TV-Kritik

Mehr Ballern als Beißen: Wenn die Hauptstadt auch im Film zur Dystopie wird

Disneys düstere Horrorserie „City Of Blood“ macht Berlin zur Hauptstadt der Vampire. Doch leider wirkt vieles ausgestellt und behauptet.

4 Min
Für Berlin-Kenner hat die Dystopie bestimmt einen besonderen Reiz.

Für Berlin-Kenner hat die Dystopie bestimmt einen besonderen Reiz.

© Julie Vrabelova/Disney+/dpa

Die Spree unter der Oberbaumbrücke ist nur noch ein Rinnsal. Der Müll auf den Straßen entlang der U-Bahn türmt sich so hoch, dass er nicht mehr geräumt, sondern nur noch von gepanzerten Sprühwagen mit giftigen Dämpfen desinfiziert wird. Schon die Ouvertüre malt die Folgen des Klimawandels und der Verwahrlosung in grellen Farben. Ein Zeitsprung von 15 Jahren verschärft die Dystopie noch extra drastisch: Deutschland ist versteppt und in Kleinsaaten zerfallen.

In der „Republik Berlin“ finden die Reichen Zuflucht unter einer Klimakuppel, während die Armen unter der Hitze leiden und ihr Blut verkaufen müssen, um zu überleben. Doch der Titel „City Of Blood“ bedeutet noch weit mehr: Vampire streben nach der Herrschaft – und die rötlich pulsierende Membran der Klimakuppel ist so konstruiert, dass die Blutsauger auch im Hellen agieren können.

Entdeckungen über Blutgeschäfte sorgen für Unruhe

Die Anregung für die achtteilige Serie kam von der Graphic-Novel-Serie „Berlinoir“ von Tobias Meißner und Reinhard Kleist – hier hatten die Vampire schon die Macht übernommen. „City Of Blood“  spielt in einer persönlichen und einer politischen Ebene und setzt konsequent auf Heldinnen. Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern: Bea (Lea Drinda) lebt mit ihrer Adoptiv-Mutter, der Bauministerin (Jördis Triebel), unter der Kuppel, während Phoebe (Soma Pysall) im illegalen Bluthandel unterwegs ist. Reporterin Bea sorgt mit ihren Entdeckungen über die Blutgeschäfte für Unruhe in der Politik.

Die Bürgermeisterin (Dagmar Manzel)  sieht sich einem aggressiven Herausforderer (David Schütter) von der Partei „Aufbruch Berlin“ gegenüber, deren Fahnen und Logos in AfD-Blau gehalten sind. Auch die Herrscherin der Finsternis ist eine Frau: Chef-Vampirin Szen (Jenny Schily) veranstaltet mit ihrem Sohn Zeno (Lars Eidinger) nachts blutige Jagden auf Gefangene. Die Anführer der Vampire streiten darüber, ob sie weiter auf kriminelle Blutgeschäfte oder Deals mit der Politik setzen sollen. Der Architekt der Klimakuppel (Franz Hartwig)  knüpft Kontakte zum „Aufbruch“. Die Partei fordert: Jeder der Blut spendet, soll unter der Klimakuppel leben können.

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Die aufwändige, in Tschechien gedrehte Vampir-Adaption will eine visionäre Parabel sein und ist gespickt mit Anspielungen: Hauptautorin Elena Lyubarskaya betonte bei der Premiere im Kino „International“, sie sei selbst überrascht, wie aktuell die Serie wirke, nicht nur wegen des Hitzesommers. Co-Creator und als Showrunner und Regisseur aller Folgen maßgeblich für den Look verantwortlich ist Philipp Kadelbach, der mit der ZDF-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ 2013 für heftige Diskussionen über die Rolle der Deutschen und Polen im Zweiten Weltkrieg sorgte.

Doch diese politische Brisanz besitzt „City Of Blood“ nicht: Vieles wirkt ausgestellt und behauptet. Die Synthese aus Klimadystopie und Vampir-Thriller will nicht recht funktionieren. Viele Motive erschöpfen sich im Verlauf der acht Folgen – man stumpft beim Zuschauen regelrecht ab. Optisch wirken die immer brutalen Kämpfe um die „City Of Blood“, in der mehr geballert als gebissen wird, wie Auseinandersetzungen unter mexikanischen Drogenkartellen.

Lea Drinda und Soma Pysall beeindrucken mit physischem Einsatz: Die Hemden sind stets schweißgetränkt. Schauspielerisch geben die Rollen der Vampire natürlich am meisten her: Während Lars Eidinger drollige Zöpfe wie Romano trägt und wie ein großes Kind wirkt, beherrscht Jenny Schily wie eine Hohepriesterin die Szenen. Die zwielichtigste Rolle bleibt Franz Hartwig vorbehalten: Sein Klimakuppel-Erfinder Johan Moderson agiert mal wie ein Jünger von Elon Musk, ein andermal guckt er wie Nosferatu.

„City of Blood“: 8 Folgen ab 16.9. auf Disney+

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