Nur wenige Stunden bevor ein Islamist am Rand des Berliner CSD eine Frau in den Tod riss, stand die Sängerin Luna selbst noch auf der CSD-Bühne vor dem Brandenburger Tor. „Was sind das für Zeiten? Leute fahren Kleintransporter in die Idee von uns beiden“, singt Luna nun in ihrer neuen Single „Der einzige Ort“. Ein Liebeslied mit großem Aber. Und die AfD kommt auch drin vor. Wäre Deutschland für Queers sicherer mit einer lesbischen Bundeskanzlerin Alice Weidel?
Luna, Ihr neuer Song „Der einzige Ort“ bezieht sich auf den islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD, bei dem eine Frau ums Leben kam. Sie selbst haben wenige Stunden vor dem Anschlag noch auf der Bühne performt. Wie haben Sie diesen Tag und diesen Abend erlebt?
Egal, ob man auf der Bühne oder im Publikum steht und demonstriert: Man setzt sich für seine Rechte ein, und das ist immer intensiv. Ich bin an jedem Tag im Jahr queer und setze mich gerne dafür ein. Aber an einem CSD versteht man noch einmal umso mehr, wieso man das alles tut; warum man laut ist, Lieder darüber schreibt und in Interviews darüber spricht.
Es war ein extrem krasser Tag. Ich habe diesen Song „Der einzige Ort“ geschrieben, weil ich das Erlebte für mich in Worte fassen musste. Auf CSDs gehen viele Menschen, die sich dort endlich sichtbar und gesehen fühlen, obwohl sie im Alltag vielleicht noch nicht offen so leben, wie sie möchten. Für diesen Moment ist es ein Ort, an dem man einfach man selbst sein kann. Als der Anschlag passiert ist, war ich noch vor Ort. Wir wurden evakuiert.
Zur Person
Waren Sie zu diesem Zeitpunkt mitten im Publikum oder Backstage? Wer war mit bei Ihnen?
Wir waren backstage und hatten das Glück, relativ schnell vom Geschehen wegzukommen. Ich war mit meiner Partnerin dort. Eigentlich wollten wir uns noch den Auftritt von Siovo anschauen.
Wie ist es Ihnen in dieser Situation ergangen?
Ich habe manchmal ein wenig Angst vor großen Menschenmengen, aber letztlich denkt man doch immer, man könnte die Menschen, die man lieb hat, beschützen und hätte alle Augen links und rechts. Aber in dem Moment kriegt man gar nichts hin. Wir hatten eine Angst, wie ich sie in meinem Leben zuvor noch nie wahrgenommen habe. Dieses Gefühl war so intensiv, dass ich einfach darüber schreiben musste, um es mir von der Seele und vom Herzen zu singen.
„Eigentlich wollte ich ein fröhliches Liebeslied schreiben“
Das ist allerdings nur eine Facette des Songs, er ist im zweiten Part auch generell sehr politisch. Eigentlich wollte ich ein fröhliches Liebeslied für eine Person schreiben, die ich sehr gern habe. Aber es hat sich so ergeben, dass ich in den aktuellen Zeiten leider kein glückliches Liebeslied ohne ein „Aber“ schreiben kann.
In Ihrer vorherigen Single war von der „Angst auf dem Heimweg in der Nacht“ die Rede, und auch in Ihrem Lied „Normal“ vom letzten Album ging es um die Angst queerer Menschen im öffentlichen Raum. Beschäftigt Sie dieses Thema zunehmend?
Grundsätzlich fühle ich mich in Berlin sehr sicher und wohl, auch als queere Person. Ich bin froh, aus dem eher konservativen Niederbayern hierhergezogen zu sein. Ich liebe diese Freiheit in Berlin, dass es so verschiedene Menschen gibt und man als Musikerin super viele Möglichkeiten hat – wie auf einer großen Spielwiese.
Aber natürlich spürt man auch hier in Berlin eine Veränderung. Gerade das Thema AfD, anstehende Wahlen und die allgemeine Stimmung online in den Kommentarspalten machen mir Angst. Sobald man sich politisch äußert, verbreiten viele Menschen offen Hass gegen einen. Vor ein paar Jahren hätten sie das vielleicht noch anonym getan, heute tun sie es ganz ungeniert. Das ist eine Entwicklung in eine falsche Richtung.
Gleichzeitig sieht man aber auch Gegenbewegungen, oder?
Ja, absolut. Das sieht man zum Beispiel daran, dass die Leute nach dem CSD noch mal auf die Straße gegangen sind: Es gab Gedenktage, an denen man sich getroffen hat und umso lauter demonstriert hat, auch in Hamburg mit sehr vielen Menschen. Das sind wichtige Signale, die wir brauchen. Es macht mich froh zu sehen, dass sich die Menschen nicht einschüchtern lassen, sondern zusammenhalten.
In Ihrem Song singen Sie auch von der Befürchtung, dass viele Menschen die AfD wählen könnten und damit die Ehe für alle wieder abgeschafft werden könnte.
Das wäre eine Katastrophe. Die Ehe für alle gibt es ja noch nicht so lange; es fühlt sich an, als wäre sie erst gestern eingeführt worden. Und so schnell, wie diese Möglichkeit kam, kann sie uns auch wieder weggenommen werden. Davor habe ich Angst. Es ist erschreckend, dass man in der heutigen Zeit darüber nachdenken muss, ob man seine Partnerin nicht heiraten darf, nur weil man eine Frau und keinen Mann liebt.
Das hat mich zu dem Gedanken im Song gebracht, dass ich nicht nur aus Liebe ans Heiraten denke, sondern auch als Protest und Signal. Quasi um zu zeigen: „Ich habe jetzt den Ring dran und es ist für immer, egal ob ihr mir den Titel wieder nehmt oder nicht.“ Die politische Einstellung der AfD gegenüber queeren Menschen ist bekannt, wenn man sich damit auseinandersetzt. Das macht mir und meinem Freundeskreis definitiv Angst.
„Schrecklich, wenn Alice Weidel Bundeskanzlerin würde“
Alice Weidel lebt offen lesbisch und könnte die nächste oder übernächste Bundeskanzlerin werden. Meinen Sie nicht, dass eine lesbische Bundeskanzlerin auch Vorteile für queere Menschen mit sich bringen könnte?
Das würde nur Vorteile bringen, wenn sie diese Menschen auch unterstützen würde. Alice Weidel setzt sich aber sehr deutlich von jeder Queerness ab. Abgesehen davon gilt für mich: Man muss sich für alle Minderheiten einsetzen – ob für Menschen mit Behinderungen, mit Migrationshintergrund oder andere Gruppen.
Es reicht mir nicht, dass jemand privat mit einer Frau zusammenwohnt, aber gleichzeitig eine Partei und deren Werte vertritt, die mich und mein Leben angreifen. Da braucht es Taten statt leerer Worte, und die politischen Handlungen gehen leider in die falsche Richtung. Daher wäre es für mich schrecklich, wenn dieser Fall eintritt und Alice Weidel wirklich Bundeskanzlerin würde.
„Viele queere Menschen zieht es in die Städte“: Luna, hier 2024 auf dem Tempelhofer Feld
© Karolin Klüppel
Glauben Sie, dass Alice Weidel ein Vorbild für andere junge lesbische Frauen sein könnte?
An sich ist es toll, wenn eine Frau Karriere machen möchte. Aber sie vertritt aus meiner Sicht nicht die Werte, die man vertreten sollte, um als Gesellschaft zu mehr Harmonie zu finden. Die Art und Weise, wie dort Themen gesetzt werden, wirkt eher aufhetzend. Ich finde, wir sollten als Gesellschaft offen miteinander sprechen, im Diskurs bleiben, einander zuhören und aufeinander zugehen. Aber mit Alice Weidel kann ich mich überhaupt nicht identifizieren, auch wenn es da draußen sicherlich Menschen mit anderen politischen Ansichten gibt, die sie als Vorbild sehen.
Sie sind aus einer Kleinstadt in der Nähe von Passau nach Berlin gezogen. War Berlin für Sie damals das Versprechen, so sein zu können, wie Sie sind? War das mit ein Grund für den Umzug?
Ja, auf jeden Fall. Ich war schon als Teenager in den Schulferien in Berlin. Da habe ich das pulsierende Leben und die unendlichen Möglichkeiten gespürt. Man hatte das Gefühl, man kann hier genau das ausleben, was man beruflich möchte oder wer man sein will. Das hat mir sehr gutgetan, da ich mich zu der Zeit frisch in meiner Heimat geoutet hatte. Ich habe mich in Berlin direkt sehr willkommen gefühlt.
Tugay Sarac im Interview zum CSD-Terror: „Wir brauchen eine Brandmauer zu Islamisten“
Kim Ann Foxman: „Wir werden jetzt erst recht Händchen halten in Berlin!“
Existiert dieses Versprechen von Berlin als Stadt der Freiheit und Regenbogenhauptstadt immer noch, oder hat es mittlerweile Risse bekommen?
Das kann ich schwer für alle beurteilen, weil ich sehr zurückgezogen in meiner eigenen Bubble in der Musikindustrie lebe. Ich persönlich habe in Berlin glücklicherweise noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber Freunde von mir schon: Ein Kumpel wurde in der U-Bahn verprügelt, weil er in Highheels unterwegs war. Das ist allerdings schon vor Jahren passiert.
Statistiken zeigen, dass solche Übergriffe zugenommen haben.
Ich spüre diese veränderte Grundstimmung vor allem online. Sobald ich mich im Internet so zeige, wie ich bin, werde ich teilweise dafür angegriffen. Besonders wenn es politisch wird, aber sogar für Lächerlichkeiten wie dafür, dass mein Kleidungsstil angeblich zu männlich sei. Die Hemmschwelle für Hasskommentare ist in den letzten Jahren extrem gesunken.
„Wenn ich angegriffen werde, betrifft es auch meine Fans“
Wie gehen Sie mit diesem Online-Hass um?
Man kann solche Kommentare strafrechtlich verfolgen lassen und Leute anzeigen – das wissen viele nicht. Ich finde es nicht verkehrt, das auch zu tun, um zu zeigen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Wenn ich angegriffen werde, betrifft das ja nicht nur mich, sondern auch meine Fans. Viele von ihnen suchen in den Kommentaren nach Mut und Bestätigung für ihre eigene Sexualität und finden stattdessen Hass. Das ist eine sehr traurige Entwicklung, die sich vermutlich auch auf das reale Leben auf der Straße überträgt.
Haben Sie noch Kontakt zu queeren Menschen auf dem Land oder aus Ihrer Heimatstadt? Glauben Sie, dass es dort heute einfacher ist, offen queer zu lieber, als zu Ihrer Jugendzeit dort?
Das ist schwierig zu sagen, da die meisten meiner engen Freunde aus der Heimat ebenfalls weggezogen sind. Aber ich bekomme zurückgespiegelt, dass der Rechtsruck und die Zustimmung zur AfD auch auf dem Land stark zugenommen haben. Die Menschen wirken oft festgefahrener in ihren Meinungen und haben starke Vorurteile. Das finde ich sehr schade.
Es fehlen oft Personen vor Ort, die mal eine andere Perspektive einbringen und für etwas Lockerheit sorgen. Viele queere Menschen zieht es deshalb in die Städte, auch weil das Dating auf dem Land extrem schwierig ist. In meiner ersten Beziehung in der Heimat gab es gefühlt nur zwei queere Personen: meine beste Freundin und eine weitere Person, die kein Interesse an mir hatte.
Luna moniert: „Manche Entscheider wählen lieber einen glattgebügelten Künstler“
© Karolin Klüppel
Mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck ist ein Mentalitätswechsel auch in Teilen der Unterhaltungsindustrie spürbar. Haben Sie Angst, dass dadurch offen queere Popmusik wieder leiser werden oder ganz verschwinden könnte?
Ich kann mir vorstellen, dass sich manche sehr auf den Mainstream ausgerichtete Formate aus Angst vor Gegenwind weniger trauen, solche Musik zu teilen. Zu Beginn meiner Karriere wusste ich selbst nicht genau, zu welchen Themen ich mich äußern kann und wo es vielleicht gefährlich für mich werden könnte.
Manche Entscheider wählen dann vielleicht lieber einen glattgebügelten Künstler, mit dem man nichts falsch machen kann. Das wäre sehr schade. Aber ich glaube, es wird weiterhin Plattformen für Künstler geben, die offen ihre Position vertreten, und ich freue mich, ein Teil davon zu sein.
Am 13. November spielen Sie im Kreuzberger Modus Ihre Release-Show zu Ihrer nächsten EP in Berlin. Was erwartet die Zuschauer an diesem Abend und worauf freuen Sie sich besonders?
Ich freue mich riesig darauf, meine Fans und die Community wiederzusehen – mein letztes eigenes Konzert in Berlin ist schon eine Weile her. Berlin fühlt sich für mich immer wie ein Heimspiel an. Ich werde die neuen Songs zum ersten Mal mit Band präsentieren.
Zudem plane ich ein paar neue Elemente auf der Bühne, wie zum Beispiel den Einsatz einer Loop-Station, die mein allererstes Musikgerät als Kind war. Ich möchte ein intimes Wohnzimmer-Feeling schaffen, das gut zu den kleineren Locations passt. Es gibt übrigens nur noch wenige Tickets, man sollte sich also beeilen.
Ihr Lied „Allein auf dieser Welt“ spielt mit dem Gedanken, wie es wäre, wenn man ganz alleine auf der Welt wäre. Dass es dann viele Probleme, wie zum Bespiel Kriege, nicht gäbe. Aber wäre das Leben nicht auch sehr trostlos ohne Gemeinschaft?
Das Lied ist ein Gedankenspiel. Wenn man sich im Kopf darauf einlässt, stößt man auf Probleme, die man im Alltag verdrängt – zum Beispiel die Frage, warum man sich selbst unter Menschen nicht genug Selbstliebe schenkt. Für mich hatte das Schreiben einen therapeutischen Charakter. Obwohl meine Musik oft introvertiert ist, zeigt der Song am Ende die Erkenntnis, dass es gut ist, wie es ist: mit andern Menschen um einen herum.
Wir brauchen auch Herausforderungen im Leben, um das Gute wieder zu schätzen – so wie man den Sommer erst nach dem Winter richtig genießt. Es ist schön, dass wir einander haben. Das ist auch das Motto für meine anstehenden Shows, die genau deshalb „Nicht allein auf dieser Welt“ heißen. Es ist wunderbar zu sehen, wie bei meinen Konzerten aus Fans eine echte Community entsteht – in der sogar neue Freundschaften geschlossen werden.
Luna live in Berlin auf ihrer „Nicht allein auf dieser Welt“-Tour. Freitag, 13. November, 20 Uhr, Modus Berlin, Ritterstraße 24-27, Kreuzberg, VVK 39 Euro, Karten erhältlich im Ticketshop der Berliner Zeitung.
Berliner CSD 2026: Warum ich mich auch an das Schöne dieses Tages noch erinnern will
Berliner Rapper Baran Kok: „Ich bin kein Opfer – ich mache mich lieber über homophobe Leute lustig“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]