BERLIN. Deutschland steht vor einem der größten Insolvenzverfahren seiner Geschichte. Der Handelskonzern Arcandor, zu dem die Warenhäuser Karstadt und das Versandhaus Quelle gehören, hat gestern beim Amtsgericht Essen Insolvenz angemeldet. Der Konzern muss am Freitag Schulden von 710 Millionen Euro begleichen. Der Gang zum Konkursrichter sei unausweichlich geworden, nachdem die Anträge auf Staatsbürgschaft und Rettungsbeihilfen abgelehnt worden seien, sagte Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick. "In jedem Ende steckt ein Anfang", so der 55-Jährige. Die Löhne der Mitarbeiter seien für die kommenden drei Monate gesichert. Der Betrieb soll weitergehen, ebenso wie das Geschäft des Quelle-Versands. Arcandor beschäftigt weltweit rund 70 000 Mitarbeiter, davon 56 000 in Deutschland.Eick informierte Kanzlerin Angela Merkel persönlich über die Insolvenz des Handelskonzerns. Die Bundesregierung hatte am Montag eine Geldspritze in Höhe von 437 Millionen Euro verweigert und auf eine stärkere Beteiligung der Großaktionäre Madeleine Schickedanz, der Tochter des Quelle-Gründers, und der Privatbank Sal. Oppenheim gedrängt. Gespräche darüber führten gestern aber zu keinem Ergebnis. Arcandor nahm auch nicht das Angebot der Bundesregierung wahr, den Antrag auf eine Bürgschaft nachzubessern.Eine Übernahme von Karstadt durch den Handelskonzern Metro und die Verschmelzung mit Kaufhof wird nun immer wahrscheinlicher. Gegen Eick leitete die Staatsanwaltschaft Essen Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung ein.Gleichzeitig mit der fehlenden Bereitschaft zu staatlicher Hilfe für Arcandor war gestern ein Brief der sogenannten Fünf Wirtschaftsweisen bekannt geworden. Das Beratergremium der Bundesregierung warnt vor weiteren Staatsbürgschaften für kriselnde Firmen. Die gezielte Insolvenz von Arcandor könnte eine neue Zurückhaltung des Staates andeuten.Merkel bezeichnete die Arcandor-Insolvenz als unvermeidlich. "Wir haben immer wieder gesagt, dass ein Insolvenzantrag auch eine Möglichkeit sein kann, das Unternehmen auf neue Füße zu stellen und ihm neue Perspektiven zu eröffnen", sagte sie. Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) sagte der Berliner Zeitung: "Insolvenz bedeutet nicht das Aus für das Unternehmen. Ich sehe hier große Chancen für einen Neuanfang."Die Gewerkschaft Verdi warf Merkel und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg dagegen vor, die Rettung Arcandors nicht konsequent betrieben zu haben. "Wer Lösungen will, findet Wege. Wer keine Lösung will, findet Gründe", sagte die Verdi-Vizechefin Margret Mönig-Raane. Vor allem in Franken wird nun ein drastischer Arbeitsplatzabbau befürchtet: "Seit 80 Jahren prägt Quelle Fürth. 5 000 Jobs in der Region stehen auf dem Spiel", hieß es aus dem Büro des Fürther Bürgermeisters.Staatliche Hilfen für Arcandor hatten in den Tagen vor der Europawahl heftige Debatten ausgelöst. Die SPD plädierte für die Gewährung eines Notkredits. Ihr Kanzlerkandidat Frank- Walter Steinmeier erklärte gestern: "Ich bin weiterhin der Überzeugung, die Insolvenz hätte verhindert werden können, wenn alle an einem Strang gezogen hätten." Finanzminister Peer Steinbrück zeigte sich ebenfalls enttäuscht von der Pleite, fügte aber hinzu: "Wir haben das eine oder andere Mal die Erfahrung gemacht, dass solche Insolvenzanträge auch dazu führen können, dass vieles zu retten ist." (mit ham., tms.)------------------------------Zum ThemaEin Ausverkauf der anderen Art Seite 2Neuer Realitätssinn im Kanzleramt - Leitartikel Seite 4Der Glanz der Riesen verblasst - ein Blick nach Europa Seite 10Gute Chancen für die Berliner Kaufhaus-Standorte Seite 15------------------------------Foto: Entsetzen und Ratlosigkeit: Arcandor-Mitarbeiter in Essen, nachdem sie von der Insolvenz ihres Unternehmens erfahren haben.
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