POTSDAM. Der Energiekonzern Vattenfall will in der Lausitz drei neue Braunkohlefelder abbauen. Dafür müssen nach Unternehmensangaben ab 2028 drei Dörfer mit insgesamt fast 1000 Einwohnern den Braunkohlebaggern weichen. Betroffen sind Kerkwitz, Grabko und Atterwasch unweit von Jänschwalde (Spree-Neiße) - die Umsiedlung der Einwohner soll möglichst bis 2020 abgeschlossen werden. Der Präsident des schwedischen Konzerns, Lars G. Josefsson, sicherte gestern in Potsdam im Gegenzug zu, die Erforschung der kohlendioxidarmen Kraftwerkstechnik zu forcieren und im Kraftwerk Jänschwalde spätestens ab 2015 "klimafreundlichen Braunkohlestrom" zu erzeugen.Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz stellten Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und die Vattenfall-Führung gestern die Pläne für den umstrittenen Braunkohleabbau in der Lausitz vor. Platzeck betonte mehrfach, dass es sich nicht um Regierungspläne handle, sondern um die Vorstellungen des Unternehmens. Sie müssten nun ein aufwändiges Genehmigungsverfahren durchlaufen. "Unsererseits haben wir aber politische Rahmenbedingungen genannt", sagte Platzeck. So sei eine Braunkohleverstromung über 2020 hinaus nur noch mit der neuen, klimafreundlichen Technologie denkbar. Auch Vattenfall-Chef Joseffson sagte: "Ohne CO2-arme Technologie wird es keine langfristige Braunkohlenutzung geben." In die Entwicklung werde Vattenfall ein bis zwei Milliarden Euro investieren. Je eine weitere Milliarde werde die Modernisierung der Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe kosten. Für deren Auslastung sollen in den neuen Lagerstätten Jänschwalde-Nord, Bagenz-Ost und Spremberg-Ost 700 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut werden. Vattenfall habe sich das Ziel gesetzt, die Kohlendioxidemission bis zum Jahr 2030 um die Hälfte zu reduzieren, so Joseffson.Mit der Konkretisierung der Abbau-Pläne könnten die Bewohner von 30 anderen Lausitz-Orten aufatmen, betonte Platzeck. Erst im Mai hatte eine von Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) vorgestellte Studie der Technischen Universität Clausthal ausgewiesen, dass in Brandenburg bis zu sieben neue Kohlefelder abgebaut werden könnten. Davon wären 11 000 Menschen betroffen gewesen. Das hatte zu heftigen Protesten und großer Verunsicherung in der Region geführt. Die geplante Volksinitiative gegen den Braunkohle-Tagebau in der Lausitz soll dennoch fortgesetzt werden, bekräftigte gestern deren Sprecher René Schuster.Hans-Jürgen Cramer, Europa-Chef von Vattenfall, sicherte den Betroffenen zu, "alles zu tun, um die Umsiedlung für alle sozialverträglich zu realisieren. Mit jedem Einzelnen sollten verbindliche Vereinbarungen getroffen werden. "Klar ist von Anfang an: Für bestehendes Wohneigentum ermöglichen wir den Bau familiengerechter Ersatzanwesen ohne Neuverschuldung." Erstmals solle angeboten werden, aus den Umsiedlungsstandorten Mustersiedlungen für ein energieeffizientes Bauen zu machen.Umweltminister Dietmar Woidke (SPD), der selbst aus der Region stammt, will größere Kontroversen vermeiden. "Ich weiß, wie schwer es ist, das angestammte Dorf zu verlassen", sagte er. Sein Heimatdorf Naundorf sei zu DDR-Zeiten und davor ebenfalls für eine Abbaggerung vorgesehen gewesen. "Da geht es auch um Familiengeschichte. Das ist keine Frage des Geldes."Die nun betroffenen Dörfer wollen nicht einfach so weichen. "Das ist eine Katastrophe. Kampflos verlassen wir die Bühne nicht", sagte Peter Jeschke (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Schenkendöbern, in der die drei Orte verschwinden sollen. Jeschke verwies darauf, dass etwa die Kirche von Kerkwitz gerade saniert werde.Dieter Friese, Landrat von Spree-Neiße, unterstützt die Vattenfall-Pläne. Er hofft, dass der Konzern im Gegenzug in seinem Kreis eine Anlage zur Verflüssigung von Braunkohle ansiedelt. Auch mancher Bürgermeister befindet sich in einem Dilemma. So Gerd Wieden, Ortsbürgermeister von Grabko. Sein Ort soll weichen, damit die beiden nahen Kohlekraftwerke genug Nachschub bekommen. Wieden arbeitet selbst seit langer Zeit im Kraftwerk Jänschwalde und hat sich gerade in seinem Heimatort ein Haus gebaut, das er nun offenbar aufgeben soll.Die Stadt Guben befürchtet gar, vom Rest des Landes abgekoppelt zu werden, liegt doch die Bahnstrecke nach Cottbus auf Tagebauland.------------------------------40 Millionen Tonnen Braunkohle jährlichDerzeit: Vattenfall betreibt derzeit in Brandenburg drei Tagebaue: Cottbus- Nord wird nach vorläufigen Planungen 2015, Jänschwalde 2020 und Welzow-Süd 2030 "ausgekohlt" sein. Die Erweiterung Welzow-Süd II ist bereits beantragt. Dort werden weitere 1 000 Men- schen umgesiedelt, so der Cottbuser Bundestagsabgeordnete Wolfgang Neskovic (Linke). Zum Beispiel in Prochim.Zukunft: Pro Jahr fördert Vattenfall in Brandenburg 40 Millionen Tonnen Braunkohle. Die Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe müssen ab 2020 erneuert werden - der Energiekonzern will diese Kraftwerke dann als CO2-arme Kraftwerke betreiben.------------------------------Grafik: Auf Abruf: Wenn sich die Tagebaue nähern, müssen die Dörfer weichen.------------------------------Foto: Im Tagebau Jänschwalde der Vattenfall Europe Mining AG frisst sich ein Schaufelradbagger ins Braunkohleflöz.
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