Nahverkehr

Mit Tempo 12,7 durch Berlin: die langsamste Buslinie der BVG

Auf 21 BVG-Linien schafften die Busse im Schnitt nicht mal 15 Kilometer pro Stunde. Neue Senatszahlen zeigen: Der Busverkehr wird seit Jahren langsamer.

7 Min
Ein Bus der Linie 142 an der Haltestelle Mollstraße/Prenzlauer Allee: Das ist in diesem Jahr bislang langsamste Buslinie der BVG in Berlin.

Ein Bus der Linie 142 an der Haltestelle Mollstraße/Prenzlauer Allee: Das ist in diesem Jahr bislang langsamste Buslinie der BVG in Berlin.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

30 Haltestellen, 20-Minuten-Takt: Die Buslinie 142 der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) führt vom Leopoldplatz in Wedding zum Ostbahnhof in Friedrichshain. Unterwegs gibt es Stau und Baustellen. Jetzt erzielte die City-Route einen Berliner Negativrekord: Mit einem Durchschnittstempo von knapp 13 Kilometer pro Stunde war sie in den ersten sieben Monaten des Jahres die langsamste Buslinie der Stadt.

Ohne sie geht es nicht: Die Busse der BVG haben allein im vergangenen Jahr rund 450 Millionen Fahrgäste befördert. Doch die vielen Bus-Nutzer bekommen eine immer schlechtere Qualität geboten. Nicht nur das Durchschnittstempo, auch die Pünktlichkeit und die Regelmäßigkeit ging zurück. Das zeigen aktuelle Zahlen, die der Senat übermittelt hat. Antje Kapek von den Grünen hatte danach gefragt.

Keine gute Bilanz für die BVG − auch nicht für die CDU-Senatorinnen, die seit 2023 die Verkehrsverwaltung leiten. Zu diesem Schluss kommt Antje Kapek kurz vor der Wahl. „Weniger, langsamer, unpünktlicher: Das ist die Bilanz der CDU in Sachen Busverkehr“, so die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen. Allerdings gab es auch schon Negativtrends, als noch die Grünen die Verkehrssenatorinnen stellten.

Kontrapunkt zu den „Jubelmeldungen der BVG“

Im April 2023 übernahm Manja Schreiner (CDU) das Amt der Verkehrssenatorin von Bettina Jarasch (Grüne). Seit Mai 2024 bekleidet Ute Bonde diesen Posten. Klar, dass die Grünen kurz vor der Wahl des neuen Abgeordnetenhauses am Sonntag vom Senat wissen wollten, wie sich die Qualität des Linienbusverkehrs in Berlin entwickelt hat.

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Das ist ihre Zusammenfassung: „Entgegen den kürzlichen Jubelmeldungen der BVG hat sich das Busangebot in Berlin unter der CDU-Verkehrsverwaltung in jeglicher Hinsicht verschlechtert“, lautet die Bilanz der Grünen. „Dass sich CDU-Verkehrssenatorin Bonde vor diesem Hintergrund rühmt, die BVG sei so gut aufgestellt wie noch nie, lässt sich mit der traurigen Realität nur schwer in Einklang bringen.“

BVG-Bus am Hindenburgdamm in Steglitz: Die vielen Baustellen bremsen auch die BVG aus.

BVG-Bus am Hindenburgdamm in Steglitz: Die vielen Baustellen bremsen auch die BVG aus.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze

So ist die Quote der Busfahrten, die als pünktlich registriert wurden, gesunken. 2023 betrug der Anteil 88,6 Prozent. Im Jahr darauf waren es 88, im vergangenen Jahr dann 86,6 Prozent. Während der ersten sechs Monate dieses Jahres betrug der Durchschnittswert 86,9 Prozent. Zum Vergleich: Der Sollwert liegt bei 89,4 Prozent, also deutlich darüber.

Der Zuverlässigkeitswert gibt an, wie viele der geplanten Fahrten tatsächlich stattfanden. Er ist von 95,5 Prozent im Jahr 2023 auf 98,1 Prozent im Jahr 2024 gestiegen. Eine künstliche Steigerung, erklären die Grünen. „2023 hat der Senat das Busangebot zusammengestrichen.“ Auf dem Papier um 5,5, real um 2,5 Prozent. Doch dauerhaft war der Erfolg nicht, so die Fraktion. Inzwischen sank die Zuverlässigkeit auf 97,6 Prozent. Im BVG-Verkehrsvertrag gefordert werden 99,8 Prozent.

Die Regelmäßigkeit ist ein verfeinertes Qualitätskriterium. Sie gibt an, ob Fahrt stattfand und die Fahrgäste sie entweder pünktlich oder bis zur nächsten fahrplanmäßigen Tour antreten konnten. 2023 lag der Wert im BVG-Busverkehr bei 90 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden 86,6 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Wert auf 87,7 Prozent. Er liegt aber immer noch unter dem Sollwert von 94,4 Prozent.

Das sind die langsamsten Buslinien der BVG in Berlin

Ein weiteres Qualitätskriterium: 2023 waren die BVG-Busse im Durchschnitt mit 17,82 Kilometer in der Stunde unterwegs. 2024 stieg das Tempo leicht auf 17,91. Seitdem geht es weiter zurück: auf 17,77 Kilometer in der Stunde im vergangenen Jahr und 17,73 Kilometer in der Stunde während der ersten sechs Monate dieses Jahres.

Während der ersten sieben Monate dieses Jahres kamen die Busse auf 21 der mehr als 150 BVG-Tagesbuslinien langsamer als mit Tempo 15 voran, haben die Grünen anhand der Senatszahlen errechnet. Nach Kalkulationen der Berliner Zeitung erreichte die Linie 142 mit durchschnittlich 12,7 Kilometer pro Stunde den Negativrekord. Zum Vergleich: 2023 erreichte sie ein Durchschnittstempo von 13,7.

Weitere Beispiele: Die Linien 147 und 327 waren mit Tempo 13,1 unterwegs. Für die Linie 300 ergibt sich ein Durchschnittstempo von 13,4 Kilometern in der Stunde. Die Busse auf der Linie 140 kamen im Schnitt mit 13,5 Kilometern pro Stunde voran, auf der Linie 204 mit Tempo 13,7. Auf der Touristenlinie 100 waren es 14,3 Kilometer pro Stunde. Die Linie 312 taucht sogar nur mit Tempo 12,1 auf - doch die Saisonlinie zum Strandbad Wannsee verkehrt dieses Jahr nicht mehr.

Die neue Bilanz: So viele Bus-Kilometer fallen aus

„Auch für die Geschwindigkeit der Busse in Berlin hat der CDU-Senat nichts getan“, kritisiert die Oppositionspartei. Stattdessen seien neue Busspuren und Vorrangschaltungen verhindert worden. Dass sich der Busverkehr weiter verlangsamt hat, sei nicht nur ärgerlich für die Fahrgäste: Es bedeutet auch Stress für das Personal und Kosten für die BVG,  weil zusätzliche Fahrzeuge und Personal benötigt werden.

Immerhin: Die Zahl der ausgefallenen Bus-Kilometer ging zurück. Wurden 2023 mehr als 3,9 Millionen Kilometer nicht gefahren, waren es im vergangenen Jahr etwas mehr als 2,9 Millionen. Statt rund 11.000 Kilometer pro Tag fielen knapp 8.000 Kilometer aus. In diesem Jahr waren es in den ersten sechs Monaten fast 1,1 Millionen Kilometer, im Schnitt knapp 6000 Kilometer am Tag: 2,3 Prozent der Regelleistung.

War es unter Grünen-Senatorinnen besser? Die Bilanz

„Während die Menschen in Berlin auf den Bus angewiesen sind und sich Tag für Tag an der Haltestelle die Beine in den Bauch stehen, sieht die CDU tatenlos zu, macht leere Versprechungen und verhindert auch noch neue Busspuren“, kommentiert Grünen-Verkehrspolitikerin Antje Kapek. „Bus und Bahn müssen endlich pünktlich und zuverlässig fahren, damit alle schnell und sicher ans Ziel kommen.“

Allerdings gab es auch unter den Grünen-Senatorinnen Regine Günther (ab Dezember 2016) und Bettina Jarasch (ab Dezember 2021) einen  Negativtrend. 2016 fuhren die Busse der BVG noch mit durchschnittlich 19,5 Kilometer pro Stunde durch Berlin. 2022 betrug das Durchschnittstempo dann nur noch 17,9 Kilometer pro Stunde.

Auch die Zuverlässigkeit der BVG-Busse ging unter Grünen-Ägide zurück: von 99,4 auf 97,9 Prozent. Probleme, unter denen der Busverkehr heute leidet, gab es damals auch schon: Baustellen, Streiks, Demonstrationen. Immerhin: Der Vergleich der Jahre 2016 und 2022 ergibt auch eine positive Entwicklung: Die Pünktlichkeitsquote stieg von 87,2 auf 90,3 Prozent.

Ein Bus der Linie M29. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 14,7 Kilometern pro Stunde gehört die Verbindung zwischen Neukölln und Grunewald zu den langsamsten.

Ein Bus der Linie M29. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 14,7 Kilometern pro Stunde gehört die Verbindung zwischen Neukölln und Grunewald zu den langsamsten.

© Stefan Zeitz/imago

Verkehrs-Staatssekretär Arne Herz (CDU) sieht es so: Die Kürzungen Ende 2023 hätten dazu beigetragen, den Busverkehr zu stabilisieren. „Stabilität statt Wachsturm“: Das ist auch das Motto von Henrik Falk, der im Januar 2024 von der Hamburger Hochbahn als Chef zum Landesunternehmen BVG zurückkehrte.

Sah der Fahrplan 2023 fast 98 Millionen Bus-Kilometer vor (von denen aber ein Teil nicht gefahren wurde), waren es im Jahr darauf noch 92,5 Millionen. Inzwischen hat die BVG das Programm wieder etwas aufgestockt. Ende August 2026 nahm sie einige Kürzungen zurück.

Staatssekretär kündigt Erweiterung des Angebots an

Weil Berlin wächst, werde „in den kommenden Jahren ein weiter wachsendes Busangebot nötig sein, das über den bis zum Dezember 2023 vorhandenen Fahrplan hinausgeht“, gab Senatspolitiker Herz zu bedenken. Allerdings habe die Zahl der Busfahrgäste in Berlin noch immer nicht das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht.

„Zur Beschleunigung des Busverkehrs bedarf es einer systematischen und konsequenten Bevorrechtigung des ÖPNV im Straßenverkehr durch Ampelvorrangschaltungen, die Einrichtung von Busspuren und den Ausbau barrierefreier Haltestellen zur Minimierung der Haltestellenaufenthaltszeit“, so Herz. Das dürfte auch der Fahrgastverband IGEB unterschreiben. Der Fahrgastlobby geht die Beschleunigung von Bus und Tram aber ebenfalls zu langsam voran.

„Der Regierende Bürgermeister hat stets deutlich gemacht, dass die Berlinerinnen und Berliner einen verlässlichen und leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr erwarten dürfen“, fasst der Staatssekretär zusammen. An diesem Sonntag entscheiden die Wähler, wer diese wichtige Aufgabe ab Herbst von Kai Wegner (CDU) übernehmen wird.

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