Nach dem Schlusspfiff war es so wie in den ersten 65 Minuten des Spiels: Kevin-Prince Boateng ging voran. Die Tränen, die er vorher auf dem Rasen im Mittelkreis des Olympiastadions vergossen hatte, waren noch nicht getrocknet und längst nicht die letzten, die fließen sollten. Dennoch stellte sich der 36-Jährige den Fans in der Ostkurve, winkte auch dem Rest des Publikums in einer Mischung aus persönlichem Abschiednehmen und Entschuldigung für den Abschied von Hertha BSC von der Bundesligabühne.
Der späte 1:1-Ausgleichstreffer des VfL Bochum hatte den Berliner Teil der etwas mehr als 70.000 Zuschauer kalt erwischt. Aus dem für 30 Minuten wieder glimmenden Fünkchen Hoffnung auf den Klassenerhalt ob der eigenen 1:0-Führung war die Gewissheit geworden, rechnerisch abgestiegen zu sein.
Gute Leistungen ohne Punkte haben die Wahrnehmung bei Hertha vernebelt
Eigentlich sei man das aber „nicht heute“, wie erst Boateng, später noch Trainer Pal Dardai und Sportdirektor Benjamin Weber erzählten. „Es ist traurig, weil wir diese Minimalchance hatten. Der Mannschaft kann ich heute keinen Vorwurf machen, weil wir alles reingehauen und gut gespielt haben“, führte Boateng, für den es das letzte Heimspiel im Olympiastadion gewesen war, fort.
Gut gespielt, das haben er und der Rest der Mannschaft in dieser Saison häufiger und wurden selbst für die knappen 2:3-Niederlagen in der Hinrunde daheim gegen Bayern München und bei RB Leipzig, als die Mannschaft jeweils 0:3 hinten lag und fast noch den Ausgleich erzielte, von den Fans gefeiert. Getreu dem Motto: „Kopf hoch, Jungs, beim nächsten Mal klappt es mit dem Punkt.“
Nach dem Abstieg muss bei Hertha BSC ein reinigender Prozess stattfinden
In der Nachspielzeit: Hertha BSC kassiert Ausgleich gegen Bochum und steigt ab
Allein das wollte es nur selten und das war vielleicht der größte Trugschluss. 19 Spiele gingen verloren, nur sechsmal konnte Hertha als Sieger vom Platz gehen, niemals zwei Partien in Folge gewinnen, nur einmal auswärts die vollen drei Punkte und über die jetzt 33 absolvierten Partien lediglich 26 Zähler holen. Nur einige Negativzahlen eines Abstiegs mit reichlich Anlauf. „Wir waren die gesamte Saison einen Schritt hintendran und haben alle wichtigen Spiele verloren“, sagte Torwart Oliver Christensen, nachdem auch er sich wieder einmal bei den Fans bedankt hatte. „Ich möchte mich bei den Mitarbeitern des Vereins und den Fans, die uns die ganze Saison unterstützt haben, entschuldigen.“
Trainer Pal Dardai wird schriftlich eine ehrliche Analyse ausarbeiten und der sportlichen Leitung vorlegen.
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Der große Knall aber blieb nach dem 1:1-Unentschieden gegen Bochum, das den Gang in Liga zwei bedeutete, aus. Ein paar Böller flogen aus der Ostkurve und explodierten auf der blauen Tartanbahn des Olympiastadions. Dazu noch ein paar wenige Sprüche für die Spieler, aber selbst im Moment des feststehenden Abstiegs wirkten die Mannschaft und ihre Fans vereint. Weil dieser nicht plötzlich kam, sondern sich mit dem Anlauf aus zwei Jahren, in denen Hertha bereits am Abgrund taumelte, angekündigt hatte und er für den einen oder anderen vielleicht sogar mit der Hoffnung auf bessere Zeiten verbunden ist.
„Die Fans standen immer hinter uns. Ich kann sie verstehen, ich bin selbst Hertha-Fan“, sagte Kevin-Prince Boateng mit tränenerfüllten Augen. „Es ist einfach nur traurig, aber ich liebe den Verein trotzdem. Als ich herkam, wusste ich, dass nicht alles rosig ist. Jetzt haben wir die Zeit zum Nachdenken und den Verein noch mal groß zu machen, auch wenn es in der Zweiten Liga ist.“
Tränen, Wut und Entsetzen bei Hertha: „Einfach nur traurig“
„In den letzten Jahren waren wir schlampig“, sagt Pal Dardai
Den Spieler Boateng wird es dort nicht mehr geben, nach der Partie am Sonnabend in Wolfsburg endet die Karriere des Berliners, der in seinem letzten Heimspiel nicht nur sein Herz, sondern auch alle körperlichen Reserven auf dem Platz gelassen hatte. „Man muss die Fragezeichen beantworten und das Ding von unten bis oben komplett sauber machen, sodass alle wieder ins Stadion kommen und glücklich sind. Wir müssen die Probleme ausbügeln und dann wieder angreifen“, sagte der 36-Jährige und klang fast so, als hätte er Interesse, den eingeschlagenen Berliner Weg in einer anderen Tätigkeit im Verein fortzusetzen, damit Hertha wieder auf die Beine kommt.
Während er aber erst einmal nach der Saison Urlaub und sich danach Gedanken machen will, wird Pal Dardai schriftlich eine ehrliche Analyse für die sportliche Leitung und die Vereinsspitze ausarbeiten. Denn: Gegen Bochum habe vielleicht „das Quäntchen Glück gefehlt, aber wir haben es auch nicht verdient. In den letzten Jahren waren wir schlampig, das sieht jeder auch ohne Analyse“, so Dardai. „Du musst schon jetzt für die Zukunft arbeiten. Wie kommst du wieder in die Erste Liga? Wie stabilisierst du die ganze Situation?“
Fragen wie diese, aber auch die nach der Besetzung des Trainerpostens, der Lizenzierung durch die DFL und der Zusammenstellung der Mannschaft soll jetzt Benjamin Weber beantworten. „Mit dem heutigen Tag geht nicht nur Planung, sondern auch die Umsetzung los, die wir in den letzten Tagen und Wochen bereits vorbereitet haben“, sagte der Hertha-Sportdirektor am Sonntag im „Doppelpass“ von Sport1, als die Mannschaft nach dem Auslaufen von den Fans mit Applaus begrüßt wurde.
Torwart Oliver Christensen (M.) war am Sonntag bei den Autogrammjägern von Hertha BSC schon wieder gefragt.
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Hertha BSC will nicht nur mit Jugendspielern auflaufen
In Anbetracht der finanziellen Schieflage sollen die Spieler aus der eigenen Akademie ein wichtiger Bestandteil des sportlichen Neuaufbaus sein. Aber auch aus dem aktuellen Kader sollen Spieler gehalten werden, deren Verträge auch für die Zweite Liga gelten. „Wir werden mit jedem einzelnen Spieler sprechen, denn man kann nicht mit elf Jugendspielern auflaufen. Der Mix ist wichtig“, sagte Weber.
Aus Sicht vieler Fans wäre es nur logisch, würde der Trainer dieser Mannschaft Pal Dardai heißen. „Pal wird in jedem Fall im Verein bleiben, und wir werden nach dem letzten Spieltag verkünden, wie es weitergeht“, erzählte Weber und forderte „Demut“ im Verein: „Wir müssen solide von unten aufbauen als zu groß denken.“ Groß gedacht hat man bei Hertha BSC in den vergangenen Jahren lange genug und mit diesen Gedanken den eigentlichen Grundstein für den Abstieg am zurückliegenden Sonnabend gelegt. Jetzt gilt es, ein neues Fundament für eine stabilere Zukunft von Hertha BSC zu legen.
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