Die Münchner Kammerspiele sind in der jährlichen Kritikerumfrage von Theater heute zum „Theater des Jahres“ gewählt worden. Neun von 45 Kritikern stimmten für das von Barbara Mundel geleitete Haus. Auf dem zweiten Platz folgen gleich drei Häuser: das Maxim Gorki Theater, das Berliner Ensemble und das Schauspiel Köln.
Auch bei den wichtigsten Einzelkategorien dominieren die Kammerspiele: „Inszenierung des Jahres“ ist Jan-Christoph Gockels siebenstündiger „Wallenstein“. „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“ wird Annika Neugart, die darin den Max Piccolomini spielt.
Das „Bühnenbild des Jahres“ stammt von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen für „Peer Gynt“ an der Berliner Volksbühne. Schauspielerin des Jahres ist Paulina Alpen für ihre Rolle in Lucia Bihlers Stuttgarter „Welt im Rücken“-Inszenierung. Schauspieler des Jahres wird Guido Lambrecht für seine mehr als fünfstündige Interpretation von Michel Houellebecqs „Serotonin“ am Hans-Otto-Theater Potsdam.
„Peer Gynt“ von Vinge und Müller war zwar nicht beim Theatertreffen, lief aber zu der Zeit in der Volksbühne. Die Kritiker würdigen das „Bühnenbild des Jahres“
© Volksbühne Berlin
Wie stets und strukturell vorherbestimmt, lehnt sich das Ergebnis der alljährlichen Kritikerumfrage des Fachblatts Theater heute eng an die Auswahl des Theatertreffens an. Auch hier werden die Inszenierungen in deutschsprachigen Landen durch Kritiker ausgewählt und mit einer Einladung gewürdigt – und Kritiker kommen im Mai in der Hauptstadt zusammen, um die Ausbeute zu sehen.
Wut über Wolfram Weimer
Das erhöht die Zahl der fachlichen Sichtungen pro Inszenierung immens, entsprechend stärker sind sie bei der Umfrage vertreten. Diesmal schlägt das statistische Phänomen sogar bei der Kategorie „Ärgernis des Jahres“ durch – eigentlich eine Petitesse, die aber durch die Debattenbeschleunigung im Festival-Smalltalk nachhaltigen Eindruck bei einigen Kritikern hinterließ, sodass sie die Aussetzung der Frauenquote beim Theatertreffen für das größte kulturpolitische Problem im Lande halten. Und das bei der Konkurrenz.
Mit 15 Stimmen in der „Wutspalte“ führen Wolfram Weimer und die CDU-Kulturpolitik die „Ärgernisse des Jahres“ an. Ebenfalls mehrfach genannt werden die Kulturkürzungen in Chemnitz, Stuttgart und Dresden sowie das Leitungschaos bei den Salzburger Festspielen. Hinzu kommen sechs Inszenierungen, die den Kritikern die Laune verdarben, das bleibt nicht aus.
Von rosa Belanglosigkeit rutscht das Theatertreffen direkt in die Wurstfalle
Diese Männer! Die ganze Spannbreite verkorkster Maskulinität beim Theatertreffen
Die Umfrage erscheint wie immer im Jahrbuch von Theater heute. Dieses blickt nicht nur auf die künstlerischen Höhepunkte der Spielzeit, sondern auch auf die politischen und strukturellen Konflikte, die die Theater beschäftigen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Kulturpolitik und der Frage, wie öffentliche Förderung, politische Einflussnahme und künstlerische Freiheit zusammenhängen. Daneben geht es um konkrete Kürzungen in mehreren Städten, Eingriffe in Juryentscheidungen und die Leitungsfragen an Häuser und Festivals. Das Heft umfasst 164 Seiten und kostet 38,50 Euro.
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