb Morris dort sechs Jahre, reiste durchs ganze Land und sammelte Dokumentationsmaterial, um historische Schauplätze so authentisch wie möglich darstellen zu können. Neue Lucky-Luke-Comics schickte er die ganze Zeit über per Luftpost nach Europa.

Morris’ deutscher Kollege Flix kann die zeichnerische Entwicklung, die Morris durchlief, gut auf den Punkt bringen. „Anfangs ist sein Lucky Luke noch sehr rundlich, er ist eindeutig als Trickfilmfigur nach Disney-Vorbild angelegt. Erst allmählich wird er zu einer kantigeren Figur, weil Morris die Prinzipien des Comics dann besser versteht.“ Morris setzt auf Slapstickhumor, „visuelle Einfälle wie im Zeichentrick behält er bei“. Ein klarer Bildaufbau zeichnet seine Seiten aus, die Charaktere sind prägnante, witzige Typen mit hohem Wiedererkennungswert.

Sehr häufig karikiert Morris berühmte Filmakteure, von Jack Palance bis Clint Eastwood und Sean Connery. „Im Gegensatz zum sehr perfektionistischen Uderzo zeichnen sich Morris’ Seiten eher durch eine Spontaneität des Strichs aus.“ Andeutungen und Auslassungen nützen dem Lesefluss oder erzeugen Aha-Effekte.

Ein kongeniales Team

Nach anfangs noch häufiger Verwendung gängiger Stereotypen und Klischees werden Morris’ Geschichten immer ausgefeilter. Mitte der Fünfzigerjahre beginnt die Zusammenarbeit mit dem Szenaristen René Goscinny (1926–1977, „Asterix“), der wie Morris einige Jahre in den USA lebte und den er 1949 in New York kennenlernte. Er hebt bald das Niveau der Geschichten, verfeinert ihren Humor hin zur Satire.

Durch Goscinny wird Luke zum „Mann, der schneller zieht als sein Schatten“ – ein weiteres ikonisches Motiv –, und manche seiner Gegner zu wiederkehrenden Charakteren, die bald ebenso beliebt werden wie der Titelheld: Da sind vor allem die vier Dalton-Brüder, deren Ensemble Morris visuell gerne wie Orgelpfeifen arrangiert, ihre Mutter Ma Dalton, Billy the Kid oder Jesse James. Auch historische Frauenfiguren wie Calamity Jane gestaltet das Dream-Team zu facettenreichen und oft hochkomischen Charakteren aus. Die bis zu Goscinnys frühem Tod 1977 andauernde Zusammenarbeit setzte Maßstäbe für die „Lucky Luke“-Reihe.

Morris alias Maurice de Bevere: Im Jahr 1946 erschien seine erste Lucky-Luke-Geschichte

Morris alias Maurice de Bevere: Im Jahr 1946 erschien seine erste Lucky-Luke-Geschichte

© Helene Bamberger/Imago

Geschichte der Technisierung Amerikas im Galopp

Das Museum stellt aber auch inhaltliche Aspekte der Comicserie heraus, die auf die eigene Kompetenz verweisen: Co-Kurator Dietrich Wolf Fenner schwärmt, dass die Arbeit an der Ausstellung „besonders viel Spaß gemacht hat, weil sie so viel mit Kommunikation zu tun hat. In Lucky Luke werden über 50 Jahre Kommunikationsgeschichte verdichtet – vom Pony-Express über die Postkutsche, den Eisenbahnbau, die Schifffahrt, die Zeitungsherstellung bis hin zur Telegrafie.“ Er ergänzt: „Das passt großartig zur 154 Jahre alten Sammlung des Museums.“

Dazu steuert das MfK vielfältige Exponate bei, die die historische Genauigkeit von Morris’ Zeichnungen deutlich belegen: So ist das aus Mexiko stammende Modell einer Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzten roten Postkutsche geradezu identisch mit der von Morris gezeichneten aus dem Album „Die Postkutsche“ von 1968, von dem die Coverillustration und mehrere Comicseiten aushängen.

Neben historischen Dioramen oder Zeitungsseiten, die das Leben der Siedler mittels Illustrationen dokumentieren, sind alte Karten von Telegrafenverbindungen in Nordamerika zu sehen, die mit den von Morris gezeichneten, vereinfachten Streckendarstellungen verglichen werden können. In Vitrinen sind echte Telegrafen aus der Zeit zu besichtigen, neben einem Dolch, den „Wells Fargo“-Kutscher zum eigenen Schutz tragen durften. Die Replik eines damaligen Standard-Colts zeigt einen „Peacemaker“ von 1871, den Morris häufig zeichnete. Fenner unterstreicht: „Es fließt kein Blut in Lucky Luke. Luke benutzte ihn nur zur Entwaffnung seiner Gegner, nicht zum Töten.“ Abgesehen von ein paar Ausrutschern in seinen „wilden“ frühen Comics.

Die Legende lebt weiter

Eine Romantisierung des Wilden Westens kann man Morris sicher nicht vorwerfen. Seine Lucky-Luke-Comics sind im Kern historisch exakte und häufig auch kritische Darstellungen der Landnahme zuvor von Indigenen bewohnter Gebiete durch weiße Siedler. Korrupte selbsternannte Richter wie der berüchtigte Roy Bean stehen „respektvoll karikierten“ Repräsentanten der First Nations gegenüber. Der umsichtige Lucky Luke fungiert oft als Mittler zwischen den Kulturen. Durch parodistische Erzähl- und Zeichentechniken gelingt es Morris, ein vielfältiges und weitgehend realistisches Bild jener Gründungsjahre zu zeigen, wie die Ausstellung vielfach belegt.

Kein anderer Western-Comic hat je die Popularität von „Lucky Luke“ erreicht, selbst aus dem Comic-Gründerland USA gibt es keine vergleichbare humoristische Serie.

Nicht verwunderlich, dass mittlerweile auch eine Hommage-Reihe entstanden ist (wie die reguläre Serie wird sie vom Egmont Verlag Berlin herausgegeben), innerhalb der bekannte Zeichner wie die Franzosen Mathieu Bonhomme und Blutch wie auch Deutsche wie Ralf König, Mawil oder Flix jeweils eine eigene Geschichte erzählen, die Lucky Luke auch einmal gegen den Strich bürsten darf. Auch hiervon hängen in der Galerie im zweiten Stock des Museums zahlreiche Originalseiten aus. So erzählt Ralf König in „Zarter Schmelz“ (2021) ein queeres Abenteuer, bei dem der Titelheld sich für Toleranz einsetzt, der Berliner Zeichner Mawil lässt ihn aufs Fahrrad umsteigen und Flix lässt die „Grimm Brothers“ (gezeichnet von Reinhard Kleist) auf Werbetour für ihre Märchen durch den Westen ziehen. Morris hätte sicher seine Freude gehabt an diesen Alternativversionen.

Bei diesem in 80 Jahren angehäuften Reichtum an Motiven und Facetten kann man sicher sein, dass der lässige Cowboy mit dem cleveren Pferd auch weiterhin viele Abenteuer erleben wird. Die auch im Raumdesign liebevoll ausgestattete, mit Wüstenkakteen, einem Lucky-Luke-Film-Outfit und weiteren Schauwerten aufwartende Ausstellung hat das Zeug zum Publikumsmagneten.

Info: „Lucky Luke. Morris’ einsamer Westernheld“. Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin (Leipziger Straße 16) vom 2. Oktober 2026 bis 28. März 2027. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9–17 Uhr, Samstag, Sonntag & Feiertage: 10–18 Uhr, jeden 3. Mittwoch im Monat 9–20 Uhr.

Ralph Trommer ist freier Kulturjournalist in Berlin mit den Schwerpunkten Comic/Graphic Novel, Film, Ausstellungen. Nach dem Studium des Animationsfilms und Tätigkeiten als Drehbuchautor und Dozent ist er vielfältig als Autor und Comicexperte unterwegs.

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