Spannungen

Kanada bereitet sich auf Extremfall vor: Carney ließ möglichen US-Militärangriff prüfen

Kanadas Premier Mark Carney ließ selbst einen möglichen US-Militärangriff prüfen. Für wahrscheinlich hält er das Szenario nicht – ignorieren will er es trotzdem nicht.

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Kanadas Premierminister Mark Carney

Kanadas Premierminister Mark Carney

© Adrian Wyld/imago

Kanadas Premierminister Mark Carney hat seine Regierung nach eigenen Angaben sogar die Möglichkeit eines militärischen Vorgehens der USA gegen Kanada prüfen lassen. Das Szenario sei äußerst unwahrscheinlich, sagte Carney in einem Interview mit der New York Times. Es wäre jedoch unverantwortlich, sich als Regierungschef nicht auch auf einen solchen Extremfall vorzubereiten.

„Ich glaube, man hat in solchen Positionen die Verantwortung, sich auch mit extremen Restrisiken auseinanderzusetzen“, sagte Carney der Zeitung. „Das ist einfach Risikomanagement. Es ist nicht das Basisszenario, aber es wäre unverantwortlich, sich nicht darauf vorzubereiten.“

Im englischen Original spricht Carney von einem „extreme tail risk“. Der Begriff bezeichnet im Risikomanagement ein Ereignis mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, das im Fall seines Eintretens jedoch enorme Folgen hätte. Was die kanadische Regierung konkret untersuchte und welche Vorbereitungen getroffen wurden, sagte Carney nicht.

Trump sprach immer wieder vom „51. Bundesstaat“

Hintergrund sind die erheblichen Spannungen zwischen den beiden Nachbarstaaten seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Der US-Präsident hat Kanada wiederholt als möglichen „51. Bundesstaat“ der Vereinigten Staaten bezeichnet.

Dabei hatte Trump im Januar 2025 einen Einsatz militärischer Gewalt zur Eingliederung Kanadas ausdrücklich ausgeschlossen. Zugleich brachte er damals „wirtschaftliche Gewalt“ ins Spiel, um Druck auf das Nachbarland auszuüben.

Inzwischen hat sich der Konflikt vor allem auf die Handelsbeziehungen ausgeweitet. Gespräche über eine Vereinbarung scheiterten im August. Anschließend verhängten die USA zusätzliche Zölle auf kanadische Waren, Ottawa reagierte mit Gegenzöllen. Anfang September erklärte Carney, neue Verhandlungen seien möglich, Washington müsse dafür allerdings zu einem ernsthaften und respektvollen Verhandlungsansatz zurückkehren.

Carney und Trump sprechen trotzdem „häufig“

Trotz der Auseinandersetzungen hält Carney direkten Kontakt zu Trump. Die beiden sprächen weiterhin „häufig“ miteinander, sagte der kanadische Premier.

„Aus meiner Sicht haben wir insofern ein gutes Verhältnis, als wir zum Telefon greifen und über Themen miteinander sprechen können“, sagte Carney der New York Times. Trump sei direkt, er selbst ebenfalls. Dadurch wisse jede Seite, wo die andere stehe.

Carney sieht nach eigenen Angaben weiterhin eine Möglichkeit, die Handelsgespräche wieder aufzunehmen. Eine Rückkehr zu stabileren Wirtschaftsbeziehungen liege im Interesse beider Länder. Bei der UN-Generalversammlung in New York trafen sich Trump und Carney in dieser Woche allerdings nicht persönlich.

Kanada überprüft auch Kauf amerikanischer Kampfjets

Die Spannungen mit Washington haben längst auch Kanadas Verteidigungspolitik erreicht. Carneys Regierung überprüft weiterhin den geplanten Kauf amerikanischer F-35-Kampfjets und untersucht mögliche Alternativen. Ursprünglich hatte Kanada den Erwerb von 88 Maschinen beschlossen. An den ersten 16 F-35 hält Ottawa bislang fest.

Zugleich baut Kanada seine militärischen Fähigkeiten aus, insbesondere im arktischen Raum. Nach Angaben des kanadischen Verteidigungsministeriums verfügten die Streitkräfte Ende Juli über 68.473 Angehörige der regulären Truppe und 33.315 Mitglieder der Primary Reserve.

Carneys Aussagen über ein mögliches militärisches Vorgehen der USA machen damit vor allem deutlich, wie stark sich das Verhältnis zwischen zwei jahrzehntelang eng verbundenen Nato-Partnern verändert hat. Einen unmittelbar bevorstehenden militärischen Konflikt sieht der kanadische Regierungschef ausdrücklich nicht.

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