Ein weißes T-Shirt, hastig im Spielertunnel verteilt, hat einige der größten Fußballstars der Welt mitten in Spaniens Migrationsdebatte gezogen. Während fast alle Profis von Real Madrid und dem FC Elche die Botschaft offen zeigten, machten Kylian Mbappé, Vinícius Júnior und Ibrahima Konaté den Aufdruck teilweise unlesbar.
Auf den Shirts stand „Todos somos caballas“, auf Deutsch etwa: „Wir alle sind Einwohner von Ceuta“. „Caballas“ ist ein gebräuchlicher Beiname für die Bewohner der spanischen Exklave in Nordafrika. Hinzu kam der Satz: „Unsere Stadt, unser Vaterland.“
Mbappé und Vinícius zogen die Shirts vor dem Ligaspiel am Dienstagabend nur halb über und rollten sie so weit hoch, dass Teile der Botschaft verdeckt blieben. Anschließend legten sie die Oberteile früher ab als ihre Mitspieler. Konaté hielt sein Shirt lediglich in den Händen.
Fernsehbilder zeigten, wie die drei Profis den Aufdruck im Spielertunnel zunächst mit irritierten Blicken lasen. Real Madrid gewann die Partie anschließend mit 3:2. Das Ergebnis geriet angesichts der Bilder jedoch schnell in den Hintergrund.
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Mbappé erklärt seinen stillen Protest
Mbappé äußerte sich am Mittwoch erstmals zu seinem Verhalten. Seine Entscheidung habe sich nicht gegen die Einwohner von Ceuta gerichtet, sagte der französische Nationalspieler der spanischen Sportzeitung AS.
„Ich empfinde volle Solidarität mit Ceuta und allen Opfern“, sagte Mbappé. Er habe jedoch auch „an alle Migranten denken“ wollen, die ihr Leben verloren hätten oder unter schwierigen Bedingungen lebten.
„Ich wollte das Leid einer Gruppe nicht über das einer anderen stellen“, erklärte der Stürmer. Man könne seinen Umgang mit dem Shirt als Ablehnung der Menschen in Ceuta verstehen. Das sei jedoch „absolut nicht“ seine Absicht gewesen.
Vinícius und Konaté haben sich bislang nicht öffentlich zu ihren Beweggründen geäußert.
Die Spieler von Real Madrid tragen vor dem Ligaspiel gegen den FC Elche Solidaritäts-Shirts für Ceuta. Einige Spieler hatten die T-Shirts hochgekrempelt.
© Alberto Saiz/AP
Real Madrid verteidigt die Freiheit seiner Spieler
Real Madrid hatte einer Bitte des gastgebenden FC Elche zugestimmt, sich an der Aktion zu beteiligen. Ein Vertreter des Klubs erklärte gegenüber Reuters jedoch, die Profis hätten selbst entscheiden dürfen, ob und wie sie das Shirt tragen.
Der Verein respektiere unterschiedliche Meinungen, hieß es. Real Madrid hatte bereits eine Woche zuvor bei einem Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand eine Choreografie zur Unterstützung Ceutas organisiert.
LaLiga-Präsident Javier Tebas kritisierte Mbappé, Vinícius und Konaté dagegen. Das Tragen der Shirts sei ein „institutioneller Akt der Vereine“ gewesen und keine Gelegenheit, bei der die Spieler ihre persönliche Meinung äußern müssten. Er finde das Verhalten der drei Profis „schlecht“, sagte Tebas bei einer Veranstaltung in Huesca.
Der Vorsitzende der spanischen Spielergewerkschaft AFE, David Aganzo, widersprach. Die Profis müssten vor solchen Aktionen informiert und einbezogen werden. „Man kann ihnen nicht einfach irgendwie ein T-Shirt geben“, sagte er laut El País. Es gehe um Abstimmung und um Meinungsfreiheit.
PP und Vox greifen die Real-Stars an
Der Streit erreichte am Mittwoch auch das spanische Parlament. PP-Fraktionssprecherin Ester Muñoz bezeichnete das Verhalten der Fußballer als „zum Fremdschämen“. Die Spieler müssten erklären, weshalb sie in einem spanischen Wettbewerb Ceuta und damit Spanien nicht verteidigen wollten.
Vox-Generalsekretär José María Figaredo sprach von „drei Millionären, die in Spanien leben und die Spanier dann nicht unterstützen“. Die spanische Sportministerin Milagros Tolón hielt dagegen, es habe sich um eine persönliche Entscheidung der Spieler gehandelt. Abgeordnete des linken Bündnisses Sumar warnten vor einer politischen Instrumentalisierung der Aktion.
Brisant ist dabei, dass die Kampagne nicht von einer staatlichen Institution, der Liga oder einer Hilfsorganisation initiiert wurde. Sie stammt von der Valencianischen Unternehmervereinigung AVE. Deren Präsident Vicente Boluda leitete Real Madrid 2009 mehrere Monate kommissarisch und besitzt über seine Unternehmensgruppe wirtschaftliche Interessen im Transportsektor.
Der FC Barcelona hatte es deshalb abgelehnt, die Shirts vor seinem Spiel gegen UD Levante zu tragen. Die Kampagne sei eine private Initiative des Unternehmerverbandes und stehe nicht in Verbindung mit dem Klub, erklärte Barcelona nach Angaben von El País.
Marokkanischer Spieler nach Teilnahme beschimpft
Wie aufgeladen die Botschaft inzwischen ist, zeigt der Fall des marokkanischen Nationalspielers Ez Abde. Der Profi von Betis Sevilla trug das Ceuta-Shirt vor dem Spiel gegen Villarreal offen und wurde anschließend in sozialen Netzwerken beschimpft und bedroht.
Abde verteidigte seine Teilnahme. Er habe eine Gemeinschaft und eine soziale Sache unterstützen wollen, nicht eine politische Botschaft. Für das Tragen des Shirts wurde er damit ebenso angegriffen wie Mbappé, Vinícius und Konaté für dessen Verdeckung.
Hinter der Kampagne steht die Migrationskrise in Ceuta. Nach Angaben von Reuters wurden im Juli mehr als 70.000 irreguläre Grenzübertritte aus Marokko registriert. Die Ankunft Zehntausender Menschen brachte Unterkünfte, Behörden und die Versorgung in der kleinen Exklave an ihre Grenzen.
Die T-Shirt-Aktion sollte nach Angaben ihrer Organisatoren zeigen, dass „Ceuta nicht allein“ sei. Der Streit um die drei Real-Stars macht jedoch sichtbar, wie unterschiedlich diese Solidaritätsbotschaft verstanden wird: als Unterstützung für eine überforderte Stadt, als Bekenntnis zu spanischer Souveränität oder als Versuch, die Perspektive der Migranten aus dem Bild zu drängen.
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