BERLIN/HAMBURG, 27. Dezember. Viele Firmen müssen ohne einen Schutz gegen Terror-Risiken ins neue Jahr gehen: Versicherungen und Bundesregierung scheiterten mit ihrem Versuch, sich noch in diesem Jahr auf eine Beteiligung des Staates an Terror-Schäden zu einigen. In einer ersten Gesprächsrunde sei keine Einigung über die Schadensgrenze erzielt worden, ab der der Bund einspringen soll, sagte Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) am Donnerstag in Berlin. Neue Verhandlungen sollen laut Bundesfinanzministerium erst im Januar kommenden Jahres stattfinden. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York hatten viele Versicherer die Übernahme von Terror-Schäden aus Verträgen gestrichen, die zum Jahreswechsel erneuert werden mussten. Sie fürchten unkalkulierbare Schadenssummen durch neue Attentate. Um Firmen nicht gänzlich des Schutzes zu berauben, brachte die Versicherungswirtschaft einen Pool mit staatlicher Beteiligung ins Gespräch. Haftungsgrenze umstrittenDie Versicherungswirtschaft will Risiken bis zu einer Summe von "deutlich über einer Milliarde Euro" abdecken. Darüber hinaus soll die Bundesregierung haften. Genaue Summen aus den Gesprächen mit dem Bund, die am 21. Dezember stattfanden, wollte Brockmann nicht nennen. Die Diskrepanz zwischen den Vorstellungen des Bundes und der Versicherer sei aber "doch deutlich". Mit Blick auf die Übereinkunft zwischen französischen Versicherern und der Pariser Regierung sagte der GdV-Sprecher, die dort festgelegte Grenze von 1,5 Milliarden Euro (2,93 Milliarden Mark), bis zu der die Versicherer in der Pflicht stehen, werde aus heutiger Sicht in Deutschland "eher noch überschritten". Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) sprach angesichts der nicht versicherten Risiken bei vielen Firmen von einer "misslichen Situation". "Unternehmen stehen beim Versicherungsschutz nun mit einer gewissen Lücke da", sagte der Leiter der BDI-Rechtsabteilung Friedrich Kretschmer. Den Firmen bleibe nur zu hoffen, "dass alles gut geht" und es nicht zu Anschlägen komme. Die Bundesregierung will nun eine Einigung "zu Beginn kommenden Jahres" erreichen. Wie ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums sagte, ist neben der Schadensgrenze auch noch offen, ob die gesamte Regelung zeitlich befristet werden soll. "Nicht zu berechnen""Letztlich liegt das Problem auf Seiten der Industrie", sagte Brockmann. Wenn keine Pool-Lösung zu Stande komme, dann werde es "auch keine Deckung zu Terror geben". Die Versicherungsbranche habe nach den Anschlägen in den USA "weltweit teuer bezahlt, dass wir dieses Risiko bisher nicht gesehen haben". Terroranschläge seien "mathematisch nicht zu berechnen". Der Schaden am New Yorker World Trade Center könne sich "jederzeit in jeder beliebigen Höhe wiederholen", sagte Brockmann. "Haben wir zwei, drei Schäden vom New Yorker Ausmaß, dann steckt man das nicht mehr so leicht weg." Allein die Sachschäden durch die Anschläge vom 11. September in New York und Washington belaufen sich nach Schätzungen des Schweizer Rückversicherers Swiss Re auf 19 Milliarden Dollar (21,2 Milliarden Euro).Abgesehen von der fehlenden Abdeckung von Terror-Risiken müssen Industriekunden nach Angaben der "Financial Times Deutschland" schon jetzt mit wirtschaftlichen Folgen rechnen. Banken und Investoren verknüpften Finanzierungen in der Regel mit der Auflage, dass vollständiger Versicherungsschutz für beliehene Gebäude oder Gegenstände vorhanden ist. Da dies nun nicht mehr der Fall sei, könnten Banken Kredite an Industrieunternehmen fällig stellen. (AFP)
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