Zeitzeugenschaft

Monika Maron über die AfD: „Wenn man keine Opposition duldet, finde ich das nicht demokratisch“

In ihrem neuen Roman „Vier Minuten“ sieht Monika Maron die Stärke der AfD schon voraus. Ein Gespräch über den Groll im Osten und das Erbe der DDR.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
11 Min
Monika Maron bei einer Matinee des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam

Monika Maron bei einer Matinee des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam

© Eberhard Thonfeld/Imago

Im April erst veröffentlichte Monika Maron mit „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“ ihre Tagebücher der Jahre 1980 bis 2021, die zeigen, dass diese Schriftstellerin nie unpolitisch handeln wollte. Jetzt ist ein neuer Roman erschienen, „Vier Minuten“, dessen Heldin wie eine jüngere Schwester von Marons Frauenfiguren aus Romanen wie „Animal triste“ und „Ach Glück“ wirkt. Nach einer Nahtoderfahrung ist ihr Leben verrutscht. Man kann das Buch als Gleichnis auf die Verunsicherung der Gegenwart lesen. Wir treffen die Autorin in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg, die Hündin Bonnie Propeller liegt auf dem Sessel am Fenster und schläft.

Einem Text über Sie habe ich mal die Überschrift gegeben: „Die Kassandra von Berlin“. Auf Seite 159 Ihres neuen Romans zeigen Sie sich als die Kassandra von Deutschland. Sehen Sie sich auch so, Frau Maron?

Nein, wieso? Ich kenne mein Buch nicht auswendig.

Ihre Heldin liest in der Zeitung über die Thüringen-Wahl, dass die AfD stärkste Partei geworden ist, „sodass die CDU, wenn sie regieren wollte, mit den Linken oder diesem dubiosen Bündnis koalieren müsste“. Und jetzt kommt’s: „was aber vermutlich zur Folge haben würde, dass bei der nächsten Wahl noch mehr Leute die AfD wählen würden“. Wie ging es Ihnen, als Sie die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt sahen?

Ich habe nicht daran gedacht, dass ich das geschrieben habe. Es war nicht vorauszusehen, dass die AfD so hoch gewinnt. Aber dass sich dagegen solche Koalitionen aufbauen, war klar. Dazu gehört nicht viel Kassandrahaftigkeit. Schon bei der Bundestagswahl hat die CDU die Linken ins Boot geholt, um die Schuldenbremse aufzulösen. Solange die Brandmauer steht, vereinen sich alle zu einer dysfunktionalen Koalition. Als Folge wächst der Widerstand.

Das „dubiose Bündnis“

Ein Element des Hellseherischen in Ihrem Zitat ist das „dubiose Bündnis“, das sich in Brandenburg und Thüringen selbst zerlegt hat – das BSW.

Dubios war das BSW immer. Das beginnt beim Namen Sahra Wagenknecht im Titel, den es nun endlich ablegen will. Es geht weiter mit ihrer Vorherrschaft in der Partei und wie offensichtlich sie in die Landespolitik eingreift. Die anderen Parteichefs machen es wahrscheinlich auch, aber verschämt.

Zur Person
Jonas Maron

Zur Person

Monika Maron, geboren 1941 in Berlin,  arbeitete zunächst als Journalistin in der DDR, bei der Frauenzeitschrift „Für Dich“, später bei der Wochenpost. Ihr erster Roman „Flugasche“, in dem sie die Umweltsünden rund um Bitterfeld in der DDR thematisiert, erschien 1981 bei S. Fischer in der BRD. Auch die folgenden Bücher konnten in der DDR nicht erscheinen. 1988 reiste sie mit einem Dreijahresvisum nach Hamburg aus und lebt seit 1993 wieder in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern.

Ihrer journalistischen Herkunft folgend hat Maron neben den Romanen immer auch Essays und Zeitungsartikel geschrieben. Ein Essayband, den sie im Verlag der rechtskonservativen Buchhändlerin Susanne Dagen publizierte, führte zum Bruch mit ihrem langjährigen Verlag S. Fischer. Seit 2020 veröffentlicht sie bei Hoffmann und Campe. Anfang September erschien der Roman „Vier Minuten“ (Hoffmann und Campe, 208 Seiten, 26 Euro).
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Sie haben die Brandmauer erwähnt. Was halten Sie von ihr?

Gar nichts.

Weil sie die AfD wichtiger gemacht hat?

Nein, ich finde, dass man mit der AfD von Anfang an falsch umgegangen ist. Mit Bernd Lucke war sie eine relativ harmlose Opposition, eigentlich nur gegen den Euro, aber schon da hat man sie in die Nähe von Nazis gerückt. 2015 kam es zu ihrer Wiederauferstehung mit Frauke Petry. Da waren sie, gemessen an heute, immer noch gemäßigt, gegen eine geschlossene Allianz. Wenn man keine Opposition neben sich duldet, finde ich das nicht besonders demokratisch.

Damals gab es auch schon den völkischen Flügel; die Idee des Verbots kam auf, die langsam wuchs.

Alles Nachdenken über ein Parteienverbot hat nichts ergeben. Einzelne Stimmen, die radikal und extremistisch sind, reichen dafür offensichtlich nicht. Wenn ich eine Partei nicht verbieten kann, muss ich irgendwie mit ihr umgehen.

Sie kommen aus einer kommunistisch-jüdischen Familie. Ist Ihnen eine Partei mit so rechtsextremen Führern wie Höcke nicht unheimlich?

Immer wenn man über die AfD diskutieren soll, fällt der Name Höcke.

Wir müssen nicht über die einzelnen Personen reden. Ist Ihnen die Partei nicht unheimlich?

Mir geht es um etwas anderes: Wenn man jedes Gespräch mit denen von vornherein untersagt, kann man nicht herausfinden, wo man Einfluss nehmen könnte. Vermutlich gibt es auch in der AfD Leute, die den Höcke schrecklich finden. Der Historiker Andreas Rödder spricht statt von einer Brandmauer von roten Linien, das finde ich richtig. Man muss mit denen nicht koalieren, aber man kann sehen: Worüber können wir uns verständigen und worüber nicht?

Auffällig am Wahlkampf der AfD war, dass sie viel auf die DDR zurückgegriffen hat, mit Symbolen und Liedern.

Das macht die Linke ganz genauso. Ich war gerade vom PEN Berlin zu einem Gespräch in Sachsen-Anhalt eingeladen, in Kalbe. Das war ein vorwiegend linker Kreis. Die Ostbindung wurde in einer Weise beschworen, dass ich mich bemüßigt fühlte zu sagen, dass man sich bitte mal erinnern möchte, dass die DDR ein Schrotthaufen war, in dem die Betriebe kaputt, die Straßen kaputt, die Häuser kaputt waren. So eine ostnostalgische Heimatverbundenheit wird auf beiden Seiten gepflegt. Und ich finde es auf beiden Seiten unangenehm.

Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sitzt auf seiner Schwalbe bei der ersten gemeinsamen Simson-Ausfahrt in Sachsen Anhalt.

Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sitzt auf seiner Schwalbe bei der ersten gemeinsamen Simson-Ausfahrt in Sachsen Anhalt.

© Peter Gercke/dpa

„Vier Minuten“ erzählt die Geschichte seiner Heldin eingebettet in die politischen Verhältnisse. 1987 sieht sie, wie in Ost-Berlin Menschen von der Polizei verprügelt werden, die beim David-Bowie-Konzert hinter der Mauer zuhören wollten. Im Buch beschreiben Sie marode Straßen mit bröckelnden Fassaden. Das steht diesem Trend entgegen, an das Gute in der DDR zu erinnern.

Ich habe auch überlegt, woher dieser späte Groll kommt. Die Leute wollten die Einheit und die D‑Mark. Das hatte Folgen. Sicher ist bei der Treuhand eine ganze Menge schiefgegangen, aber die Wirtschaft war großenteils einfach nicht kompatibel mit Westverhältnissen. Hinzu kommt, dass der gesamte Ostmarkt zusammengebrochen war. Plötzlich soll das alles die Schuld des Westens sein. Ich glaube, dieser Groll hat weniger materielle Gründe.

Sondern was für Gründe?

Als die rechtsextreme DVU 12,9 Prozent der Stimmen bei einer Wahl bekommen hatte, auch in Sachsen-Anhalt, da war zum ersten Mal die Empörung über den Osten groß. Das war 1998. Bis dahin war er nur Stasi oder Nazi oder ein bisschen blöd. Damals habe ich in einem Artikel geschrieben: Der Westen nimmt den Osten zum ersten Mal ernst. Dieses Herablassende, als lebte eine andere Art Mensch da im Osten, das hat sich ja bis heute fortgesetzt und findet sich noch immer in Kommentaren durchaus bekannter Medienmenschen. Dabei sitzt ihnen im Westen das gleiche Problem schon im Nacken. Das ist kein Ostproblem, sondern eines der gesamten westlichen Welt.

Was hat das mit dem Groll zu tun?

Ich halte es auch für einen verspäteten Akt der Selbstbehauptung. Die Menschen zeigen unbotmäßig ihre Unzufriedenheit mit der Regierung.

Monika Maron: „Die Leute wollen eine andere Politik. Will ich übrigens auch“

Als ich im Tagesverlauf von der hohen Wahlbeteiligung hörte, dachte ich, das taktische Wählen könnte etwas bringen. Doch die meisten bisherigen Nichtwähler haben die AfD angekreuzt. Heiner Müller sagte: Logisch, zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche. Kann man so denken? 

Ich denke so nicht. Ich bin nicht deutschenfeindlich und ich finde nicht, dass die Leute dumm sind. Sie wollen eine andere Politik. Will ich auch übrigens. Sie wollen eine andere Migrationspolitik, eine andere Energiepolitik, eine andere Wirtschaftspolitik. Sie wollen auch, wenn ich das richtig verstehe, nicht den Austritt aus der EU, sondern nur nicht diese bürokratische Übermacht der EU. Wenn das auf andere Art nicht geht, wählt man eben die AfD.

Bestimmte Probleme wie die Bürokratie werden seit Jahren benannt. Die Politik behauptet, das zu ändern, doch vieles wurde nur noch komplizierter.

Ja, dann gründet man eine Behörde, um die Bürokratie zu bekämpfen, das ist alles absurd.

Nur mit dem Bürgeramt in Berlin ist es einfacher geworden, man bekommt jetzt schneller Termine.

Das habe ich gehört. Aber von Berlin reden wir lieber gar nicht.

Die Berliner Wahl steht auch bevor. Und ich höre von Leuten, dass sie nicht mehr wissen, wen sie wählen sollen. Ich bin auch verunsichert.

Also in Berlin wähle ich diesmal eine Partei, die ich sonst nie gewählt habe. Die CDU ist, glaube ich, im Augenblick die einzige Partei, die den Sieg der Linken verhindern könnte. Eine linke Regierende Bürgermeisterin ist ein Albtraum. Eigentlich wähle ich FDP, was in Berlin aber auch nicht weiterhilft.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (r.) und Berlins CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers waren gemeinsam im Wahlkampf unterwegs.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (r.) und Berlins CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers waren gemeinsam im Wahlkampf unterwegs.

© Fabian Sommer/dpa

Monika Maron: „In meinem Alter denkt man natürlich an den Tod“

Haben Sie beim Schreiben von „Vier Minuten“ daran gedacht, wie Sie das Ende der DDR erlebt hatten? Sie waren eine verbotene Schriftstellerin, die endlich ihr Publikum erreichen konnte.

Meine eigene Geschichte hat mich weniger beschäftigt, eher die Frage, warum die junge Generation plötzlich so auf ihrer Ostidentität besteht. Wenn sie nicht die Verwirrtheit ihrer Eltern verinnerlicht hatten, stand ihnen die Welt offen. Sie hatten noch nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Meine Figur hat erlebt, wie ihre Mutter als Journalistin begrenzt wurde. Sie selbst ist befreit durch den Mauerfall. In die Bedrängnisse gerät sie erst viel später.

Die Erzählerin ist nach ihrem Herzstillstand auf einer Straße am Winterfeldtplatz in Berlin körperlich wiederhergestellt, aber seelisch aus der Bahn geworfen. Wie kamen Sie auf diesen Stoff?

In meinem Alter denkt man natürlich an den Tod und fragt sich, was das lange, kurze Leben war, warum so und nicht anders. Wieviele Zufälle bestimmten das, was war? Ich wollte eine Figur haben, die noch ein Leben vor sich hat, die noch was zu entscheiden hat. Ich habe nichts mehr zu entscheiden. Die meisten von uns kommen ohne Religion aus, wollen sich aber doch ihre Existenz auf dieser Erde erklären. Wir sind unerlöst in dieser Frage.

Geht es um Tröstung?

Dieses transzendente Nichts, die unbeantwortete Frage nach unserer Existenz, gehört zu unserer Neuzeit. Beim Islam sehen wir, was Religion für eine Macht sein kann. Gott sei Dank haben wir uns davon befreit, dass die Kirche uns beherrscht. Aber im Augenblick meines Todes werde auch ich unbedingt an Gott glauben, vermute ich. Meine Leonora treibt um, ob vielleicht der Glaube den Priester und den gläubigen Rettungsarzt im Bemühen um ihr Leben befähigt oder ermutigt hat und sie ihr Weiterleben deren Glauben verdankt.

Sie haben die Reihe „Ist das noch/schon mein Land?“ erwähnt, die der PEN Berlin in diesem Jahr in allen Bundesländern organisiert hat, in denen gewählt wurde und wird. Es ist schon die zweite. 2024 ging es um Meinungsfreiheit, weil laut Studien eine wachsende Zahl von Menschen findet, sie könnten sich nicht mehr frei äußern. Ihre Heldin erlebt, wie ihr Chef ihr in Formulierungen reinredet. Ist das ein Beispiel für solche Einschränkungen?

Ein sehr maßvolles. Es gibt Schlimmeres: etwa, wenn man Menschen entlässt, weil sie AfD wählen. Ich habe gehört, dass ein Fußballklub dem Fahrer seines Mannschaftsbusses kündigte, weil er die AfD wählt. Bei der Diakonie haben sie eine Frau rausgeschmissen, weil sie für die AfD kandidiert, für eine nicht verbotene Partei. Das heißt, unerwünschte Meinungen können durchaus existenzgefährdend sein.

Gibt es zu wenig Möglichkeiten der offenen Diskussion?

Ja. Und oft auch zu wenig Toleranz bei denen, die von Meinungsfreiheit reden. Ich habe bei der PEN-Berlin-Runde das Wort „kulturfremd“ verwendet. Darauf belehrte mich meine Gesprächspartnerin, dass das die Nazis schon benutzten oder die AfD heute. Ich wollte nur von Menschen sprechen, denen unsere Kultur fremd ist. Bald gibt jemand ein Wörterbuch heraus mit wegen der Nazis unbenutzbaren Wörtern.

Hat das nicht mit unserer deutschen Schuld zu tun und ist deshalb wichtig?

Ich komme aus einer jüdisch-polnischen Familie, aber es liegt mir fern, jede neue deutsche Generation erstmal aufs Knie zu zwingen. Sie haben keine Schuld, sie sollen frei sein. Was sie wissen müssen, ist, dass Mord und Massenvernichtung menschenmöglich sind, nicht nur deutschenmöglich, und dass jede Generation verantwortlich ist, das zu verhindern. Darüber soll man sie aufklären. Und es geht nicht nur um die Jungen: Wir wollen, dass sich hier Leute integrieren. In was sollen die sich integrieren? In das größte Scheißvolk auf dieser Erde? Warum? Wenn man jeder Generation erst mal den Mut und das Selbstbewusstsein abtrainiert, braucht man sich nicht zu wundern, wenn keiner zur Armee geht, um sein Land, seine Heimat zu verteidigen.

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