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Vor einigen Wochen bat mich ein Bekannter um einen Gefallen. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Nordrhein-Westfalen. Die Familie hatte eine Entscheidung getroffen, die derzeit nicht wenige Menschen beschäftigt. Sie wollten weg. Nicht ins Ausland, nicht an einen exotischen Ort, sondern innerhalb Deutschlands. Raus aus einer Region, in der die Mieten Jahr für Jahr steigen, in der ein normales Einfamilienhaus für viele Familien kaum noch erschwinglich ist und in der selbst Menschen mit zwei Einkommen inzwischen sehr genau rechnen müssen.
Mecklenburg-Vorpommern stand schon länger auf ihrer Liste. Die Familie hatte hier Urlaub gemacht, war an den Stränden der Ostsee unterwegs gewesen, begeisterte sich für die Weite der Landschaft. Vor allem aber hatten sie festgestellt, dass man für den Preis einer Eigentumswohnung im Westen hier teilweise noch ein Haus mit Garten kaufen kann.
Da ich die Region kenne, fragte er, ob ich ihn an einem Wochenende begleiten würde. Einfach, um verschiedene Orte anzuschauen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wo man vielleicht einmal leben könnte.
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Es war ruhig, vielleicht sogar zu ruhig
An einem Sonnabendmorgen machten wir uns auf den Weg. Die Sonne schien, über den Feldern hing noch leichter Dunst. Die Straßen waren angenehm leer. Schon nach den ersten Kilometern wurde deutlich, warum viele Menschen den Osten für sich entdecken. Die Landschaft wirkt großzügiger. Die Orte liegen weiter auseinander. Man hat nicht das Gefühl, dass jeder Quadratmeter bereits verplant und bebaut ist.
Das erste Haus, das wir besichtigten, lag in einem kleinen Dorf. Das Gebäude war ordentlich, das Grundstück groß, der Preis überraschend niedrig. Mein Bekannter lief einmal um das Haus herum, fotografierte die Fassade und schaute über den Garten hinweg auf die angrenzenden Felder. „Wenn so etwas bei uns angeboten würde, wäre es wahrscheinlich doppelt so teuer“, sagte er.
Wir gingen ein Stück durch die Straße. Die Häuser waren gepflegt, die Vorgärten liebevoll gestaltet. Auf den ersten Blick sprach nichts gegen den Ort. Und doch fiel meinem Bekannten etwas auf. Und fragte: „Wo spielen hier eigentlich die Kinder?“
Ich zuckte mit den Schultern. Ehrlich gesagt hatte ich mir diese Frage nie gestellt. Wir gingen weiter. Es war ruhig. Vielleicht sogar zu ruhig. Kein Ball flog über einen Zaun. Kein Kind sauste auf einem Fahrrad vorbei. Niemand spielte auf der Straße.
Fragen, die für einen Familienvater selbstverständlich sind
Einige Kilometer weiter hielten wir erneut an. Auch hier stand ein Haus zum Verkauf. Wieder stimmte der Preis. Wieder wirkte alles ordentlich. Doch diesmal zeigte mein Bekannter auf ein Gebäude am Ortsrand. „Ist das eine Schule?“
Zumindest war es einmal eine gewesen. Das Gebäude stand noch. Der Schulhof war erkennbar. Doch Kinder gab es dort keine mehr. Ein Schild deutete darauf hin, dass die Räume inzwischen anders genutzt wurden. Mein Bekannter blieb einen Moment stehen. „Das ist schon komisch“, sagte er. „Was?“ „Dass man bei der Suche nach einem Haus plötzlich auf solche Dinge achtet.“
Damals ahnte ich noch nicht, dass genau daraus die Geschichte dieses Tages entstehen würde. Je länger wir unterwegs waren, desto weniger sprach er über Immobilien. Stattdessen stellte er Fragen, die für einen Familienvater völlig selbstverständlich sind.
Gibt es einen Kindergarten? Wie weit ist die nächste Grundschule entfernt? Fährt ein Schulbus? Gibt es Einkaufsmöglichkeiten? Ist ein Arzt in der Nähe? Wie lange braucht man bis zur nächsten Stadt? Es waren Fragen, die in keinem Immobilienportal beantwortet werden.
Am frühen Nachmittag erreichten wir einen anderen Ort. Er war nicht größer als die Gemeinden, die wir zuvor gesehen hatten. Trotzdem wirkte alles anders. Vor einer Kita standen Eltern und unterhielten sich. Auf einem Spielplatz waren Kinder unterwegs. Vor einem kleinen Supermarkt hielten mehrere Fahrräder. Eine Gruppe Jugendlicher lief mit Schulranzen über den Gehweg.
Historisches Schulgebäude auf Rügen
© Carola Koserowsky/Imago
Ganze Jahrgänge verließen ihre Heimatregion
„Hier fühlt es sich ganz anders an“, sagte mein Bekannter. Er hatte recht. Der Unterschied lag allerdings nicht in den Gebäuden. Der Unterschied lag in den Menschen.
Während wir weiterfuhren, kamen wir auf die Entwicklung Ostdeutschlands zu sprechen. Viele Dörfer haben die Wende nie vollständig verkraftet. Als Anfang der Neunzigerjahre Arbeitsplätze verschwanden, gingen auch viele junge Menschen. Wer eine Ausbildung machen wollte oder Arbeit suchte, zog häufig nach Hamburg, Hannover, Nordrhein-Westfalen oder München. Ganze Jahrgänge verließen ihre Heimatregionen.
Heute zeigen sich die Folgen dieser Entwicklung an vielen Stellen gleichzeitig. Wo junge Menschen fehlen, werden weniger Kinder geboren. Wo weniger Kinder geboren werden, werden Kindergärten kleiner. Wo Kindergärten kleiner werden, geraten irgendwann Schulen unter Druck. Und wo Schulen verschwinden, überlegen junge Familien zweimal, ob sie dort überhaupt noch hinziehen wollen.
Später recherchierte ich die Zahlen. Tatsächlich verzeichnet Mecklenburg-Vorpommern inzwischen die niedrigsten Geburtenzahlen seit Beginn der statistischen Erfassung. Gleichzeitig hat das Land die Mindestschülerzahlen gesenkt, damit kleinere Schulstandorte erhalten bleiben können. Die Entwicklung ist also längst in den Behörden angekommen.
Doch Statistiken erzählen nur einen Teil der Geschichte. Die andere Seite erlebt man unterwegs. Man erfährt sie auf Landstraßen, in Dörfern und in kleinen Städten. Denn während manche Orte mit sinkenden Einwohnerzahlen kämpfen, erleben Städte wie Stralsund oder Greifswald eine ganz andere Entwicklung. Dort konzentrieren sich Schulen, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. Familien ziehen dorthin, weil sie dort finden, was sie für ihren Alltag brauchen.
Infrastruktur wichtiger als die Schönheit
Doch je attraktiver die Städte werden, desto schwieriger wird es für viele kleinere Gemeinden. Wer Kinder hat, möchte nicht jeden Morgen lange Wege zum Kindergarten zurücklegen. Wer berufstätig ist, braucht eine funktionierende Infrastruktur. Wer neu in eine Region zieht, achtet oft weniger auf die Schönheit eines Hauses als auf die Frage, wie das tägliche Leben funktioniert. Mein Bekannter formulierte es später erstaunlich einfach. „Ein Haus kann noch so schön sein. Wenn ich jeden Tag für alles ins Auto steigen muss, wird es irgendwann anstrengend.“
Am Ende unseres Ausflugs hatten wir zahlreiche Häuser gesehen. Einige waren durchaus interessant. Andere schieden schnell aus. Doch je länger wir über den Tag sprachen, desto deutlicher wurde, dass die Immobilien selbst gar nicht mehr im Mittelpunkt standen.
Stattdessen erinnerten wir uns an die Orte. An die Dörfer, in denen man Kindern begegnete. Und an jene Orte, in denen man lange unterwegs sein konnte, ohne einem einzigen Kind zu begegnen. Einige Tage später rief mich mein Bekannter erneut an. Er hatte die Fotos sortiert und begann nun, die verschiedenen Gemeinden miteinander zu vergleichen.
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Die Abwanderung hat Spuren hinterlassen
„Eigentlich verrückt“, sagte er lachend. „Warum?“ „Weil ich dachte, ich suche ein Haus. In Wirklichkeit suche ich einen Ort, an dem meine Familie leben kann.“ Dieser Satz ging mir lange durch den Kopf. Vielleicht, weil er etwas beschreibt, das weit über den Immobilienmarkt hinausgeht.
Viele Regionen im Osten verfügen über wunderschöne Landschaften, bezahlbaren Wohnraum und eine hohe Lebensqualität. Gleichzeitig kämpfen nicht wenige Gemeinden mit den Folgen einer Entwicklung, die vor mehr als drei Jahrzehnten begann. Die Abwanderung nach der Wende hat Spuren hinterlassen. Manche Orte konnten sich stabilisieren. Andere verloren Jahr für Jahr ein kleines Stück ihrer Zukunft. Das geschieht selten spektakulär. Oft beginnt es damit, dass eine Klasse kleiner wird. Dass ein Kindergarten weniger Kinder anmeldet. Dass eine Familie wegzieht und keine nachkommt.
Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor.
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