Mecklenburg-Vorpommern

„Verschwendete Stimme“: Jetzt drohen der CDU die letzten Wähler davonzulaufen

Die CDU schließt AfD und Linke gleichermaßen aus, die SPD winkt ohnehin ab. Wozu überhaupt Christdemokratie wählen, wenn keine Machtoption in Sicht ist? Ein Kommentar.

5 Min
CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters hat kaum eine realistische Machtoption: Scheitert seine Partei deshalb an der Fünf-Prozent-Hürde?

CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters hat kaum eine realistische Machtoption: Scheitert seine Partei deshalb an der Fünf-Prozent-Hürde?

© Chris Emil Janssen/Imago

Am Sonntag wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag – und an der Spitze läuft es auf ein Fotofinish hinaus. Doch während sich SPD und AfD ein Kopf-an-Kopf-Duell liefern, spielt sich am unteren Ende der Skala ein ganz eigenes Drama ab: das der CDU. Sie kämpft nicht um die Regierung, sondern schlicht um den Wiedereinzug ins Parlament.

Der Wahlkampf im Nordosten lässt sich auf zwei große Blöcke herunterbrechen. Auf der einen Seite die AfD: gewählt aus Protest, getragen vom Wunsch nach einem grundlegenden politischen Neuanfang. Rechnerisch ist sie auf eine absolute Mehrheit angewiesen oder auf das BSW als Partner. Genau das könnte zum Problem werden, denn das Bündnis Sahra Wagenknecht droht an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern.

Auf der anderen Seite die SPD, deren größtes Kapital eine charismatische Führungsfigur ist: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Ihr Wunschpartner bleibt die Linke, notfalls käme ein grüner Zusatzpartner für ein Dreierbündnis infrage.

Die CDU zwischen den Stühlen

Und tatsächlich hat sich das Blatt zuletzt gedreht. In der Woche der Landtagswahl hat die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die AfD nach monatelanger Aufholjagd überholt. Die SPD kommt laut Umfrage auf 37 Prozent – drei Prozentpunkte mehr als in der Vorwoche. Die AfD mit Herausforderer Leif-Erik Holm büßt einen Punkt ein und liegt bei 36 Prozent.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem der Christdemokraten. Die CDU verliert einen Punkt und kommt mit sechs Prozent der Fünf-Prozent-Hürde für den Einzug in den Landtag bedrohlich nahe. Von einer Regierungsbeteiligung ist die einstige Volkspartei damit meilenweit entfernt.

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Spitzenkandidat Daniel Peters hat seine Position im ZDF-Morgenmagazin noch einmal unmissverständlich klargemacht: Mit der Linkspartei und mit der AfD werde es keine Zusammenarbeit geben. Eine Kooperation mit radikalen Kräften, so seine Argumentation, führe Mecklenburg-Vorpommern ins Abseits. In wesentlichen Fragen sehe er schlicht keine Schnittmengen.

Klingt prinzipientreu – und ist doch ein strategisches Dilemma. Denn wenn die CDU beide „Ränder“ ausschließt und die SPD kein erkennbares Interesse an einem Bündnis mit ihr zeigt, dann bleibt am Ende: nichts. Keine Machtoption, kein Hebel, keine realistische Aussicht auf Regierungsverantwortung.

Das Fallbeil für die Kleinen

Genau an diesem Punkt greift ein altbekanntes Wählermuster, für das die Angelsachsen den treffenden Begriff „wasted vote“ – verschwendete Stimme – kennen. Wer den Eindruck hat, seine Partei landet in der Bedeutungslosigkeit, überlegt zweimal, ob er sein Kreuz dort setzt.

Sie schaut bei der anstehenden Koalitionsbildung nach links: SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.

Sie schaut bei der anstehenden Koalitionsbildung nach links: SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.

© Juliane Sonntag

Der psychologische Mechanismus dahinter ist gut dokumentiert: Viele Wähler tendieren dazu, kleineren Parteien kurz vor der Wahl die Unterstützung zu entziehen, wenn Umfragen prognostizieren, dass diese die Fünf-Prozent-Hürde verfehlen werden.

Aus Angst, ihre Stimme zu verschwenden, weichen sie auf etablierte oder aussichtsreichere Parteien aus. Der Fachbegriff dafür ist der Fallbeil-Effekt – und für eine CDU bei sechs Prozent könnte er zum echten Risiko werden. Wer keine Machtperspektive bietet, riskiert, dass ihm die Wähler bereits an der Wahlurne die Perspektive nehmen.

Der Riss geht mitten durch die Partei

Dass diese Frage im Landesverband gärt, ist kein Geheimnis. Nach dem Debakel bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine offene Debatte über den richtigen Umgang mit der AfD entbrannt. Aus den Reihen der Partei kamen deutliche Rücktrittsforderungen an die Bundesspitze, und mehrere Kommunalpolitiker stellten die Brandmauer-Strategie grundsätzlich infrage – mit dem Argument, sie schade am Ende vor allem der eigenen Partei und stütze das linke Lager.

Selbst aus der Landesspitze, etwa von Vize-Landeschef Tino Schomann, wurde ein pragmatischerer Kurs angemahnt: Man dürfe sachlich richtige Vorschläge nicht allein deshalb ablehnen, weil auch die AfD sie unterstütze – bei klaren roten Linien etwa in der Europafrage.

Der stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Mecklenburg-Vorpommern, Tino Schomann, hatte sich zuletzt gegen die Aufrechterhaltung der Brandmauer positioniert.

Der stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Mecklenburg-Vorpommern, Tino Schomann, hatte sich zuletzt gegen die Aufrechterhaltung der Brandmauer positioniert.

© Uwe Koch/Imago

Spitzenkandidat Peters hält dagegen an seinem Abgrenzungskurs fest. Die Partei ringt damit öffentlich mit genau jener Frage, die auch ihre Wähler umtreibt.

Wie tief die Ambivalenz sitzt, zeigt eine bundesweite Erhebung: Der ARD-DeutschlandTrend im August 2026 fragte präziser: 7 Prozent der Unionsanhänger wollen eine Zusammenarbeit mit der AfD aktiv suchen, 48 Prozent wollen von Fall zu Fall entscheiden, 44 Prozent lehnen Zusammenarbeit grundsätzlich ab. Die Parteibasis ist also alles andere als geschlossen hinter der reinen Brandmauer-Lehre.

Lehrstück Sachsen-Anhalt: Verluste nicht nur nach rechts

Wer glaubt, ein CDU-Absturz komme automatisch nur der AfD zugute, sollte genauer hinschauen. Die Wählerwanderung bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnet ein differenzierteres Bild. Zwar wanderte der größte Block nach rechts: Von der CDU wanderten 82.000 Wähler zur AfD, von der FDP 19.000, von den Linken 11.000, von der SPD 7000 und von den Grünen 2000.

Doch die AfD zog ihre Stärke keineswegs allein aus dem bürgerlichen Lager. 42 Prozent der AfD-Wähler und damit fast jeder Zweite stammen aus dem Lager der Nichtwähler. 29 Prozent hatten bereits bei der vergangenen Wahl AfD gewählt. 15 Prozent waren bisher bei der CDU verortet, 14 Prozent bei den anderen Parteien.

Die Botschaft für Mecklenburg-Vorpommern ist eindeutig: Verliert die CDU, verteilt sich der Aderlass. Ein Teil geht zur AfD, ein anderer aber ebenso an SPD und Grüne – oder er versickert im Nichtwählerlager. Es ist also keineswegs ausgemacht, dass ein Stimmenverlust der Union nur einer Seite nützt.

Damit steht die CDU in MV vor einem selbst gestellten Dilemma. Sie grenzt sich nach beiden Seiten ab, findet aber keinen Partner, der sie in die Regierung trüge. Je mehr ehemalige Anhänger diese Dynamik durchschauen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Partei ausgerechnet an ihrer eigenen Brandmauer scheitert – nicht an der Fünf-Prozent-Hürde allein, sondern an der schlichten Frage: Wofür eigentlich noch?

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