Luftfahrt

Sachsen entwickelt Zeppelin zur Überwachung von Hochspannungsleitungen

Die Anschläge auf die Strom-Infrastruktur in drei Bundesländern haben den Ruf nach besserem Schutz lauter werden lassen. Ein Luftschiff könnte Teil der Lösung sein.

5 Min
Das Luftschiff Santos wird seit mehreren Monaten in Sachsen getestet und kann perspektivisch zur Überwachung von Infrastruktur eingesetzt werden.

Das Luftschiff Santos wird seit mehreren Monaten in Sachsen getestet und kann perspektivisch zur Überwachung von Infrastruktur eingesetzt werden.

© MITEB GmbH

Das Tor zum Hangar am Kamenzer Flughafen öffnet sich erstmals für die Öffentlichkeit – da schwebt es bereits auf halber Höhe. Ein zwölf Meter langes Luftschiff, 2,20 Meter Durchmesser und nur 25 Kilogramm schwer. Es ist die neuste Entwicklung der sächsischen Firma MITEB, die vor allem Energieversorger interessieren dürfte.

Denn nach den jüngsten Anschlägen auf Hochspannungsleitungen in drei Bundesländern wollen Politik und Versorger die Infrastruktur besser schützen. Das sächsische Innenministerium arbeitet gerade an gesetzlichen Regelungen, Überwachungsflüge über Infrastruktur möglich zu machen. Ein Mittel könnte dabei auch der Erkundungszeppelin aus Sachsen sein.

Dr. Udo Berthold, Geschäftsführer von MITEB, erklärt: „Das Luftschiff könnte perspektivisch zur Überwachung von Hochspannungsleitungen oder auch Erdgasleitungen eingesetzt werden.“ Der Heliumballon wird mit acht 600-Watt-Motoren angetrieben, vier für den Antrieb, vier zum Manövrieren. Bis zu fünf Kilogramm schwere Messgeräte können an Bord mitgenommen werden.

„Da das Luftschiff kaum Verwirbelungen erzeugt - anders als Drohnen oder Hubschrauber - kann es beispielsweise Methanaustritte an Leitungen messtechnisch erfassen“, erklärt Berthold. Derzeit tüfteln vier Ingenieure an der Flugsteuerung des Prototyps im nagelneuen Hangar am Flughafen Kamenz.

Für den Drei-Millionen-Euro-Bau wurde erst Ende letzten Jahres der Grundstein gelegt, der Freistaat half mit 850.000 Euro Fördermitteln. Berthold will mit weiteren Firmen Kamenz zum „Unternehmenscluster für bemannte und unbemannte Luftfahrt entwickeln“.

Auch Sachsens Infrastrukturministerin, Regina Kraushaar (CDU), die der Einweihung des Hangars am Montag beiwohnte, sieht Chancen, den traditionellen Kleinflughafen zum Leichtbau-Cluster zu machen, der den Technologie-Standort Sachsen stärkt. Denn mit den nun ansässigen Firmen kämen 30 Jahre Entwicklung superleichter, aber robuster Faserverbundstoffe und 20 Jahre Luftfahrt plus dazugehörige Lieferketten zusammen.

Der 1500 qm große Hangar am Kamenzer Flughafen ist das Zuhause des Zeppelins und wurde in wenigen Monaten errichtet. Ministerin Regina Kraushaar (li.) eröffnete ihn.

Der 1500 qm große Hangar am Kamenzer Flughafen ist das Zuhause des Zeppelins und wurde in wenigen Monaten errichtet. Ministerin Regina Kraushaar (li.) eröffnete ihn.

© Claudia Lord/Ostdeutsche Allgemeine

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Vorteil für Kamenz: Schnell und günstig

Dass Kamenz den Zuschlag bei den Investoren bekam, „hat mit den günstigen Grundstückspreisen und der schnellen Umsetzung des Hallenbaus in Kamenz zu tun“, erklärt Peter Neumann, Direktor des Brüsseler Institutes für Infrastruktur, Umwelt und Innovation, der OAZ.

Der Experte sieht aus drei Gründen Aufwind bei der Entwicklung unbemannter Flugobjekte: Zum einen könne sich die neu gegründete AG Luftschiff-Technologie bei der EU konkret in die Budget-Verhandlungen für den EU-Förderrahmen 2027–2034 einbringen. Mit dem Budget-Fokus auf „clean aviation“ (saubere Luftfahrt) hätten nun auch kleine und mittelständische Firmen Chancen auf Förderung. Und das Investoren-Interesse an derartigen Projekten ziehe nicht nur in den USA, sondern nun auch Europa an. „Kamenz kann jetzt zeigen: Auch hier findet Innovation statt“, so Neumann.

Zeppelin gibt den Ton an

Trotzdem sind die Sachsen nicht die ersten, die sich an Zeppelinen versuchten. Angefangen beim historischen Modell der „LZ 129 Hindenburg“, das mit 245 Metern Länge größe Luftschiff der Welt, das 1937 verunglückte. Weiter zur ZLT Zeppelin Luftschifftechnik GmbH & Co. KG, dem erfolgreichsten deutschen Unternehmen für moderne Luftschifftechnologie mit Sitz in Friedrichshafen. Oder auch die Cargo Lifter AG, die sich in den neunziger Jahren am riesigen Lastenluftschiff „CL160“ versuchte, jedoch 2002 Insolvenz anmelden musste. Die heutige CargoLifter GmbH arbeitet weiterhin in kleinerem Rahmen an Leichter-als-Luft-Technologien.

Der Kamenzer OB Michael Preuß und Ministerin Regina Kraushaar lassen sich von MITEB-Geschäftsführer Berthold den Motorsegler erklären.

Der Kamenzer OB Michael Preuß und Ministerin Regina Kraushaar lassen sich von MITEB-Geschäftsführer Berthold den Motorsegler erklären.

© Claudia Lord/Ostdeutsche Allgemeine

Immerhin 16.000 Flugbewegungen verzeichnet der kleine Regionalflughafen bereits. Neben dem Zeppelinflug werden dort bald auch kleine Sportflugzeuge der Firma MITEB starten, die im neuen Hangar endmontiert werden. Die Motorsegler, die unabhängig von einer Zugmaschine sind, um in die Luft zu gehen, können in Einzelteile zerlegt und wie ein Boot auf einem Anhänger transportiert werden. „In 15 Minuten sind sie dann am Flughafen zusammengebaut“, so Berthold.

Entwickelt hatte das Ursprungsmodell des Motorseglers „Silent 2“ eine italienische Firma, die jedoch 2021 Konkurs ging. Bertholds Firma MITEB, mit Sitz in Großweitzschen, kaufte sämtliche Pläne, Lizenzen und den fertig gebauten ersten Segler der Italiener auf. Er sparte so Entwicklungskosten und kann das Modell nun mit modernster Technologie nachrüsten.

Motorsegler für Hobbyflieger

Erste Testflüge sollen nächstes Jahr stattfinden. Nach dem Preis für dieses Hobbygerät befragt, antwortet Berthold der OAZ: „Es gibt Platzhirsche in diesem Segment, die den Mercedes oder Ferrari der Lüfte für rund eine halbe Million Euro produzieren. Wir wollen, um im Bild zu bleiben, den VW bauen und das ein ganzes Stück günstiger.“

Der zwölf Meter lange Erkundungszeppelin und ein Motorsegler waren auch der Blickfang bei der Luftfahrtkonferenz, die gleich zur Eröffnung des Hangars dort stattfand. Auch der Kamenzer Oberbürgermeister Michael Preuß war begeistert. Seine Stadt und der Landkreis Bautzen investierten gemeinsam trotz knapper Kassen ebenfalls über eine Million Euro in die Erschließung des Hangars und Flughafengeländes. „Neue Arbeitsplätze sind das eine, uns geht es aber auch um Investitionen außerhalb der Ballungsräume und darum, hier Experten wie Dr. Berthold herzuholen.“ Vielleicht wird die Zeppelin-Geschichte ja im sächsischen Kamenz erfolgreich fortgeschrieben.

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