Berlin-Wahl

„Politiker kennen die Sorgen gar nicht“ – eine 16-Jährige über ihre erste Wahl in Berlin

Ein CDU-Wähler schimpft über Wegner, ein Türke setzt seine Hoffnung aufs BSW, ein Nichtwähler resigniert. Stimmen aus einem Bezirk, der sich bürgerlich gibt und trotzdem brodelt.

9 Min
Wilmersdorfer Straße Kiezportrait Charlottenburg

Wilmersdorfer Straße Kiezportrait Charlottenburg

© Kate Schultze für Berliner Zeitung

Charlottenburg, ein Nachmittag im Spätsommer vor der Wahl. Die Sonne fällt schräg auf die Wilmersdorfer Straße, irgendwo klappern Kaffeetassen, ein Fahrrad klingelt. Charlottenburg-Wilmersdorf zählt 343.625 Einwohner, so viele wie kaum je zuvor, und gilt seit jeher als bürgerlicher Bezirk mit vergleichsweise günstiger Sozialstruktur.

Fast die Hälfte der Menschen hier, 47,3 Prozent, hat eine Migrationsgeschichte – die größten Gruppen kommen aus der Türkei, der Ukraine und Polen.

Im Juli 2026 waren in Charlottenburg-Wilmersdorf 16.490 Menschen arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote betrug 9,6 Prozent und lag damit unter dem Berliner Durchschnitt von 10,4 Prozent.

Wer 2025 im Bezirk eine Wohnung suchte, musste im Median mit 19,17 Euro Nettokaltmiete je Quadratmeter rechnen. Charlottenburg-Wilmersdorf war damit nach Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg der drittteuerste Berliner Bezirk. Der Berliner Durchschnitt lag bei 15,78 Euro. Eine angebotene 70-Quadratmeter-Wohnung kostete demnach rechnerisch rund 1342 Euro kalt im Monat, so der IBB-Wohnungsmarktbericht 2025.

Der Altersdurchschnitt liegt bei 45,2 Jahren, der zweithöchste Wert unter allen Berliner Bezirken. Man sieht es an diesem Nachmittag: mehr graue Schläfen als anderswo, mehr Zeit für ein Gespräch zwischendurch.

Nicht nur Touristen mit Zweitadresse

Sybille Cohrs und Loring Sittler kommen die Wilmersdorfer Straße entlang, schlendern in Richtung der Kirche an der Krumme Straße, gut gelaunt, mit dem entspannten Tempo von Leuten, die keinen Termin haben. Er trägt ein Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, sie eine Kappe, tief ins Gesicht gezogen gegen die Nachmittagssonne.

Ihr Lebensmittelpunkt liegt in Niedersachsen, doch Berlin ist für sie längst mehr als ein gelegentliches Reiseziel. Seit Jahren besitzen sie hier eine Wohnung, verbringen regelmäßig Zeit in der Hauptstadt und betonen gleich mehrfach, sie seien „oft und gerne“ hier. Sie verstehen sich nicht als Touristen mit Zweitadresse, die für ein Wochenende kommen und anschließend wieder verschwinden, sondern als Stammgäste der Stadt: vertraut mit ihren Debatten, ihren Veränderungen und den Eigenheiten des Berliner Alltags.

Auch politisch treten sie als eingespieltes Paar auf. Beide gehören seit rund zwanzig Jahren der CDU an; ihre Parteibindung ist keine kurzfristige Wahlentscheidung, sondern Teil ihres Selbstverständnisses.

In der Berliner Enteignungsdebatte ist ihre Haltung entsprechend eindeutig. Als Vermieter betrachten sie die Forderung nach einer Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen nicht nur als abstrakten politischen Streit, sondern als grundsätzliche Frage des Eigentums. Und bei dieser Frage, daran lassen sie keinen Zweifel, stehen sie auf der Seite der Eigentümer.

Sybille Cohrs und Loring Sittler wohnen immer mal wieder in Berlin: Sie wählen CDU.

Sybille Cohrs und Loring Sittler wohnen immer mal wieder in Berlin: Sie wählen CDU.

© Kate Schultze für Berliner Zeitung

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Dass die SPD-Spitze frühzeitig den Linken Paroli gegeben hat bei deren „Enteignungsphantasien“, findet die Frau richtig – „ausnahmsweise mal“, sagt sie und lacht kurz auf, mit einem Anflug von Erstaunen darüber, dass es tatsächlich so ist. Und wie lautet ihre Prognose für den 20. September? „Ungewiss“, sagt sie. Sie hoffe, dass es für CDU und SPD reiche.

Einst war die CDU auch in Charlottenburg-Wilmersdorf Spitzenreiter. Bei der Wiederholungswahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 12. Februar 2023 wurde sie in Charlottenburg-Wilmersdorf mit 30,6 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft.

Auch bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 lag die Partei im gesamten Bezirk vorn, allerdings deutlich knapper: Sie erhielt 22,7 Prozent der Zweitstimmen, gefolgt von den Grünen mit 21,2 Prozent und der SPD mit 17,9 Prozent.

Loring Sittler schnaubt. Die ganze Geschichte um Kai Wegner nach dem Stromanschlag im Januar 2026 habe der Partei geschadet. „Und nicht nur der Landes-CDU“, sagt er kopfschüttelnd. „Ich frage mich immer: Wer hat das gemanagt und wer hat Wegner beraten?“ Und es klingt weniger nach Frage als nach Fazit.

Die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg

Die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg

© Kate Schultze für Berliner Zeitung

Ein paar Straßen weiter, auf einer Parkbank, sitzt Christoph, 44, gebürtiger Charlottenburger, die Arme tätowiert, den Blick aufs Handy gerichtet, das er auch beim Reden nicht ganz aus der Hand legt. Anfangs ist er einsilbig, fast unwillig, wirkt genervt von der Unterbrechung.

Aber je länger das Gespräch dauert, desto mehr taut er auf, legt das Handy schließlich beiseite. Er sei Nichtwähler, wie er zugibt, „relativ lang tatsächlich schon“, sagt er, ohne dass ein konkretes Ereignis ihn dazu gebracht hätte.

Zentraler Kritikpunkt: Migrationspolitik

Es sei eher über die Jahre gewachsen: die Erfahrung, dass es am Ende keinen Unterschied mache, welche Partei regiere: „Egal, wer rankommt, es passiert immer genau dasselbe.“ Auch für die Wahl am 20. September erwartet er nichts Neues. Es laufe ohnehin „eher zum Schlechten“, sagt er, in vielen Bereichen des Lebens – und ob er nun sein Kreuz irgendwo setze oder nicht, ändere daran nichts.

Nicht weit davon sitzt ein Mann, der in Istanbul geboren wurde und seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Auch er ist unzufrieden – mit CDU, SPD und Grünen gleichermaßen. „Keine dieser Parteien ist positiv“, wie er sagt.

„Wir bieten viel zu viele finanzielle Anreize für Menschen“

Sein zentraler Kritikpunkt ist die Migrationspolitik, die er als unkontrolliert beschreibt – europaweit, aber in Deutschland besonders ausgeprägt: Die Sozialsysteme, glaubt er, wirkten anziehend auf Menschen, die eigentlich anderswo, etwa in Polen, eine Erstaufnahme gefunden hätten. „Wir bieten viel zu viele finanzielle Anreize für Menschen, die ins Land kommen: Bürgergeld, Unterkünfte, selbst das Geld aus dem Topf des Asylbewerberleistungsgesetzes – das ist ein Desaster. “

Auch die Energiepolitik bringt ihn in Rage. Den Atomausstieg hält er für einen Fehler. Nun kaufe Deutschland Strom im Ausland ein, auch aus Frankreich. „Viel zu teuer“, schnaubt der Mann.

Bei der Wahl will er dem BSW seine Stimme geben – in der Hoffnung, dass die Partei „noch mehr Parteienlandschaft“ ins Abgeordnetenhaus bringt.

Claudia Tost, 54, und ihre Tochter Lea, 16. Die Schülerin wählt in diesem Jahr das erste Mal.

Claudia Tost, 54, und ihre Tochter Lea, 16. Die Schülerin wählt in diesem Jahr das erste Mal.

© Kate Schultze für Berliner Zeitung

Auf einer Bank in der Nähe eines Geldautomaten sitzen Claudia Tost, 54, und ihre Tochter Lea, 16. Claudia Tost ist gebürtige Schönebergerin, seit 45 Jahren in Charlottenburg zu Hause, ehemalige Teamleiterin im Beschwerdemanagement bei einem Telekommunikationsanbieter, mit 25 Mitarbeitenden unter sich – heute „aus gesundheitlichen Gründen“ nicht mehr berufstätig.

Was sie vor allem belastet, sind die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Sie merkt es an fast jedem Regal: beim Brot und der Butter, beim Obst und Gemüse, beim Waschmittel – und selbst bei kleinen Dingen, die früher ohne langes Nachdenken im Einkaufswagen landeten. Ein Kinderriegel-Vorteilspack, der einmal 2,89 Euro gekostet habe, sei inzwischen selbst im Angebot für 5,79 Euro zu haben.

Aus dem Wocheneinkauf von früher rund 100 Euro seien für die vierköpfige Familie mittlerweile 200 Euro geworden. Dabei gehe es nicht um Luxus, sondern um Lebensmittel, Drogerieartikel und alles, was im Alltag einer Familie regelmäßig gebraucht werde.

Auch die festen Ausgaben lassen wenig Spielraum. Für ihre 70 Quadratmeter große Wohnung zahlt sie rund 1000 Euro Miete. Hinzu kommen etwa 145 Euro Strom im Monat für zwei Personen – „und da sind wir noch ganz gut“, betont sie. In der Familie werde sparsam geduscht, beim Kochen genau darauf geachtet, wie lange Herd und Backofen laufen. Nach Abzug aller laufenden Kosten bleibe nicht viel übrig, sagt sie.

Ihre Tochter Lea ist 16. Bei der Abgeordnetenhauswahl im September darf sie zum ersten Mal ihre Stimme abgeben – und zumindest weiß sie längst, wo ihr Kreuz nicht landen wird. „Definitiv nicht die AfD“, sagt sie. Wählen will sie die Linke. „Da finde ich mich wieder.“ In ihrer Berufsschulklasse sei sie damit keineswegs eine Außenseiterin; auch ihr Freundeskreis sei überwiegend links eingestellt.

Lea steht damit für einen bundesweiten Trend – und zugleich für eine wachsende politische Kluft zwischen den Geschlechtern. Für die Studie „Jugend in Deutschland 2026“ wurden Anfang des Jahres 2012 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren befragt. Bei ihnen liegt die Linke in der Sonntagsfrage mit 25 Prozent vorn, gefolgt von der AfD mit 20 Prozent. Union und ehemalige Ampelparteien haben deutlich an Rückhalt verloren. Doch hinter den Zahlen verbergen sich zwei gegenläufige Bewegungen: Junge Frauen orientieren sich zunehmend nach links, während junge Männer überdurchschnittlich häufig Parteien am rechten Rand zuneigen.

Von der Politik „oben“ wünscht sich Lea mehr Bodenhaftung: „Politiker kennen die Sorgen der Menschen gar nicht mehr, wissen nicht mal, wie teuer ein Liter Milch ist.“

Mutter und Tochter sprechen an diesem Nachmittag noch über etwas, das über die reine Wahlfrage hinausgeht: die zunehmende Vermüllung der Stadt, die fehlenden Sitzgelegenheiten für ältere Menschen in den Seitenstraßen, den Wunsch nach mehr beiläufigem Kontakt zwischen Nachbarn – „eine Bank an der Ecke, wo man sich kurz hinsetzt“, wie Tost es beschreibt. Es ist ein kleiner, konkreter Wunsch, der neben den großen Krisenbegriffen fast unterzugehen droht.

Am Ende dieses Nachmittags bleibt kein einzelner Satz zurück, der für ganz Charlottenburg-Wilmersdorf stehen könnte. Dafür liegen die Beobachtungen, Ängste und politischen Schlussfolgerungen zu weit auseinander.

Es ist ein Bezirk, der sich gern als bürgerlich, wohlhabend und stabil beschreibt – und der es in vielerlei Hinsicht auch ist. Kaum jemand spricht von Aufruhr oder Umsturz. Der Frust kommt gepflegter daher. „Natürlich gibt es Abstiegsängste, Misstrauen und das Gefühl, dass die eigene Lebensleistung immer weniger wert ist“, sagt ein Mann, der mit Einkaufstüten aus dem Supermarkt kommt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Das betreffe ganz Berlin.

Er redet weiter, stellt dafür kurz seine Tüten ab: „Ich bin mal gespannt, welche Partei in unserem Bezirk diesmal das Rennen macht. Noch vor ein paar Jahren war die AfD verpönt, das hat sich inzwischen bei vielen um 180 Grad gedreht.“ In vier Wochen weiß er mehr.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner