Die Warnung kommt von einem der mächtigsten Finanzaufseher der Welt: Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England und Vorsitzender des Financial Stability Board (FSB), das die Finanzstabilität der G20-Staaten überwacht, sieht die globalen Finanzmärkte anfällig für eine „möglicherweise chaotische“ Korrektur. Besonders gefährlich sei nicht ein einzelner Auslöser, sondern das Zusammenspiel mehrerer Schwachstellen an Aktien- und Anleihemärkten.
Bailey äußerte sich in einem Schreiben an die Finanzminister und Notenbankchefs der G20. Der Brief trägt das Datum 28. August und wurde am 31. August veröffentlicht, wird in Deutschland aber erst jetzt breiter aufgegriffen. Das FSB koordiniert auf internationaler Ebene die Arbeit nationaler Finanzaufsichtsbehörden und Notenbanken.
Nun erhält Baileys Warnung zusätzliche Aufmerksamkeit. Der frühere britische Finanzminister George Osborne, heute bei OpenAI für das internationale Geschäft zuständig, greift sie am Montag in einem Beitrag für die Financial Times (FT) auf. Baileys Intervention müsse ein „Weckruf für den Finanzsektor und den Rest der Wirtschaft“ sein, schreibt Osborne. Im Fokus steht dabei insbesondere Baileys Warnung vor neuen KI-Risiken für das Finanzsystem.
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An den Märkten sieht Bailey gleich mehrere Verwundbarkeiten. Dazu gehören hohe Bewertungen von Vermögenswerten, insbesondere bei KI-bezogenen Anlagen, eine zunehmende Konzentration auf wenige Unternehmen sowie Risiken an den Märkten für Staatsanleihen.
Hinzu kommt der zunehmende Einsatz von Fremdkapital. Vor allem Hedgefonds sind gleichzeitig an Aktien- und Staatsanleihemärkten aktiv. Gerät eine gehebelte Position unter Druck, können Anleger gezwungen sein, schnell Vermögenswerte auch in anderen Märkten zu verkaufen. Dadurch kann sich ein zunächst begrenzter Kursrückgang ausbreiten und verstärken.
Die Bank of England hatte bereits in ihrem Finanzstabilitätsbericht vom Juli vor genau dieser Entwicklung gewarnt. Die Verschuldung von Hedgefonds an den Aktienmärkten ist demnach deutlich gestiegen. Ihre sogenannten Prime-Brokerage-Positionen lagen zuletzt auf Rekordniveau und waren innerhalb eines Jahres weltweit um rund 40 Prozent gewachsen.
Gleichzeitig sind Aktien historisch hoch bewertet. Bei wichtigen Bewertungskennzahlen nähert sich der US-Leitindex S&P 500 laut Bank of England teilweise Niveaus, die zuletzt während der Dotcom-Blase beziehungsweise vor der Finanzkrise 2007 erreicht wurden. Besonders stark konzentriert sich der Markt inzwischen auf Unternehmen, die vom Boom der künstlichen Intelligenz profitieren.
KI-Boom wird zunehmend mit Schulden finanziert
Auch die Finanzierung des KI-Booms verändert die Finanzmärkte. Die fünf großen sogenannten Hyperscaler Meta, Alphabet, Amazon, Microsoft und Oracle haben nach Berechnungen der Bank of England allein im ersten Halbjahr 2026 bereits mehr Anleihen ausgegeben als im gesamten Jahr 2025.
Auch Private Credit, Hochzinsanleihen und komplexere Finanzierungsmodelle gewinnen an Bedeutung. Bei US-Hochzinsanleihen, die nicht lediglich bestehende Schulden refinanzieren, entfielen in diesem Jahr bislang 41 Prozent der Emissionen auf KI-Unternehmen. Die Notenbank warnt deshalb davor, dass Risiken aus dem KI-Boom zunehmend auch in die Kreditmärkte wandern.
Das FSB sieht zugleich hohe Emissionsvolumina bei Staatsanleihen und eine zunehmende Abhängigkeit von kurzfristigeren Laufzeiten. Steigende Zinsen oder eine abrupte Neubewertung von Risiken könnten deshalb mehrere Märkte gleichzeitig treffen.
OpenAI spricht von einem „Weckruf“
Bailey warnt allerdings nicht nur vor einer möglichen Marktkorrektur. Als unmittelbarste neue Gefahr für das Finanzsystem bezeichnet das FSB die Cyberrisiken durch besonders leistungsfähige sogenannte Frontier-KI-Modelle. Diese entwickelten zunehmend Fähigkeiten zur autonomen Problemlösung und könnten auch für Angriffe auf externe Systeme eingesetzt werden.
Auch die britische Finanzaufsicht FCA kommt in einer aktuellen Untersuchung zu einem ambivalenten Ergebnis. Fortschrittliche KI könne Finanzunternehmen helfen, Schwachstellen ihrer Systeme schneller zu entdecken. Dieselben Fähigkeiten könnten bei missbräuchlicher Nutzung jedoch Cyberangriffe verstärken und damit Unternehmen, Kunden und letztlich die Finanzstabilität gefährden.
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Genau darauf reagiert nun OpenAI-Manager Osborne. Regierungen, Finanzinstitute, Cybersicherheitsunternehmen und KI-Labore müssten gemeinsam handeln, schreibt er in der FT. Entscheidend sei, Schwachstellen nicht nur schneller zu erkennen, sondern sie auch rechtzeitig zu schließen.
Baileys Warnung geht damit weit über die Frage hinaus, ob die Börsen nach ihrem starken Lauf korrigieren. Entscheidend ist aus Sicht der Finanzaufseher, was passiert, wenn hohe Bewertungen, steigender Fremdkapitaleinsatz und eng miteinander verbundene Märkte gleichzeitig unter Stress geraten. Dann könnte aus einer gewöhnlichen Korrektur jene ungeordnete Marktbewegung werden, vor der das FSB nun die G20 warnt.
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