Die Zahl rechtsextremer Kampfsportgruppen in Deutschland ist nach Angaben der Bundesregierung deutlich gestiegen. Dem Bundesinnenministerium sind derzeit etwa 20 regionale sogenannte „Active Clubs“ bekannt, im Juni 2024 waren es noch rund ein Dutzend. Insbesondere im laufenden Jahr habe es einen deutlichen Anstieg gegeben.
Das geht aus der am Mittwoch bekanntgewordenen Antwort des Ministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, über die zuerst das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtete und die auch der dpa vorliegt.
Innenministerium sieht wachsendes Gewaltpotenzial
Das Bundesinnenministerium stellt in seiner Antwort eine „Professionalisierung der Gewaltkompetenz“ fest. „Insbesondere die regelmäßigen Kampfsporttrainings einzelner Active Clubs und das Propagieren und Inszenieren von Wehrhaftigkeit vor allem durch entsprechend martialische Videos und Posts von Kampfsporttrainings lassen auf eine Professionalisierung der Gewaltkompetenz schließen“, heißt es darin.
Direkte Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern seien derzeit nicht bekannt. Festzustellen sei aber „weiterhin eine hohe Konspirativität bei gleichzeitig starken Rekrutierungsbemühungen junger Männer für das gewaltorientierte rechtsextremistische Spektrum“. Erkenntnisse über internationale Verbindungen deutscher Gruppen zu ausländischen Active Clubs liegen der Bundesregierung nach eigenen Angaben bislang nicht vor.
Rekrutierung über Telegram und Instagram
Das Konzept der Active Clubs stammt aus den USA. In Fitness- und Kampfsportgruppen werden vor allem junge Männer für die rechtsextreme Szene geworben. Vernetzung und Rekrutierung in Deutschland laufen laut RND vor allem über die Messengerdienste Telegram und Instagram. Dort laden die Gruppen zu Trainings und Wanderungen ein und werben auch für Parteien wie „Die Heimat“, die frühere NPD.
Entwickelt wurde das Konzept vom US-Neonazi Robert Rundo und dem russischen Neonazi Denis Kapustin unter dem Label „White Nationalism 3.0“ – als einem dezentralen Netzwerk kleiner Zellen, das sich auf einen von ihnen erwarteten „Rassenkrieg“ vorbereiten soll.
Vom Kölner Neonazi zum Kommandeur in der Ukraine
Kapustin ist ein Wegbereiter der rechtsextremen Kampfsportszene. Unter dem Namen Denis Nikitin lebte er lange in Köln. Mit seinem Label „White Rex“ organisierte er europaweit Kampfsportveranstaltungen und Trainings. 2018 war er Mitorganisator des Neonazi-Turniers „Kampf der Nibelungen“ in Sachsen.
Gemeinsam mit Rundo betrieb er von 2021 bis 2023 einen Podcast. Heute kommandiert Kapustin das auf ukrainischer Seite gegen Russland kämpfende Russische Freiwilligenkorps.
Weltweit mehr als 220 Ortsgruppen
International wächst die Bewegung weiter. Nach einer Untersuchung der US-Nichtregierungsorganisation Global Project Against Hate and Extremism (GPAHE) stieg die Zahl aktiver Ortsgruppen seit Mitte 2025 um 18 Prozent auf 220 in 33 Ländern.
Besonders stark legten die Ableger für Jugendliche zu: Ihre Zahl habe sich mit einem Plus von 142 Prozent von 19 auf 46 Gruppen mehr als verdoppelt. Die als „Youth Clubs“ bezeichneten Strukturen richten sich laut GPAHE an Jungen zwischen 15 und 18 Jahren. Allein in den USA seien im vergangenen Jahr 13 solcher Gruppen entstanden. Als ihr Dach diene dort das Netzwerk „United Youth“, in Kanada „True North Youth“.
Erstmals eigene Ableger für Mädchen
Im Mai 2026 kündigte „United Youth“ nach Angaben von GPAHE die Gründung einer reinen Mädchenorganisation namens „Young Columbia“ an. Im Juli folgte in Kanada mit „Daughters of the Dominion“ ein entsprechender Ableger für weiße Frauen ab 15 Jahren.
Das kanadische Ministerium für öffentliche Sicherheit stufte die Active Clubs der Organisation zufolge in einem im März 2026 bekanntgewordenen Bericht als Risiko für „extreme Gewalt“ ein: Die Gruppen radikalisierten ihre Mitglieder hin zu ideologisch motivierter Gewalt gegen Juden, nicht-weiße und queere Menschen.
Grüne mahnen politische Reaktion an
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marlene Schönberger beklagte, die Bundesregierung könne weder Angaben zur Zahl der Straftaten aus dem Umfeld der Active Clubs machen noch Gefährder aus diesen Gruppen benennen, weil die Szene bislang kaum strafrechtlich aufgefallen sei.
„Das ist ein gefährlicher Zirkelschluss: Dass die Szene unter dem Radar bleiben will, ist der Kern ihres Konzepts und kein Beleg für ihre Harmlosigkeit“, sagte Schönberger dem RND. Das Thema Active Clubs und rechtsextreme Jugendgruppen gehöre auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz im Dezember.
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