Naika Foroutan ist Politik- und Sozialwissenschaftlerin und eine der bekanntesten Migrationsforscherinnen Deutschlands. Jetzt veröffentlichte die Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, die gleichzeitig Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Berliner Humboldt-Universität ist, einen Gastbeitrag im Magazin Focus. Es geht um die Fragen, wem das Land gehört und wie gegenwärtig die Konfliktdynamik in stark minderheitenfeindliche Positionen kippt. Auf X, ehemals Twitter, sorgt das für Wirbel.
Vor allem eine Aussage empört auf Twitter einige. Foroutan schreibt: „Viele Menschen haben das Gefühl, ihr ‚eigenes‘ Land nicht mehr wiederzuerkennen. Zu Recht, möchte man sagen – denn es sieht anders aus, es ist jünger geworden, es spricht anders, es isst anders, es betet anders, als früher. Doch sie vergessen: Dieses Land gehört per se niemandem.“
Die Sozialwissenschaftlerin stellt in dem Gastbeitrag weiter klar: Deutschland sei das Land seiner Einwohner und Einwohnerinnen: „Es gehört niemandem per se, weil er oder sie Urahnen hatten, die schon immer hier gelebt haben. Etabliertenrechte prallen also auf Neuaushandlungen und Erwartungen der Gleichbehandlung – jenes grundgesetzliche Versprechen, das in Artikel 3 des Grundgesetzes verankert ist.“
Fachkräftemangel im Gastgewerbe hält an
FDP fordert weniger Einwanderung ins Sozialsystem
Wenn andere, die bisher eher am Rande gestanden hätten, sich zusammenschließen, sichtbarer werden, wissen, was ihnen demokratisch zustehe, und nun offensiver ihre Rechte einfordern – seien es sexuelle, religiöse oder antirassistische Minderheitenrechte –, dann erzeuge das Konflikte, die zur Beweglichkeit einer Demokratie gehörten, so die Politikwissenschaftlerin.
Und sie verweist auf Zahlen, dass sich Deutschland im vergangenen Jahrzehnt „zu einem der dynamischsten Migrationsakteure weltweit entwickelt“ habe.
Doch der Umgang damit sei falsch, kritisiert die Politikwissenschaftlerin. „Gegenwärtig kippt diese Konfliktdynamik jedoch in stark minderheitenfeindliche Positionen. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass so viele nach Deutschland eingewanderte Fachkräfte angeben, wieder auswandern zu wollen.“ Gerade die AfD präge den „Migrationsdiskurs“.
Foroutan schreibt: „‚Sollen sie doch gehen‘, ruft die AfD; und ihr thüringischer Vorsitzender – möglicherweise auch Kanzlerkandidat – Björn Höcke fordert eine ‚Remigration der Kulturfremden‘ und meint damit eine neue Homogenisierung Deutschlands und die Ausweisung derer, die irgendwann einmal aus Asien oder Afrika eingewandert sind.“
Der Migrationsdiskurs spiegele sich, so Foroutan, auch im widersprüchlichen politischen Handeln wider, wenn es um Fachkräftemangel gehe. Die Migrationsforscherin: „Während die Ampel-Regierung ein Fachkräftezuwanderungsgesetz verabschiedet, um neben akademischen und qualifizierten Fachkräften für Bereiche wie Ingenieurswesen, Gesundheit, Pflege und Lehre auch Ungelernte für Tätigkeiten in der Gastronomie, Logistik und im Baugewerbe ins Land zu holen, fordert die CDU gleichzeitig eine stärkere Begrenzung der Zuwanderung.“
Die Politikwissenschaftlerin, die gerade auch das Buch „Es wäre einmal Deutsch“ veröffentlicht hat, kommt zu dem Schluss, dass die Zeit reif für eine Kommission sei, „die dem defätistischen, von Misstrauen und Abwehr geprägten migrationspolitischen Kanon ein neues Leitbild entgegensetzt“. Sie fügt hinzu: „Festung Europa war gestern – heute brauchen wir die Plaza Europa, den Marktplatz der Zukunft, um uns nicht moralisch und ökonomisch ins Dunkel zu manövrieren.“
Foroutan hat damit wohl einen Nerv getroffen. Auf X sorgt der Gastbeitrag für Wirbel, erntet aber auch Zustimmung. Gepostet hat ihn unter anderem Sawsan Chebli, die einstige Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Ex-Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei – vielleicht schlugen gerade deshalb die Wellen hoch.
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