Nach dem Bombenanschlag auf den ukrainischstämmigen Ex-Oligarchen Wadym Jermolajew in Monaco kommen neue Details über die Tötung der international gesuchten Hauptverdächtigen ans Licht. Anastasiia Berezovska soll wenige Tage nach ihrer Rückkehr in die Ukraine von zwei Männern in einen Wald bei Kiew gelockt und dort von hinten erschossen worden sein.
Die ukrainische Staatsanwaltschaft schilderte den mutmaßlichen Tatablauf am Donnerstag vor dem Petschersker Bezirksgericht in Kiew. Dort wurde über die Untersuchungshaft für den beschuldigten Wladyslaw Reut verhandelt. Ukrainska Pravda und die ukrainische Nachrichtenagentur UNN berichteten aus der Gerichtsverhandlung.
Demnach sollen Reut und sein mutmaßlicher Komplize Witalij Schykowytsch Berezovska am 3. Juli an einem Abschnitt der Autobahn M06 zwischen Kiew und Tschop abgeholt haben. Die 39-Jährige war erst zwei Tage zuvor aus dem Ausland in die Ukraine zurückgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt suchten die Behörden in Monaco und Interpol bereits nach ihr.
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Männer holten Berezovska in schwarzem BMW ab
Nach Darstellung des Staatsanwalts trafen sich die beiden Männer zunächst in einem Café im Ort Bilohorodka westlich von Kiew. Anschließend fuhren sie mit einem schwarzen BMW zu dem vereinbarten Treffpunkt an der Autobahn, wo Berezovska in den Wagen stieg. Auf der Fahrt zu einem Waldstück bei dem Dorf Juriw soll Schykowytsch eine Schusswaffe samt Munition vorbereitet haben. Am Ziel hätten die Männer einen Plan zur Tötung Berezovskas vereinbart, erklärte der Staatsanwalt nach Angaben von Ukrainska Pravda.
Schykowytsch soll die Frau abgelenkt haben. Reut habe daraufhin die Pistole aus dem Wagen genommen, sich Berezovska von hinten genähert und mindestens zweimal auf ihren Hinterkopf geschossen. Die 39-Jährige sei sofort tot gewesen, so die ukrainischen Behörden.
Anschließend sollen die Männer den Leichnam am Rand des Waldstücks vergraben haben. Die Tatwaffe und persönliche Gegenstände Berezovskas hätten sie in ein nahe gelegenes Gewässer geworfen. Bei der Durchsuchung des Autos fanden Ermittler nach Angaben der Staatsanwaltschaft zudem mehrere ukrainische und ausländische Kennzeichen. Der Staatsanwalt wertete dies als möglichen Hinweis darauf, dass die Männer ihre Fahrten gezielt verschleiern und eine Erfassung des Wagens verhindern wollten. Ob die Kennzeichen bereits bei früheren Aktionen eingesetzt wurden, ist nicht bekannt.
Monacos Sicherheitschef Eric Arella zeigt bei einer Pressekonferenz ein Foto der Hauptverdächtigen Anastasiia Berezovska.
© Jean François Ottonello/imago
Beschuldigter meldete Tat selbst den Ermittlern
Reut soll sich am 6. Juli im Rahmen eines anderen Ermittlungsverfahrens an die Behörden gewandt und die Tötung eingeräumt haben. Nach Darstellung der Anklage führte er Ermittler außerdem zu dem Ort, an dem Berezovskas Leiche vergraben worden war. Sein Verteidiger bestritt vor der Verhandlung allerdings, dass Reut sich schuldig bekenne. Sein Mandant stehe unter Schock und habe als „Patriot“ die Ukraine verteidigt, sagte der Anwalt laut UNN. Bei der Durchsuchung seien unter anderem ein Telefon, ein Laptop, eine Powerbank und Gegenstände mit bislang nicht identifizierten Flecken beschlagnahmt worden.
Reut soll für den ukrainischen Militärgeheimdienst HUR gearbeitet haben. Der zweite Beschuldigte Schykowytsch war nach Angaben der Staatsanwaltschaft früher beim ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU beschäftigt und im April 2026 entlassen worden. Zuvor hatten die Behörden ihn lediglich als ehemaligen Mitarbeiter einer Strafverfolgungsbehörde bezeichnet.
Journalisten des Investigativprojekts Schemes von Radio Free Europe hatten bereits vor der Gerichtsverhandlung berichtet, dass auch der zweite Mann Verbindungen zum SBU haben könnte. Eine offizielle Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor. Die nun im Gericht genannten Angaben stützen jedoch zumindest die Verbindung zum ukrainischen Geheimdienstapparat.
Staatsanwaltschaft spricht von „persönlichen Gründen“
Nach Angaben von Ukrainska Pravda gehen die Ermittler bislang davon aus, dass Berezovska aus persönlichen Gründen getötet wurde. Worin diese Gründe bestanden haben sollen, erläuterte die Staatsanwaltschaft jedoch nicht. Die Darstellung lässt zentrale Fragen offen. Beide Männer hatten Berezovska nach früheren Angaben der ukrainischen Nationalpolizei mehrfach Geld überwiesen, sowohl über Bankkonten als auch in Form von Kryptowährungen. Wegen dieser Zahlungen wurden sie zunächst auch als mögliche Beteiligte an dem Bombenanschlag in Monaco überprüft.
Unklar ist deshalb weiterhin, ob die Tötung tatsächlich aus einem privaten Konflikt entstand oder ob Berezovska zum Schweigen gebracht werden sollte. Ebenso ungeklärt bleibt, ob die beiden Männer in die Vorbereitung des Anschlags auf Jermolajew verwickelt waren und aus welchem Grund sie die international gesuchte Frau nach ihrer Rückkehr persönlich abholten.
Flucht führte über Deutschland zurück in die Ukraine
Berezovska hatte sich nach Erkenntnissen ukrainischer Ermittler seit dem 22. März 2025 außerhalb der Ukraine aufgehalten. Nach dem russischen Angriffskrieg lebte sie Berichten zufolge zeitweise in Deutschland und war in ukrainischen Gruppen im Raum Frankfurt aktiv.
Die Ermittler in Monaco werfen ihr vor, am Abend des 29. Juni 2026 einen mit Schrauben und Metallteilen gefüllten Sprengsatz vor einem Wohngebäude platziert und ferngesteuert gezündet zu haben. Bei der Explosion wurden Jermolajew, seine Partnerin und ein 13 Jahre alter Junge verletzt. Die Frau erlitt besonders schwere Verletzungen. Nach Angaben der französischen Regionalzeitung Nice-Matin wurden ihre unteren Gliedmaßen durch die Explosion teilweise abgetrennt. In einem Krankenhaus in Nizza mussten Ärzte anschließend beide Beine amputieren.
Berezovska soll das Gebäude vor dem Anschlag mehrfach beobachtet und sich bei der Tat als Mann verkleidet haben. Nach der Explosion floh sie zu Fuß über die Grenze nach Frankreich und setzte ihre Flucht in einem in Deutschland gemieteten Auto fort. Deutsche Ermittler durchsuchten später eine von ihr genutzte Wohnung im Main-Taunus-Kreis und stellten einen Wagen sowie mögliche Beweismittel sicher. Interpol schrieb Berezovska am 3. Juli mit einer Red Notice zur Fahndung aus.
Trotz der internationalen Suche gelangte Berezovska am 1. Juli offenbar legal in die Ukraine. Nach ukrainischen Medienberichten war die Interpol-Fahndung bei der Einreise noch nicht im entsprechenden Grenzsystem angezeigt worden.
Auftraggeber des Bombenanschlags weiter unbekannt
Ihr Opfer ist in der Ukraine kein Unbekannter. Jermolajew gründete in Dnipro die Industrie- und Handelsgruppe Alef und gehörte zeitweise zu den 100 reichsten Ukrainern. Im Jahr 2019 gab er seine ukrainische Staatsbürgerschaft auf und nahm die zyprische an. Die Ukraine belegte ihn 2023 wegen mutmaßlicher Geschäftsbeziehungen auf die von Russland besetzte Krim mit Sanktionen. Er bestreitet die Vorwürfe.
Medien brachten den Anschlag unter anderem mit Konflikten um betrügerische Callcenter in Verbindung. Jermolajews Sohn Artur wurde nach Berichten internationaler Medien in Estland wegen eines Betrugssystems verurteilt, durch das Opfer um mehr als 100 Millionen Euro gebracht worden sein sollen. Einen belegten Zusammenhang zwischen diesen Geschäften und der Bombe in Monaco gibt es bislang jedoch nicht.
Die monegassische Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Berezovska nicht allein handelte. Die Konstruktion des Sprengsatzes, die Überwachung des Tatorts und die organisierte Flucht deuteten auf weitere Beteiligte hin. Wer den Anschlag in Auftrag gegeben hat, ist weiterhin unbekannt.
Mit den Aussagen aus dem Kiewer Gericht erhält der Fall nun eine weitere brisante Ebene: Zwei Männer mit Verbindungen zu ukrainischen Geheimdiensten sollen die wichtigste Zeugin und Beschuldigte wenige Tage nach dem Anschlag gezielt in eine Falle gelockt, erschossen und verscharrt haben.
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