Kolumne

„Boomerdeutsch“, sagt mein Kollege. Der Duden gibt ihm recht!

Eine Überschrift, ein Widerspruch, ein Nachschlagen: Unsere Autorin wollte einen Kollegen korrigieren – und musste sich vom Duden belehren lassen.

3 Min
Ein Duden von 2017: Die Bedeutung, um die gestritten wurde, stand schon damals drin.

Ein Duden von 2017: Die Bedeutung, um die gestritten wurde, stand schon damals drin.

© Ulrich Seidler/Berliner Zeitung

Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich direkt in der Überschrift für ein Interview auf diesen Fehler eines Kollegen stieß: „Die Berliner Sängerin Luna hat beim CSD gespielt. Später wurde sie evakuiert.“

Ich schrieb ihm, dass man Orte oder Gebäude evakuiere, aber keine Menschen. „Evakuieren“ bedeutet „leeren“, so wurde es uns in der Journalistenausbildung jedenfalls beigebracht. Einen Menschen evakuieren könnte also höchstens ein Pathologe, und auch nur, wenn dieser Mensch bereits tot ist.

Der Kollege antwortete umgehend, indem er mich als Traditionalistin bezeichnete und mit dem Duden winkte. Und ja, er meinte das Rechtschreibwörterbuch der deutschen Sprache, das zudem Informationen zu Grammatik und Bedeutung enthält. Laut dieses Standardwerks kann man tatsächlich auch Menschen evakuieren.

Wörtlich heißt es im Duden, dass „evakuieren“ bedeuten kann, „wegen drohender Gefahr von seinem [Wohn]platz wegbringen, [vorübergehend] aussiedeln“. Als Beispiel wird angeführt: „die Bewohner [aus einem Gebiet, Haus] evakuieren“. Sogar ein substantiviertes Partizip II gibt es: „Evakuierte aufnehmen“. – Ich konnte es nicht fassen.

<a target="_blank" rel="nofollow" href="https://www.duden.de/rechtschreibung/evakuieren"></a>Der Eintrag, um den gestritten wurde: „evakuieren“ in der 27. Auflage des Duden. Er führt beide Bedeutungen auf – ein Gebiet räumen und Bewohner aussiedeln.

Der Eintrag, um den gestritten wurde: „evakuieren“ in der 27. Auflage des Duden. Er führt beide Bedeutungen auf – ein Gebiet räumen und Bewohner aussiedeln.

© Ulrich Seidler/Berliner Zeitungr

„Oha!!“, schrieb ich zurück. „Man will mir meine letzten Gewissheiten nehmen! Oder auch: Wenn man einen Fehler lang genug wiederholt, wird er irgendwann selbst vom Duden als richtig anerkannt.“ Dann wird aus Fehlern plötzlich „Sprachgebrauch“ – und der Duden versteht sich nicht mehr als Regelwerk, sondern als deskriptiv.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

In der Duden-Grammatik wird ja auch der Dativ nach „wegen“ in der Umgangssprache inzwischen als legitim aufgeführt, obwohl mir im Deutschunterricht noch eingebläut wurde, dass nach „wegen“ der Genitiv zu folgen habe. – Sie merken: Ich kochte!

Nun schoss der Kollege zurück: „Du sprichst einfach Boomerdeutsch, Susanne! Das ist dudenhafter als der Duden. Lol.“ Und weiter: Ich solle mich von meinen klugen Kindern belehren lassen. – Sorry, aber derart verunglimpft musste ich zu Boomer-Maßnahmen greifen: „Wer macht hier die Regeln, der Duden oder ich?!“, schrieb ich. Eine Abwandlung des autoritären Machtworts: „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst ...“ Es ist aus der Mode gekommen, ich weiß.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, konnte ich die Lektion akzeptieren. Die Überschrift habe ich jedenfalls nicht geändert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner