Ein Kunstwerk, an dem sich 81 Jahre Geschichte ablesen lassen. Am 2. März 1945 traf eine Bombe das Arnstedtsche Epitaph im Magdeburger Dom. Ein ehemals sehr prachtvolles und kunsthistorisch bedeutendes Gedächtnismal für den Domherren Friedrich von Arnstedt und seine Familie. Durch die Bombardierung stürzte das monumentale Grabmal größtenteils ein und zerlegte sich in ein Puzzle aus über 300 Bruchstücken.
Bei einer Feierstunde ist das Epitaph am Mittwoch nach jahrelanger Restaurierung der Öffentlichkeit übergeben worden und wieder an seinem ursprünglichen Platz im südlichen Seitenschiff des Doms zu sehen. Staatssekretär für Kultur, Sebastian Putz (CDU), sprach dabei von der „letzten großen Kriegswunde“ im Inneren des Doms. Seit 2019 wurde an der Wiederherstellung gearbeitet. Rund 280.000 Euro kostete die Rekonstruktion nach Angaben des Fördervereins Dom zu Magdeburg.
Ein Puzzle aus mehr als 300 Teilen
Die Restaurierung bedeutet weit mehr als das Zusammensetzen der Steinfragmente. Von dem historischen Zustand des Epitaphs vor der Zerstörung existierten nur wenige Fotos und Beschreibungen. Für alle Beteiligten stellte sich zunächst die Frage: Wie sah das Monument davor genau aus – und welches Bruchstück gehört an welche Stelle? Das Bild vom fertigen Puzzle fehlte.
Die Otto-von-Guericke-Universität unterstützte bei der großen Aufgabe. Dafür wurden die erhaltenen Originalteile gescannt und aus den Daten entstand ein digitales dreidimensionales Modell. So konnten die Fragmente erfasst und ihre ursprüngliche Anordnung nachvollzogen werden, wie die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt in ihrer Presseinformation zur Fertigstellung mitteilt.
Für Stephen Gerhard Stehli, Vorsitzender des Fördervereins Dom zu Magdeburg, war genau das die Besonderheit des Projekts. „Besonders war nicht nur die Größe der Aufgabe, sondern auch der Versuch, etwas fast völlig Zerstörtes wiederherzustellen“, sagt er. Dass dabei neue Methoden eingesetzt werden konnten, habe die Arbeit „umso spannender“ gemacht.
Wo die historische Substanz fehlte, kam moderne Technik zum Einsatz. Fehlende Figuren, Ornamente und andere Elemente wurden im 3D-Druckverfahren hergestellt. Außerdem wurde künstlicher Sandstein verwendet, etwa um Fehlstellen an der Inschrifttafel zu ergänzen. Alle neuen Teile entstanden gemäß den denkmalpflegerischen Vorgaben. Das rekonstruierte Monument verbindet nun Originalsubstanz aus dem frühen 17. Jahrhundert mit Elementen, die erst im 21. Jahrhundert entstanden sind.
Der Bombentreffer vom 2. März 1945 zerstörte das Arnstedtsche Epitaph im Magdeburger Dom weitgehend.
© Carsten Sußmann
Ein Denkmal für den Domherrn
Errichtet wurde das sogenannte Arnstedtsche Epitaph im Jahr 1610. Der Bildhauer Sebastian Ertle schuf es als Gedächtnismal für den 1576 zum Domherrn erklärten Friedrich von Arnstedt (1548-1608) und dessen Familie – seine beiden Frauen und sieben Kinder. Er war kein Geistlicher im heutigen Sinne, sondern stammte aus dem märkisch-sächsischen Adelsgeschlecht von Arnstedt. Außerdem besaß er die Herrschaften Unterröblingen, Oberallstedt und Barleben und war damit nicht nur Teil des geistlichen Kapitels, sondern auch Angehöriger einer begüterten Adelsfamilie.
Das aufwendig gearbeitete Monument besteht aus Sandstein, Alabaster und Marmor. Im Zentrum steht ein Relief, also eine Art dreidimensionales Kunstwerk, des Jüngsten Gerichts. Säulen und Skulpturen rahmen die Darstellung. Es ist im Magdeburger Dom das einzige Grabmonument mit einem solchen Säulenaufbau und gehört nach Angaben der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt zu den besonders aufwendigen und hochwertigen Steinmetzarbeiten aus der Zeit um 1600 im Dom.
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg blieb der beschädigte Rest des Epitaphs an seinem ursprünglichen Ort. Die geborgenen Fragmente wurden eingelagert. Jahrzehntelang blieb damit die sichtbare Lücke, die der Krieg in der gotischen Kathedrale hinterlassen hatte.
Viele helfende Hände nötig
Dass das Monument nun wiederhergestellt werden konnte, ist auch dem Förderverein Dom zu Magdeburg zu verdanken. Eine groß angelegte Spendenaktion finanzierte einen Teil der Arbeiten. Hinzu kamen öffentliche Zuwendungen des Landes Sachsen-Anhalt sowie Fördermittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Kloster Bergeschen Stiftung und von Lotto Sachsen-Anhalt.
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Stephen Gerhard Stehli, Vorsitzender des Fördervereins, bezeichnete das Projekt als außergewöhnlich und meint damit nicht nur dessen Größe, sondern vielmehr die Aufgabe, ein vollständig zerstörtes Kunstwerk wiederherzustellen. Zum Abschluss der Restaurierung wurden die Namen der Spender auf einer langen Rolle festgehalten. Diese wurde in eine Kupferhülle eingelötet und soll nun in das rekonstruierte Epitaph eingelassen werden.
So stecken in dem Monument nicht nur die Geschichte des Domherrn aus dem 16. Jahrhundert und die Zerstörung des Jahres 1945, sondern auch, was danach möglich geworden ist: Aus Hunderten von Fragmenten, digitalen Daten und modern gefertigten Teilen ist ein neues Kunstwerk entstanden.
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