Es muss gesagt werden: Die Beschneidung des unbedrängten Ausdrucks des Menschen, Sprechverbote und Repressionen für Meinungsäußerungen folgen einer klaren diktatorischen Logik. Sie muss benannt werden, damit wir wissen, was genau sich da in Europa wieder zu ereignen beginnt – wie jedes Mal zuvor natürlich im missbrauchten Namen des Rechts, des Friedens, der Demokratie, der Wahrheit und was der schamlosen Phrasen mehr sein mögen.
Freiheit ist die Möglichkeit des Unterschieds: Dass ich anders denken, anders handeln und damit im Ganzen anders leben kann als andere. Freiheit ist folglich in jeder Gesellschaft in gewissem Maße vorhanden. Und was schon eine geschlossene oder gerade noch eine offene Gesellschaft darstellt, das ist prinzipiell strittig – bis zu dem Augenblick, in dem Repression gegen missliebige Äußerungen einsetzt. Dann sind Gewaltherrscher am Werk.
Um das zu erkennen, machen wir uns klar, welchen Grund wir in allen Lebenslagen eigentlich dafür haben, Freiheit der Nötigung von außen vorzuziehen. Warum wollen Menschen grundsätzlich frei sein und nicht genötigt werden?
Wir lieben die Freiheit und fürchten den Zwang
Wir wissen von uns, dass wir spontan sind, das heißt, dass wir Regungen des Gefühls, des Denkens und auch unserer Glieder erleben, die wir als unsere eigenen erkennen und die wir doch nicht kontrollieren. Der Mensch ist nicht Herr dessen, was er versteht, und nicht Herr der Gefühle und Motive, die ihn dabei begleiten. Oft genug sieht er seinen körperlichen Reaktionen auf diese inneren Geschehnisse auch mehr zu, als dass er sie zu steuern vermöchte.
Ideen, die uns aufgehen, Ahnungen, die uns überkommen, Gefühle, die uns beschleichen, Reflexe, in die wir verfallen – wie diese vorsichtig tastenden Ausdrücke es andeuten, stellt all dies eine undurchschaubare Koproduktion äußerer Reize und unserer inneren Struktur dar. Was sich in uns regt an Gefühlen, Gedanken, Vor- und Rücksichten, Mutmaßungen, Einsichten und Einfällen, ist das, was wir von uns selbst über uns selbst erfahren. Die spontanen Äußerungen unseres Innenlebens sind das Material, aus dem wir unsere Identität erfinden und anderen gegenüber zur Geltung bringen können
Wir lieben die Freiheit und fürchten den Zwang, weil Freiheit uns die Erkundung und Ausprägung unseres Eigenlebens ermöglicht und weil Zwang uns daran verhindert, als eigenes Wesen auf eigenem Weg in der Welt zu sein.
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Der moderne Staat kann keine Zwangsanstalt sein
Belegen Machthaber bestimmte Ansichten und Verständnisse der Welt und des Geschehens um uns herum mit Strafandrohung, sollten wir sie äußern, so vergiften sie damit die Selbstbegegnung des Menschen mit Angst. Sie üben Angstterror aus. Kann ich Zeitungen und Bücher nicht mehr lesen, Filme nicht mehr ansehen und Gespräche nicht mehr führen, ohne einen Angstschatten über allem, was mein Geist spontan aus diesen Quellen schöpft und für sich ausdeutet, dann wird meine Möglichkeit, anders zu denken, zu handeln und zu leben als andere, direkt beschnitten.
Dem innerpsychischen Prinzip nach ist das nicht anders, als wenn eine gefühlskalte Erziehung einem kleinen Kind den festen Eindruck einprägt, es sei nicht willkommen und solle bloß keine eigenen Ansprüche stellen, um nicht verlassen zu werden.
Ein solcher individueller Angstfilter verkümmert das Spürbare und Denkbare vom Grunde der Person her und lässt die seelische Landschaft verkümmern. Eine freudige Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ist so unmöglich – ebenso wie die freie Entfaltung eines bürgerlichen Lebens unter dem politischen Angstschatten, den Gewaltherrscher und ihre Lakaien heute in Europa über den politischen Raum werfen wollen.
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Die freudige, in Sicherheit und rechtlicher Gleichheit vollzogene Individualisierung unseres Lebens aber, die hier bewusst verkrüppelt wird, ist der Zweck des modernen Staates. Denn der moderne Staat kann nicht Gottesstaat oder ideologische Zwangsanstalt sein – will er nicht den Krieg aller gegen alle wieder eröffnen, den zu beenden er eingerichtet wurde.
Die Sabotage der Selbstbegegnung und des Soziallebens der Menschen durch Bestrafung missliebiger Äußerungen ist die Aufkündigung des Gesellschaftsvertrags, der den modernen Staat trägt. Wer solches unternimmt, der verwirkt jeden Anspruch auf Kooperation oder gar Gehorsam der davon Betroffenen und wird von Menschen, die auf ihrer Würde beharren, Widerstand erfahren.
Kann ich mich nicht angstfrei ausdrücken, so kann ich mich gar nicht als Person ausdrücken, sondern nur als meine eigene Angstkarikatur – als der psychosozial versehrte Untertan, den die Gewaltherrscher aus mir machen wollen. Ich kann in dieser Lage für mich selbst und andere nur diese Angstkarikatur sein; meine gedrückte Willfährigkeit ist dann das Instrument, mit dem die Herrscher ihre Verbrechen begehen und decken.
Oder aber ich bin in der Gewaltherrschaft, weil ich ganz verstumme, überhaupt niemand mehr – nicht der Gefährte, nicht der Verbündete, nicht der Bruder meiner Mitmenschen, weder ihr Freund noch ihr Helfer. Niemand bin ich dann, aber dadurch doch derjenige, der den Gewaltherrschern als duldsames Menschenmaterial dient.
Beugen wir uns den Gewaltherrschern?
Man täusche sich nicht und mache sich nichts vor: Wer dem Menschen sein freies Wort verbietet, der will ihm damit sagen, dass er in der Welt nur noch als Knecht des Herrschers geduldet ist. Wer sich nicht ausdrücken darf, der soll politisch, also für die Öffentlichkeit, also für seine Mitmenschen, nicht mehr da sein. Und wollen, dass ein Mensch für die anderen nicht mehr da sei, bedeutet, sein Ende wünschen.
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Wird dem Menschen verboten, zu sagen, was er denkt und sagen will, und er sagt es dann doch, wie es sein Menschenrecht ist, was dann? Was bleibt den Gewaltherrschern dann übrig? Werden sie dann sagen, sie hätten sich verirrt, und zum Recht zurückkehren? Oder werden sie den, der weiterredet, dann mit Gewalt zum Schweigen bringen, weil die zwingenden Gründe von „Recht“, „Frieden“, „Demokratie“ oder „Wahrheit“, die das Sprechverbot für sich in Anspruch nahm, nun auch jedes weitere Verbrechen zum Akt der Gerechtigkeit umzulügen geeignet erscheinen? Was meinen Sie, wie wird es kommen?
Beugen wir uns im Ausdruck unserer Gedanken den Gewaltherrschern, die uns das Wort verbieten wollen, dann geben wir unser Menschsein auf und werden zu Instrumenten jeglichen Unrechts. Das ist mir bisher nicht passiert, und es wird mir auch künftig nicht passieren.
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