An Wahltagen ist Geschichte spürbar – und das zu Recht. An diesen Tagen nimmt der Souverän sein Recht wahr, über das eigene Schicksal und das des Landes zu entscheiden. Mitunter wird am Abend von einem historischen Tag gesprochen. Mecklenburg-Vorpommern steht bereits jetzt vor einem historischen Morgen. Egal, wie das Ergebnis ausfällt, es wird das Land verändern. Berlin steht ein politisches Beben bevor.
In Mecklenburg-Vorpommern wird heute ein neuer Landtag gewählt, parallel wird auch in Berlin abgestimmt – und die Zahlen, mit denen der Kanzler in diesen Tag geht, sind verheerend. Laut Forschungsgruppe Wahlen hat die SPD von Ministerpräsidentin Schwesig mit 37 Prozent die AfD (36 Prozent) knapp überholt.
Doch die eigentliche Sensation steht im Kleingedruckten: Die Kanzlerpartei nähert sich vor der MV-Wahl der Fünfprozenthürde. Eine CDU, die in einem Flächenland um den Einzug ins Parlament bangt, während der eigene Mann im Kanzleramt sitzt – das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben.
Was für das Ende spricht – und was dagegen
Die Indizienkette ist erdrückend. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September holte die AfD 43,8 Prozent – das stärkste Ergebnis einer Partei in dem Land seit der Wiedervereinigung –, während die CDU auf 17,2 Prozent abstürzte und jeden Wahlkreis verlor.
Merz' persönliche Werte haben historische Tiefstände erreicht: Laut Insa halten nur noch 14 Prozent ihn für den richtigen Kanzler, 78 Prozent nicht – darunter eine Mehrheit der Unionswähler.
Die AfD wächst, die Union murrt
Bundesweit liegt die AfD bei 28 bis 29 Prozent, die Union bei rund 20. Und die Partei murrt: Schon im Juli, nur 14 Monate nach Amtsantritt, hatten eine Personalaffäre um Fraktionschef Jens Spahn und eine verpatzte Kabinettsumbildung erstmals offene Ablösungsdebatten ausgelöst.
Gegen das schnelle Ende spricht die Mechanik des Grundgesetzes. Ein Kanzler stürzt nicht über Umfragen. Brandt trat 1974 zurück, Schmidt fiel 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum, Kohl wurde 1998 abgewählt, Schröder erzwang 2005 selbst Neuwahlen.
Für ein Misstrauensvotum bräuchte es eine alternative Mehrheit – die es ohne AfD nicht gibt. Und die SPD hat bei aktuell desaströsen Werten im Bund kein Interesse an Neuwahlen.
Die wahrscheinlichste Variante eines Endes wäre die innerparteiliche: der Kohl-Moment von innen, nur früher. Merz, der schon am 6. Mai 2025 als erster Kanzler überhaupt einen zweiten Wahlgang benötigte, regiert seit Tag eins mit einer Hypothek, die Adenauer, Schmidt oder Merkel nie kannten: Er hat keine Autoritätsreserve.
Die selbstgemachte Multikrise
Gewiss: Vieles ist geerbt. Wachstumsschwäche, Investitionsstau, Demografie, Kriegsfolgen – diese Strukturkrisen haben schon Scholz zermahlen, und keine Regierung kann Russlands Krieg oder globale Handelskonflikte allein lösen.
Doch die These trägt weiter: Die eigentliche Krise der Regierung Merz ist selbst gemacht. Sie besteht nicht in den Problemen, sondern im Missverhältnis zwischen dem Versprochenen („Politikwende“, Halbierung der AfD) und dem Gelieferten.
Wer den Machtwechsel als Erlösung inszeniert und dann Koalitionsalltag liefert, produziert Enttäuschung im Industriemaßstab. Das Krisenmanagement verstärkt den Eindruck der Überforderung: Ein Staatssekretär erfuhr von seiner Ablösung aus Parteigremien und Presse, bevor der Kanzler mit ihm sprach.
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Und als die Umfragen ins Bodenlose fielen, erklärte Regierungssprecher Kornelius kurzerhand die Demoskopie zum Problem, nicht den Kanzler. Das ist keine Strategie, das ist Realitätsverweigerung – Merkel moderierte Krisen, Schmidt beherrschte sie, Merz schürt sie.
Was das für die Demokratie bedeutet
Der Befund reicht über die Union hinaus. Die Erosion trifft alle etablierten Parteien: Die SPD rettet sich in Schwerin nur über den Amtsbonus einer Landesmutter, Grüne und BSW kämpfen an der Fünfprozenthürde. Der Aufstieg der AfD ist das Ergebnis dieser kollektiven Vertrauenskrise – und er verändert die Logik des Parteienwettbewerbs. Es geht immer weniger um den Kampf der Ideen um Herzen und Köpfe, immer mehr um Machterhalt mit systemischen Mitteln.
Drei Symptome. Erstens das Geld: Die sofort veröffentlichten Großspenden erreichten 2025 mit rund 23 Millionen Euro einen Höchstwert – der Wettbewerb wird kapitalintensiver, und finanzstarke Akteure kaufen sich Sichtbarkeit.
Zweitens die staatlich alimentierte Vorfeldpolitik: Die Union selbst hatte kurz vor der Bundestagswahl 551 Fragen zur „Politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ gestellt – im Visier 17 zivilgesellschaftliche Gruppen von Omas gegen Rechts bis Campact; die Bundesregierung wies den Vorwurf einer „Schattenstruktur“ zurück.
Die Anfrage zeigte, dass beide Lager staatlich geförderte Vorfeldorganisationen längst als Machtressource begreifen.
Drittens der Inlandsgeheimdienst: Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die AfD 2025 als „gesichert rechtsextremistisch“ ein, doch das Verwaltungsgericht Köln untersagte diese Einstufung im Februar 2026 vorerst im Eilverfahren.
Man kann die wehrhafte Demokratie für richtig halten – die NPD-Verfahren lehren aber, wie schmal der Grat ist, auf dem der Staat den Wettbewerb beobachtet, den er zugleich schützen soll.
Wenn die größte Oppositionspartei geheimdienstlich markiert wird, während Regierungsparteien über NGO-Förderung und Spendenrekorde streiten, verschiebt sich die Auseinandersetzung vom Argument zur Institution. Das nützt am Ende dem, der sich als Opfer des „Systems“ inszenieren kann.
Die Geschichte geht weiter – wahrscheinlich ohne Merz
Historisch betrachtet haben sich Umbrüche in der Bundesrepublik nie aufhalten lassen: nicht 1969, als die Adenauer-Republik endete, nicht 1982, nicht 1998, als Kohl in einer Wahlnacht Kanzlerschaft und Parteivorsitz verlor, nicht 2021, als die Merkel-Ära erschöpft auslief.
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Jedes Mal versuchte das alte Lager, den Wandel mit den Instrumenten des Machterhalts zu bremsen – und jedes Mal fand er trotzdem statt. Kanzler scheiterten dabei selten an einem einzelnen Fehler, sondern dort, wo Strukturprobleme auf zerfallende Mehrheiten trafen. Genau dort steht Merz heute.
Der heutige Abend wird kein formales Urteil über den Kanzler sprechen; Landtagswahlen tun das nie. Aber er wird zeigen, ob die Union im Nordosten überhaupt noch als politische Kraft existiert – und ob eine Sozialdemokratin, die bei der Direktwahlfrage mit 61 zu 30 Prozent vor dem AfD-Mann Holm liegt, das letzte Bollwerk der alten Parteienrepublik hält.
Fällt die CDU unter fünf Prozent, wird die K-Frage in der Union nicht mehr geflüstert, sondern gestellt. Merz kann noch stürzen, gestürzt werden oder sich durchschleppen bis 2029. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass er den Umbruch gestaltet, statt von ihm verschluckt zu werden, sinkt mit jedem Wahlabend.
Die Geschichte wird weitergehen – vielleicht mit, wahrscheinlicher aber ohne Friedrich Merz als Kanzler.
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