Eine kleine Trillerpfeife kann darüber entscheiden, ob ein verschütteter Mensch gefunden wird. Das ist kein Gedanke, mit dem Kinder aufwachsen sollten. In Kiew gehört er inzwischen zu den Vorsichtsmaßnahmen mancher Familien. „Unsere Kinder und auch die Erwachsenen tragen heute keinen Schmuck um den Hals, sondern eine kleine Trillerpfeife, damit sie den Rettungskräften zeigen können, wo sie nach ihnen suchen müssen“, schreibt eine Mutter aus der ukrainischen Hauptstadt.
Neben der Wohnungstür steht ein Rucksack. Darin: Wasser, etwas zu essen, eine Decke, eine Isomatte und ein Erste-Hilfe-Set. Er ist nicht für einen Ausflug gepackt, sondern für die nächste Nacht mit Raketenalarm. „Unsere Kinder wissen, was sie mitnehmen müssen, und haben gelernt, mit dem Erste-Hilfe-Set umzugehen“, berichtet dieselbe Frau. Besonders schmerzhaft sei, dass ihr Kind lernen müsse, sich selbst in Sicherheit zu bringen, falls einem Erwachsenen etwas zustoße. Es ist die Umkehrung dessen, was Kindheit eigentlich ausmacht. Nicht die Erwachsenen allein übernehmen die Verantwortung; selbst die Jüngsten müssen sich auf den Ernstfall vorbereiten.
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Diese und weitere Schilderungen haben Mütter in Kiew auf Fragen der Ukraine-Hilfe Berlin gegeben. Marie Gräfin von Plettenberg, die sich in dem Verein engagiert, hat ihre Aussagen und Fotos aus der Ukraine zusammengetragen. Die Frauen bleiben in den übermittelten Berichten anonym. Ihre Worte erreichen Deutschland in deutscher Übersetzung, doch die wiederkehrenden Motive sind auffallend konkret: der kalte Boden, unterbrochener Schlaf, Angst vor der nächsten Sirene, die Suche nach einem Ort, der wenigstens etwas Schutz bietet.
Eine Mutter berichtet von einer Frage, auf die sich keine Antwort finden lässt: „Besonders schwer ist es, wenn mein Kind mich fragt: ‚Mama, wann können wir wieder nach Hause?‘ Und ich kann keine Antwort geben.“
Schutz und Hilfe für den Ernstfall: Für ukrainische Kinder können Trillerpfeifen und Notfallrucksäcke im Zweifel Leben retten.
© Gräfin Marie von Plettenberg – Ukraine Hilfe e.V. Berlin
Der Schutzraum wird zum Schlafzimmer
Wer die aus Kiew übermittelten Fotos betrachtet, sieht keine provisorische Ferienunterkunft. In einer Tiefgarage liegen Matratzen und Decken auf dem Beton, neben abgestellten Autos. Menschen sitzen auf Campingstühlen oder versuchen, zwischen Wänden, Stützen und Fahrzeugen zur Ruhe zu kommen. Ein anderes Bild zeigt Schlafplätze in einem lang gezogenen unterirdischen Raum. Die Aufnahmen dokumentieren, wie sich private Alltagsräume in Notunterkünfte verwandeln.
„Wenn der Luftalarm beginnt, müssen wir schnell entscheiden, wo wir Schutz suchen. Manchmal schaffen wir es zur U-Bahn, manchmal bleibt uns nur der Keller“, schreibt eine weitere Mutter. Ihr Kind kenne die Warnungen inzwischen. „Eigentlich sollte ein Kind in diesem Alter an Spielen und schöne Dinge denken, nicht an Raketen und Explosionen.“ In den Metrostationen, so berichtet sie, blieben Familien mitunter die ganze Nacht. „Manche Kinder weinen, andere schlafen vor Erschöpfung ein. Viele Eltern versuchen, ihre Kinder zu beruhigen, obwohl sie selbst große Angst haben.“
Nicht jede Familie wohnt nahe genug an einer U-Bahn-Station. In der von der Ukraine-Hilfe Berlin übermittelten Schilderung einer Mutter heißt es, dass ihre Familie bei Gefahr manchmal im Wohnungsflur schlafe und sie ihr Kind gelegentlich sogar in die Badewanne lege. Die Metrostation sei zu weit entfernt; mitunter bleibe nur der Keller. Das sind keine zertifizierten Sicherheitskonzepte, sondern Versuche, unter Zeitdruck eine weniger gefährliche Stelle zu finden.
Unabhängige Beobachter beschreiben eine ähnliche Wirklichkeit. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete bereits Anfang September, dass Kiews Alltag durch nahezu ständige Drohnenangriffe, unterbrochenen Schulunterricht und wiederholte Luftalarme zunehmend aus dem Takt gerät. Deutsche Welle schilderte am 23. Oktober, wie Menschen abends Matratzen und kleine Zelte in U-Bahn-Stationen aufbauen. Und die Nachrichtenagentur AFP begleitete eine Mutter von drei Kindern, deren Tagesablauf zwischen Sirenen, Arbeitsverpflichtungen und ausgefallenem Strom organisiert werden muss.
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Noch am 26. Oktober meldete Reuters einen russischen Angriff auf Kiew mit mindestens einem Toten und zehn Verletzten nach Angaben der örtlichen Behörden. Getroffen oder beschädigt wurden unter anderem Gebäude im Bildungs- und Gesundheitsbereich sowie eine U-Bahn-Station. Selbst der Weg in den Schutzraum steht unter dem Vorzeichen einer Bedrohung, die in der Hauptstadt längst nicht mehr auf die Nacht begrenzt ist.
Kälte als zweiter Gegner
Der Luftalarm ist das eine. Die Kälte ist das andere. Eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern in der Nähe einer Metrostation wohnt, beschreibt die Zugluft aus den Tunneln: „Egal, wie warm man sich anzieht, vor der Zugluft ist man nicht wirklich geschützt.“ Nach Nächten dort seien die Kinder mitunter erkältet. „In dicken Pullovern zu schlafen ist unbequem“, schreibt sie. Ein Schlafsack könne wenigstens das Gefühl vermitteln, wieder unter einer vertrauten Decke zu liegen – für ein paar Stunden, weit weg vom eigenen Bett.
Eine andere Frau erinnert sich an die vergangenen Winter: In der Tiefgarage, in der ihre Familie Schutz suchte, habe das Thermometer bei acht bis zehn Grad gelegen. In ihrer Wohnung seien bei einem Heizungsausfall zeitweise nur acht bis zwölf Grad geblieben. „Wir schliefen in unserer Kleidung.“ Solche Temperaturen sind die Angaben einer Betroffenen, keine flächendeckenden Messwerte für Kiew. Aber sie zeigen, weshalb die Entscheidung, ob ein Kind nachts in eine Metrostation gebracht werden muss, auch eine Frage von Wärme und körperlicher Belastung ist.
Eine Kindheit zwischen Alarm und Unterricht
Eine Mutter erzählt, ihr Kind müsse lernen, Verbände anzulegen und im Notfall auf sich selbst aufzupassen. „Es tut mir sehr weh, dass mein Kind seine Zeit in Schutzräumen verbringen muss, statt unbeschwert zu spielen.“ Für die Kinder geht es am Morgen häufig trotzdem weiter: in die Schule, zum Lernen, in einen Alltag, der zumindest nach außen normal wirken soll. „Durch die ständigen Alarme fehlt uns der Schlaf, und am nächsten Morgen müssen die Kinder trotzdem lernen und die Eltern arbeiten“, beschreibt eine andere Mutter die Erschöpfung.
Dass diese Erfahrung längst nicht mehr nur die Bewohner besonders gefährdeter Stadtteile betrifft, zeigte eine Reportage des Kyiv Independent vom 21. Oktober. Darin erzählt eine Mutter, sie habe ihren fünfjährigen Sohn nachts auf dem kalten Boden der Metro schlafen lassen und selbst wach bleiben müssen. Schließlich zog sie mit ihm nach Lwiw im Westen des Landes. Eine andere Mutter berichtet, dass ihr Sohn im Kindergarten fast den ganzen Tag im Schutzraum verbracht habe. Die Frage, ob eine Familie bleibt oder geht, ist zur wiederkehrenden Entscheidung geworden – mit Verlusten auf beiden Seiten.
Die übermittelten Aussagen der Kiewer Mütter sind auch deshalb eindringlich, weil sie nicht alle dieselbe Forderung erheben. Eine von ihnen antwortet auf das Angebot, Schlafsäcke gespendet zu bekommen, ausdrücklich: „Ich persönlich brauche keinen, denn wir haben uns bereits Schlafsäcke gekauft.“ Es gebe aber Familien, die sich das nicht leisten könnten. Für deren Kinder sei es eine erhebliche Erleichterung, immer wieder außerhalb des eigenen Bettes übernachten zu müssen. Hier wird Hilfe nicht als großes politisches Versprechen beschrieben, sondern als sehr kleiner praktischer Unterschied zwischen Frieren und etwas Ruhe finden.
Genau an dieser Stelle setzt eine Zusammenarbeit der Ukraine-Hilfe Berlin mit der Stiftung Chance Jugend von Barbara und Heribert Trunk an. Für den Winter 2026/27 werden weitere Schlafsäcke für Kinder in Kiew bereitgestellt. Barbara Trunk, Mitglied des Stiftungsvorstands, spricht davon, Kindern unter „schwierigsten Rahmenbedingungen, ein bisschen Wärme im wahrsten Sinne des Wortes zu geben“. Der Satz klingt schlicht. Gerade deshalb passt er zu den Berichten aus den Untergeschossen der Stadt.
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An der Ursache der nächtlichen Flucht kann ein Schlafsack nichts ändern. Auch nicht daran, dass Eltern ihre Kinder manchmal wecken müssen, bevor diese verstehen, warum. Die Mutter, die von den endlosen Nächten in der Metro erzählt, formuliert den bescheidenen Wunsch ihrer Familie so: „Wir wünschen uns nichts Außergewöhnliches. Nur, dass unsere Kinder nachts warm und sicher schlafen können.“
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