Tützpatz in der Mecklenburgischen Seenplatte mit seinen knapp 500 Einwohnern ist kein Ort, der normalerweise in Pressemitteilungen auftaucht. Bis jetzt. Denn in dieser Woche unterschrieben dort Vertreter von vier Kommunen, fünf Unternehmen und das Wirtschaftsministerium MV eine gemeinsame Erklärung – und riefen damit offiziell die „Modellregion Tollense“ aus. Mehr als 110 Menschen aus Wirtschaft, Verwaltung und Kommunalpolitik waren bei der Gründungsveranstaltung im Gutshaus dabei.
Das Grundprinzip der Modellregion klingt einfach. Die Tollense-Region produziert bereits heute weit mehr Strom aus Wind, Sonne und Biogas, als die Menschen vor Ort verbrauchen. Im Amtsgebiet Treptower Tollensewinkel waren es schon 2017 rechnerisch rund 567 Prozent des eigenen Verbrauchs. Dieser Überschuss fließt bislang überwiegend ins überregionale Netz ab, und mit ihm auch der wirtschaftliche Nutzen.
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Genau das soll sich aber ändern. Statt den Strom einfach abzutransportieren, will die Modellregion Unternehmen anlocken, die ihn direkt vor Ort verbrauchen. Die Rede ist von Rechenzentren, Lebensmittelproduzenten, Gewächshausbetrieben und energieintensiver Industrie. Deren Abwärme soll wiederum in kommunale Wärmenetze oder benachbarte Betriebe fließen. Ein Kreislauf, der Energie, Wirtschaft und Infrastruktur miteinander verbindet, so die Idee dahinter.
Oder, um es mit den Worten von Staatssekretärin Ines Jesse zu sagen: „Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss sich vor Ort auszahlen.“ Bei der Unterzeichnung machte sie deutlich, wohin die Reise gehen soll. Erzeugung, Speicherung und Nutzung erneuerbarer Energien sollen gezielt mit der wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort verknüpft werden.
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Die Infrastruktur ist da, sie muss nur genutzt werden
Was die Modellregion von mancher Absichtserklärung unterscheidet, ist schnell gesagt. Die technische Grundlage existiert tatsächlich. So plant die Stadt Altentreptow ein sogenanntes Grünes Gewerbegebiet mit rund 75 Hektar Fläche, aufgeteilt auf zwei zusammenhängende Areale. Das Bebauungsplanverfahren läuft seit 2023. Die Fläche liegt nahe der A20, hat einen Eisenbahnanschluss in Richtung Berlin, Rostock und Stettin und befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Umspannwerken.
Ein erstes Ansiedlungsinteresse hat nach Information der Wirtschaftsförderung MSE bereits die SOLARIS Greenhouse GmbH aus Ostfriesland signalisiert. Sie will Gewächshäuser mit Photovoltaik und Lebensmittelproduktion kombinieren. Konkrete Investitionsentscheidungen sind bislang allerdings noch nicht gefallen.
Altentreptows Bürgermeisterin Claudia Ellgoth (parteilos) hatte am 20. April 2026 erstmals regionale Unternehmen und das Wirtschaftsministerium zu einem größeren Treffen eingeladen. Fünf Monate später folgte in Tützpatz nun die Unterzeichnung der Erklärung.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
In Bartow/Breest sollen Solarpark, Gewerbegebiet und Batteriespeicher auf engem Raum zusammenwachsen. Der Solarpark Breest Nord umfasst knapp 74 Hektar. Das Umspannwerk Altentreptow/Süd wird wiederum von 50Hertz erheblich erweitert – unter anderem um zwei 380-kV-Kundenschaltfelder, die direkte Großanschlüsse für Industrie oder Rechenzentren ermöglichen könnten. Baubeginn ist für März 2027 geplant, Fertigstellung für das dritte Quartal 2028. Laut 50Hertz liegen bereits mehrere Anschlussanfragen vor.
Und wenn es nach dem Übertragungsnetzbetreiber aus Berlin geht, soll langfristig die Ostsee-Havel-Leitung hinzukommen. 50Hertz beabsichtigt, die bestehende 380-kV-Verbindung von Lubmin über Altentreptow nach Berlin zu ertüchtigen und einen neuen Netzknoten bei Iven zu errichten. Die vollständige Inbetriebnahme ist allerdings erst für 2037 vorgesehen.
Vier Kommunen, darunter Altentreptow, Friedland, Neubrandenburg und Trollenhagen, verfolgen außerdem das Konzept eines regionalen Wasserstoffnetzes im oberen Tollensegebiet, das an die überregionale FLOW-Pipeline angebunden werden soll. Frühere Schätzungen gingen von rund 53 Kilometern Leitungslänge und mindestens 30 Millionen Euro Investitionsbedarf aus. Konkrete Bau- und Finanzierungsentscheidungen stehen allerdings noch aus. Bislang ist das Projekt vor allem ein Planungs- und Machbarkeitsvorhaben.
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Entstanden aus Unmut, keine Erfindung eines Ministers
Die Modellregion Tollense ist übrigens kein Beschluss, der in einem Ministerium entstand. Ihre Vorgeschichte reicht mindestens bis 2022 zurück, als die Region am Bundesprogramm „Zukunft Region“ teilnahm. Das Projekt TOLL – Tollensewinkel optimiert Land-Leben – lief bis November 2024, wurde aber nicht für die Umsetzungsphase des Bundesprogramms ausgewählt. Die Kommunen führten die Arbeit auf eigene Rechnung weiter.
Ein entscheidender Antrieb war dabei der Unmut vieler Einwohner. Sie sehen Windräder, tragen Lärm und Landschaftsveränderungen, profitieren aber wirtschaftlich kaum. Genau dieses Missverhältnis soll die Modellregion jetzt korrigieren.
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Dafür lud Altentreptows Bürgermeisterin Claudia Ellgoth (parteilos) am 20. April 2026 erstmals regionale Unternehmen und das Wirtschaftsministerium zu einem größeren Treffen ein. Fünf Monate später folgte nun die Unterzeichnung in Tützpatz. Das Wirtschaftsministerium und Staatssekretärin Jesse setzen große Stücke auf die Modellregion, das kein Projekt sei, das von oben verordnet wurde.
„Wenn es uns gelingt, erneuerbare Energien, Infrastruktur und unternehmerische Ansiedlungen klug miteinander zu verknüpfen, können daraus neue Arbeitsplätze und zusätzliche Wertschöpfung entstehen“, betonte sie bei der Gründungsveranstaltung in Tützpatz.
Was noch fehlt für die Modellregion, ist erheblich
Zur Ehrlichkeit gehört aber auch dazu, dass die Modellregion Tollense mit Stand September 2026 vor allem eine strategische Willensbekundung mit solider technischer Grundlage ist. Es gibt bisher keinen verbindlichen Masterplan, keine zentrale Projektgesellschaft, keine quantifizierten Arbeitsplatz-Ziele und keine gesicherten Ansiedlungen. Zahlreiche Teilprojekte stecken nach wie vor im Planungs- oder Genehmigungsverfahren und das Wasserstoffnetz ist bis heute eine Potenzialanalyse.
Auch das politische Versprechen günstiger lokaler Energiepreise ist komplizierter als es klingt. Wer Strom über das öffentliche Netz bezieht, zahlt Netzentgelte – unabhängig davon, wie nah das nächste Windrad steht. Preisvorteile entstehen nur durch Direktleitungen, langfristige Lieferverträge oder besondere Netzmodelle. Das erfordert rechtlich und technisch tragfähige Lösungen, die noch nicht ausgearbeitet sind.
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Was die Modellregion braucht
Damit aus der Erklärung ein Wirtschaftsprojekt wird, braucht es in den nächsten Jahren mindestens vier Dinge: verbindliche Netzanschlusskapazitäten für größere Verbraucher, vollständig erschlossene Industrieflächen, mindestens einen oder zwei konkrete industrielle Ankerinvestoren und ein belastbares Konzept für Energie-, Wärme- und Wasserstoffversorgung.
Kommt dieser Mix zusammen, hat die Tollense-Region eine Chance, tatsächlich zu zeigen, wie ländliche Räume von der Energiewende profitieren können – nicht nur als Standort für Windräder, sondern als Ort, an dem aus erneuerbarer Energie Arbeit, Wärme und kommunale Einnahmen entstehen. Das wäre dann tatsächlich ein Modell, aber noch ist es vor allem ein Anfang.
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