Wie gut kannte Gina H. die Gegend, in der die Leiche des achtjährigen Fabian gefunden wurde? Und weshalb hatte sie Angst, dass sich auf einer Fußmatte ihres Autos eine verdächtige Spur befinden könnte? Diese und andere Fragen warf der 31. Verhandlungstag im Mordprozess gegen die frühere Lebensgefährtin von Fabians Vater am Landgericht Rostock auf.
Am 5. Oktober 2026 wurden weitere Aufnahmen aus der Telefon- und Handyüberwachung vorgespielt. Die Gespräche stammen aus den Tagen nach dem Fund des getöteten Jungen im Oktober 2025. Zwei Passagen könnten für die Bewertung von Gina H.s Glaubwürdigkeit besonders wichtig sein.
Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten vor, Fabian am 10. Oktober 2025 getötet und seinen Leichnam später angezündet zu haben. Gina H. bestreitet die Tat. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Gina H.: „Weil ich da oft bin und früher oft war“
Eine auffällige Aussage stammt aus einem Telefonat mit Gina H.s Friseurin vom 29. Oktober 2025. In dem Gespräch ging es darum, dass die Gesprächspartnerin es für einen wirklich großen Zufall hielt, weshalb die Angeklagte ausgerechnet in der Gegend des Tümpels bei Klein Upahl spazieren war und am 14. Oktober der Polizei meldete, dort Fabians Leiche gefunden zu haben.
„So ein blöder Zufall ist das gar nicht, weil ich da oft bin und früher oft war“, sagt Gina H. in diesem Telefonat. Der Satz steht im Widerspruch zu ihrer 95seitigen Einlassung vor Gericht. Dort hatte Gina H. ihre Aufenthalte in der Gegend am 10. und 13. Oktober 2025 mit Zufällen und fehlender Ortskenntnis erklärt.
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Am 10. Oktober 2025, genau zu der Zeit, zu der Fabian laut des forensischen Gutachtens ermordet wurde, war sie ihrer Aussage nach mit ihrem Hund in der Nähe von Klein Upahl spazieren, völlig zufällig. Sie habe nicht genau gewusst, wo sie sich befunden habe und welche Strecke sie von Güstrow aus gefahren sei, sagte sie bisher. Es war auch der Zeitraum, in dem ihr sonst intensiv genutztes Mobiltelefon ausgeschaltet war.
Auch für den Abend des 13. Oktober behauptete Gina H., den späteren Fundort nicht gekannt zu haben. Christian D. sei mit ihr dorthin unterwegs gewesen und sie habe nicht gewusst, wohin er mit ihr gefahren sei, erklärte sie bisher.
Aussage stellt angeblich fehlende Ortskenntnis infrage
Wenn Gina H. nach eigener Aussage häufig in der Gegend war, erscheint ihre behauptete Orientierungslosigkeit wenig plausibel. Der Satz gegenüber ihrer Friseurin betrifft damit einen zentralen Teil ihrer bisherigen Erklärung.
Dabei geht es um drei entscheidende Zeitpunkte: Am 10. Oktober war Gina H. nach eigenen Angaben in der Umgebung spazieren. Am 13. Oktober hielt sie sich mit zwei Männern am späteren Fundort auf. Am 14. Oktober meldete sie der Polizei zunächst, Fabian zufällig bei einem Spaziergang gefunden zu haben.
Diese ursprüngliche Fundgeschichte erwies sich später als falsch. Gina H. erklärte, sie habe ihre beiden Begleiter schützen und aus der Sache heraushalten wollen.
Ihre Aussage zur Ortskenntnis setzt ihre wiederholte Berufung auf Zufall unter erheblichen Druck. Das Gericht muss nun bewerten, welche ihrer unterschiedlichen Darstellungen glaubhaft ist.
Sorge wegen der hinteren Fußmatte im Ford Ranger
Eine zweite brisante Passage stammt aus einem Telefonat zwischen Gina H. und Olaf K. vom 17. Oktober 2025. Darin sprach die Angeklagte über ihr Auto und mögliche Spuren.
„Ich brauche mein Auto. Wo nichts ist, kann ich auch nichts wegwischen. Ich hab die Fußmatten rausgenommen, übrigens. Davor habe ich Schiss, dass hinten auf der linken Fußmatte was ist“, sagte sie da.
Olaf K. antwortete: „Das ist doch erklärbar. Mit dem Blut hatte ich gesagt, dass ich dir mal wehgetan habe.“
Bis zum 10. November muss das Gericht zu einem Urteil darüber kommen, ob Gina H. den achtjährigen Fabian getötet hat oder nicht.
© Bernd Wüstneck/dpa
Das Gespräch wirft mehrere Fragen auf: Warum hatte Gina H. die Fußmatten aus ihrem Fahrzeug genommen? Welche mögliche Spur befürchtete sie hinten links? Und auf welches Blut bezog sich Olaf K.?
Seine Antwort weckt den Eindruck, dass zwischen den beiden bereits eine Erklärung für einen möglichen Blutfund besprochen worden war. Bedeutsam könnte die Passage auch deshalb sein, weil Gina H. schon kurz nach dem Leichenfund über entfernte Fußmatten und das mögliche Wegwischen von Spuren sprach.
Enger Kontakt zu Fabians Vater Matthias R.
Die Telefonate zeigen außerdem, dass Gina H. in den Tagen nach dem Fund von Fabians Leiche engen Kontakt zu Fabians Vater Matthias R. hatte. Zunächst berichtete sie auch ihm von einem angeblich zufälligen Leichenfund. Erst später erzählte sie ihm nach eigener Darstellung, dass sie bereits am Vorabend mit zwei Männern an dem Tümpel gewesen war.
Mehrfach betonte Gina H. gegenüber Gesprächspartnern, Matthias R. stehe hinter ihr. In einem Gespräch mit der Polizei soll sie ihn an einer Stelle sogar als „mein Freund“ bezeichnet haben.
Unklar ist zudem die Rolle eines Mannes namens Marcel. In einem Telefonat zwischen Gina H. und Matthias R. ging es darum, zu verhindern, dass Reporter Jens Schwarck dessen Telefonnummer erhält. Ob es sich dabei um den Bruder von Matthias R. handelt und weshalb seine Kontaktdaten geschützt werden sollten, wurde nicht klar.
Matthias R. hatte im Prozess angegeben, dass er sich am Tattag am 10. Oktober 2025, gegen 11.02 Uhr bzw. 11.05 Uhr - also zur Tatzeit - im Wald bei Groß Breesen unmittelbar in der Nähe des Tatorts mit einem Förster getroffen hatte. Zusammen mit dem Förster war auch sein Bruder Marcel vor Ort. Der Termin diente laut Aussage dazu, dass der Förster ihnen zeigen sollte, wo genau sie im Wald Holz schlagen dürfen und was dabei zu beachten ist.
Was wussten die Beteiligten über die Überwachung?
Gina H. und mehrere Gesprächspartner wussten offenbar, dass ihre Handys von den Ermittlern überprüft wurden. Teilweise warnten sie einander davor, bestimmte Dinge schriftlich zu besprechen. Sie hielt Telefonate offenbar für sicherer als Textnachrichten.
Fabian-Prozess: Richter konfrontiert Gina H. mit zahlreichen Widersprüchen
Der 31. Verhandlungstag hat keinen unmittelbaren Nachweis für Gina H.s Täterschaft erbracht. Die Telefonate verschärfen jedoch die Zweifel an ihrer Geschichte vom Zufall und ihrer angeblich fehlenden Ortskenntnis am Fundort des getöteten Fabians. Auch die Passage über die Fußmatten verlangt nach einer Erklärung.
Fabian-Prozess geht zu Ende, Urteil am 10.11.
Nach 31 Verhandlungstagen geht der Mordprozess um Fabian nun in seine entscheidende Phase. Für Donnerstag, den 8. Oktober 2026, ist das psychiatrische Gutachten zur Schuldfähigkeit von Gina H. vorgesehen. Danach könnte die Beweisaufnahme geschlossen werden.
Nach der bisherigen Planung sollen Staatsanwaltschaft und Nebenklage am 29. Oktober ihre Plädoyers halten. Der Schlussvortrag der Verteidigung ist für den 30. Oktober vorgesehen, danach hat die Angeklagte das letzte Wort. Am 10. November wird dann sehr wahrscheinlich das mündliche Urteil gesprochen.
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