Artenschutz

Mufflon-Populationen durch Wölfe und Luchse bedroht: Debatte um Artenschutz eskaliert

Die Muffelwildbestände Mitteldeutschlands schrumpfen dramatisch. Wölfe und Luchse bedrohen die einst 5.000 Tiere. Doch auch ein anderer Feind könnte nun gefährlich werden.

OAZ
3 Min
Langfristig wird das Muffelwild trotz Schutzmaßnahmen wohl aus Deutschland verschwinden.

Langfristig wird das Muffelwild trotz Schutzmaßnahmen wohl aus Deutschland verschwinden.

© Michael Schöne/STAR-MEDIA/IMAGO

Der Bestand des Muffelwilds in den Wäldern Mitteldeutschlands schrumpft drastisch. In Sachsen-Anhalt sank die Zahl der Wildschafe von einst rund 5.000 Tieren auf nur noch etwa 450 Exemplare. Muffelwildexperte und Jäger Holger Piegert führt diese Entwicklung vor allem auf die Wiederansiedlung von Wolf und Luchs zurück. Die Tiere, deren Vorfahren aus Korsika und Sardinien stammen und vor rund 120 Jahren vom Hamburger Kaufmann Oscar Louis Tesdorpf in deutschen Wäldern ausgesetzt wurden, seien aus den Bergen an den Harzrand vertrieben worden.

Piegert beschreibt, dass sich riesige sogenannte Angstrudel gebildet hätten. „Die Angst vor dem Wolf führt dazu, dass die Lämmer auf Ackerflächen statt im Wald geboren werden“, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. Das Fluchtverhalten der Wildschafe gilt als zentrales Problem: Mufflons sprinten kurz und bleiben dann stehen – eine Taktik, die auf den Felsen ihrer Ursprungsheimat funktioniert, im flachen oder mittelgebirgigen Deutschland aber nicht. So verschwand die rund 300 Tiere umfassende Population in der Göhrde bei Lüneburg laut dem örtlichen Förster Peter Pabel innerhalb von drei Jahren nach dem Auftreten des Wolfes vollständig. Bereits zuvor war die Population in der sächsischen Lausitz nach Ansiedlung des ersten Wolfsrudels erloschen.

Für Piegert wäre der einzige Schutz, die Zahl der Fressfeinde zu regulieren – also Wölfe und Luchse stärker zu bejagen. Auf Widerstand stößt diese Forderung beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der sachsen-anhaltische Landesvorsitzende Ralf Meyer verwies darauf, dass das Mufflon ohnehin nicht an mitteldeutsche Lebensräume angepasst sei. „Wir können keine geschützte einheimische Art dezimieren, um eine Art zu retten, die vom Menschen in unsere Wälder gebracht wurde“, erklärte Meyer. Auch der Naturschutzbund (NABU) sieht die Wildschafe kritisch. Auf seiner Website weist der Verband darauf hin, dass Muffelschafe „nicht zur einheimischen Tierwelt Deutschlands“ gehörten.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Forstministerium sieht keine rechtliche Handhabe

Das Landesforstministerium Sachsen-Anhalts sieht keine rechtliche Handhabe, das Jagdrecht zu ändern. Es gebe „keine explizite rechtliche Grundlage, Wildtiere, so auch Muffelwild, durch Bestandsregulierung des Wolfes zu schützen“, teilte das Ministerium mit. Aus Mitteln der Jagdabgabe flossen jedoch 35.500 Euro in ein Projekt zur Sicherung des Genpools der Ostharzer Population, bei dem einzelne Tiere in ein geschütztes Gehege gebracht werden. Piegert geht trotz solcher Maßnahmen davon aus, dass das Mufflon perspektivisch aus Deutschland verschwinden wird.

Auch in der Hauptstadt steht das Muffelwild vor dem Aus – allerdings nicht durch Wölfe oder Luchse, sondern durch menschliche Entscheidungen. Die Berliner Forsten haben vor wenigen Tagen die „Waldvision 2065“ vorgestellt. Diese sieht vor, dass künftig nur noch vereinzelt Bäume gefällt werden, damit selbst ausgesäte Jungbäume nachwachsen können. Um die Triebe zu schützen, sollen Rehe und Wildschweine verstärkt bejagt werden.

NABU-Geschäftsführerin Melanie von Orlow erklärte bei einer Anhörung im Umweltausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, dass im Zuge dieser Strategie auch das Mufflon im Düppeler Forst sowie das Damwild im Spandauer und Tegeler Forst „entnommen“ werden müssten, da beide als invasive Tierarten gelten. Felix Weisbrich von den Berliner Forsten bestätigte diese Einschätzung und sprach von „faunafremden Tierarten“, bei denen man tätig werden müsse, ohne dies näher zu konkretisieren. Eine nicht repräsentative Online-Umfrage der Berliner Forsten ergab, dass 53 Prozent der gut 2.000 Befragten Verständnis für die geplanten Abschüsse zeigten.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner