Ablenkung

Weltbühne statt Präsenz im eigenen Land: Flüchtet Merz ins Ausland vor der Krise daheim?

Der Bundeskanzler plant einen Herbst voller Auslandstermine, von der Arktis bis nach Asien. Kritiker sehen darin auch ein Ausweichen vor dem innenpolitischen Chaos.

5 Min
Bundeskanzler Friedrich Merz: Im Umfragetief plant er einen Herbst voller Auslandstermine.

Bundeskanzler Friedrich Merz: Im Umfragetief plant er einen Herbst voller Auslandstermine.

© dts Nachrichtenagentur/Imago

Bundeskanzler Friedrich Merz plant seinen großen außenpolitischen Auftritt, während hierzulande diesen Sonntag eine Wahlserie beginnt. Zunächst wählt Sachsen-Anhalt, zwei Wochen später folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Dazwischen reist der Kanzler zum Arktis-Gipfel nach Finnland. Danach fliegt Merz zu einer hochrangigen UN-Woche nach New York, es folgen ein EU-Gipfel in Brüssel und eine Reise nach Asien. Offenbar ist es der Auftritt auf internationalem Parkett, mit dem Merz als Außenkanzler in Erinnerung bleiben möchte.

Zu Hause jedoch bröckelt der Rückhalt. Jüngsten Erhebungen der ARD zufolge sind rund 85 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit unzufrieden, nur etwa 13 Prozent zufrieden. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern liegt die AfD den Umfragen zufolge deutlich vorn, in Sachsen-Anhalt sogar mit weitem Abstand vor der Union.

Merz’ erste Reise soll nach Finnland gehen, wo Ministerpräsident Petteri Orpo am 13. und 14. September eine Gruppe von EU-Regierungschefs zum Arktis-Gipfel nach Rovaniemi eingeladen hat. Im Mittelpunkt steht die wachsende geopolitische Bedeutung der Region. Der Termin liegt mitten in der Wahlserie, zwischen dem Urnengang in Sachsen-Anhalt und den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Danach soll die UN-Woche in New York folgen. Im Oktober stehen dann der EU-Gipfel in Brüssel sowie eine Reise mit Wirtschaftsdelegation nach Singapur, Japan und Südkorea an.

Dabei könnte ausgerechnet der Brüsseler Gipfel zur eigentlichen Belastungsprobe werden. Die Bundesregierung bereite nach dem Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle offenbar ein umfangreiches Maßnahmenpaket gegen Russland vor, berichteten mehrere Medien übereinstimmend. Im Regierungsviertel sei bereits von einer Zeitenwende 2.0 die Rede.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Spezialkräfte der Bundespolizei entfernten den Zünder des Sprengvorsatzes.

Spezialkräfte der Bundespolizei entfernten den Zünder des Sprengvorsatzes.

© EHL Media/Imago

Parallel bereitet Brüssel ein neues Sanktionspaket vor, geprüft würden rund 1600 Ziele, 800 Einzelpersonen und 800 Unternehmen aus Russland, die Verabschiedung sei für Mitte Oktober vorgesehen. Auch die Frage, ob eingefrorenes russisches Staatsvermögen für ein Reparationsdarlehen an die Ukraine genutzt wird, bleibt zwischen den EU-Staaten umstritten, Belgien als Sitz der Verwahrstelle Euroclear zögert weiterhin.

Gleichzeitig will die EU-Kommission im Oktober über harte Maßnahmen gegen China entscheiden, sollte bis dahin keine Einigung im Handelsstreit stehen, berichtete das Handelsblatt. Die Instrumente reichten von sektorweiten Zöllen bis zu Importquoten. In der Bundesregierung sei man sich uneinig. Während die SPD auf einen härteren Kurs dränge, warne Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vor den Folgen für die deutsche Industrie. Beide Konflikte, mit Moskau und mit Peking, laufen also fast zeitgleich auf denselben Gipfeltermin zu, an dem Merz nicht nur als Reisender, sondern auch als Krisenmanager gefragt sein wird.

Der Draußenkanzler auf der wackeligen Weltbühne

Wie widersprüchlich Merz’ Verhältnis zur großen Bühne ist, hat sich bereits zuvor gezeigt. Im September 2025 hatte er bewusst auf die Teilnahme an der UN-Generalversammlung verzichtet und war wegen der Haushaltsberatungen in Berlin geblieben, wie mehrere Medien damals berichteten. Im Auswärtigen Amt und unter Diplomaten war die spätere Wahlniederlage Deutschlands bei der Sicherheitsratskandidatur im Juni 2026 auch als Folge dieser Zurückhaltung gewertet worden.

Ambivalent ist zudem sein Verhältnis zu Donald Trump. Zwar war Merz zunächst mit hohen Erwartungen angetreten, seine transatlantische Biografie sollte in Washington Türen öffnen, der Ton blieb lange konstruktiv, trotz wiederkehrender Differenzen bei Zöllen und in der Ukraine-Frage.

Wie unberechenbar der Partner in Washington bleibt, zeigte sich zuletzt wieder am Wochenende, als die USA überraschend den russischen Finanzminister Anton Siluanow zum G20-Treffen der Finanzminister in North Carolina einluden – die erste russische Teilnahme seit dem militärischen Einmarsch in die Ukraine. Vizekanzler Lars Klingbeil protestierte und drohte mit dem Boykott des Gruppenfotos.

Nachfolger in der Pipeline

In einer Zeit, in der Umfragetief, Sanktionsdruck und Handelsstreit zusammenfallen, plant Merz seine Flucht ins Ausland.

Aus Politikkreisen ist zu hören, dass in der Union bereits seit dem Frühsommer über einen möglichen Nachfolger gesprochen wird, genannt wird vor allem Hendrik Wüst. Kritiker werten die dichte Außenagenda vor diesem Hintergrund auch als Versuch, von der schwierigen Lage im Inland abzulenken. Aus dem Umfeld des Kanzlers hieß es dagegen, Personaldebatten dieser Art gefährdeten die Stabilität der Regierung.

Ein Kanzler lässt sich in Deutschland nicht einfach abwählen. Nötig wäre ein konstruktives Misstrauensvotum mit einer Mehrheit für einen Nachfolger, oder Merz müsste selbst den Weg für eine Neuwahl im Bundestag frei machen. Beides würde voraussetzen, dass sich die eigene Koalition gegen ihn stellt, wofür es bislang keine Mehrheit gibt. Ein schwaches Ergebnis am Sonntag und in den Folgewahlen könnte den Druck aus der eigenen Fraktion aber erhöhen.

Die Terminpläne bleiben somit ein Vorhaben unter Vorbehalt. Die Reisen stehen im Kalender eines Kanzlers, dessen Beliebtheit in Umfragen und innerhalb der eigenen Partei schwindet. Seine dichte Agenda lenkt von den eigentlichen Problemen im Land ab. Ob Merz als Außenkanzler auftreten kann, entscheidet sich nach Einschätzung von Beobachtern nicht in Rovaniemi oder Seoul, sondern zunächst in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, in der eigenen Fraktion und im Oktober in Brüssel.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner