Tierwelt

Familie hielt sie für eine Hauskatze: Forscher entdecken erste neue Katzenart seit 100 Jahren

Sie ist kleiner als eine gewöhnliche Hauskatze und lebt im Nebelwald Boliviens. Erst Genanalysen zeigten, dass der Tilcayo eine bislang unbekannte Katzenart ist.

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Ein Tilcayo im Wildtierzentrum La Senda Verde in Bolivien. Genanalysen zeigten, dass die kleine Wildkatze eine bislang unbekannte Art ist.

Ein Tilcayo im Wildtierzentrum La Senda Verde in Bolivien. Genanalysen zeigten, dass die kleine Wildkatze eine bislang unbekannte Art ist.

© Alessandro Verniani/Wikimedia Commons

Ein kleines geflecktes Kätzchen am Straßenrand in Bolivien hat sich Jahre später als zoologische Sensation erwiesen. Forscher haben in den Bergwäldern der Anden eine bislang unbekannte Wildkatzenart identifiziert. Es ist die erste neu beschriebene lebende Katzenart seit mehr als einem Jahrhundert.

Die Art trägt den wissenschaftlichen Namen Leopardus tilcayo. Die entsprechende Studie erschien am Donnerstag im Fachjournal Current Biology. Das internationale Forscherteam um Jonas Lescroart, Paola Nogales-Ascarrunz und Eduardo Eizirik untersuchte dafür die Verwandtschaft südamerikanischer Tigerkatzen mit modernen Genomanalysen.

Der Tilcayo lebt in den Yungas, feuchten Berg- und Nebelwäldern am östlichen Rand der bolivianischen Anden. Er misst etwa 46 Zentimeter vom Kopf bis zum Rumpf und wiegt rund 1,4 Kilogramm. Damit ist er kleiner als eine durchschnittliche Hauskatze. Sein hellbraunes Fell trägt große, unregelmäßig geformte dunkle Rosetten.

Mann hielt Wildkater zunächst für eine Hauskatze

Die ungewöhnliche Entdeckung begann bereits vor rund zehn Jahren. 2016 erhielt die bolivianische Biologin Paola Nogales-Ascarrunz einen Anruf aus dem Wildtierzentrum Senda Verde. Dort sei eine „seltsame Katze“ abgegeben worden, berichtet National Geographic.

Ein Mann hatte das Tier zuvor als Jungtier auf einer Straße nahe eines Waldes gefunden und mit nach Hause genommen. Er hielt es zunächst für eine ungewöhnliche Hauskatze. Erst nachdem das Tier etwa ein Jahr bei der Familie gelebt hatte und sein Wildkatzencharakter immer deutlicher wurde, kam es in die Auffangstation.

Nogales-Ascarrunz nahm zunächst an, dass es sich um eine bekannte Tigerkatze der Art Leopardus tigrinus handelte. Doch das Tier fiel durch sein kleines Gesicht, die kurzen runden Ohren und vor allem seine großen Fellrosetten auf.

Als die Biologin 2019 für eine Publikation über bolivianische Katzenarten Fotos mit Tigerkatzen aus Brasilien verglich, verstärkte sich ihr Verdacht. Die Zeichnung des bolivianischen Tieres passte nicht zu den bekannten Exemplaren.

Genanalyse enthüllt eigenen Ast im Katzen-Stammbaum

Den entscheidenden Nachweis lieferte schließlich das Erbgut. Die Forscher analysierten vollständige Genome von 38 Katzen, darunter acht Museumsexemplare. Die Untersuchung zeigte, dass die südamerikanischen Tigerkatzen nicht einer einzigen Art beziehungsweise wenigen eng gefassten Arten zugeordnet werden können, sondern sich in fünf genetisch eigenständige Arten aufteilen.

Der Tilcayo bildet dabei eine eigene Entwicklungslinie. Sie trennte sich den Berechnungen zufolge bereits vor rund 1,4 Millionen Jahren von anderen Tigerkatzen. Die genetische Distanz sei groß genug, um das Tier als eigene Art einzustufen.

National Geographic weist auf eine Besonderheit der Entdeckung hin: Es handelt sich nicht lediglich um eine bereits früher vorgeschlagene Art, die nun bestätigt wurde, oder um eine bekannte Unterart, die zur Art hochgestuft wird. Leopardus tilcayo wurde erstmals als eigenständige Art wissenschaftlich beschrieben. Die letzte vergleichbare Entdeckung bei lebenden Katzen datiert demnach aus dem Jahr 1923.

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Einheimische kannten den Tilcayo längst

Völlig unbekannt war die Katze allerdings nicht - zumindest nicht den Einheimischen. Menschen in der Region nennen die Tiere seit Generationen Tilcayo. Woher die Bezeichnung ursprünglich stammt, wissen nach Angaben von Nogales-Ascarrunz selbst Bewohner der Region nicht mehr. Die Forscher übernahmen den lokalen Namen für die wissenschaftliche Bezeichnung.

Wissenschaftlich untersucht wurde die Art bisher nur an zwei lebenden Tieren sowie anhand weniger Aufnahmen von Fotofallen. Einer der beiden Kater ist inzwischen etwa zehn Jahre alt und lebt weiterhin im Wildtierzentrum Senda Verde.

Entsprechend groß sind die Wissenslücken. Über Fortpflanzung, Sozialverhalten und Größe der Population ist bislang kaum etwas bekannt. Reste kleiner Nagetiere in Kotproben deuten darauf hin, dass diese zur Nahrung gehören. Aufnahmen von Fotofallen sprechen außerdem dafür, dass die Katzen vor allem nachts aktiv sind.

Lebensraum der neuen Katzenart schrumpft

Die Entdeckung könnte auch Konsequenzen für den Artenschutz haben. Die Yungas gehören nach Angaben der Forscher zu den bedrohten Ökosystemen Südamerikas. Abholzung, die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen, Brände und Bergbau setzen den Bergwäldern zu.

Die Weltnaturschutzunion IUCN behandelt die betreffenden Tigerkatzen bislang in einer gröberen Einteilung. Das Forscherteam hat seine neuen Ergebnisse an die Organisation weitergegeben. Künftig könnten die fünf genetisch getrennten Linien einzeln bewertet werden. Dadurch könnte sich zeigen, dass einzelne Arten stärker gefährdet sind als bislang angenommen.

Die Studie brachte noch eine weitere Entdeckung hervor: In den peruanischen Yungas identifizierten die Wissenschaftler eine bislang unbekannte Unterart, die sie Leopardus tigrinus antisuyo nannten.

Dass ausgerechnet innerhalb der Katzenfamilie noch eine eigenständige Art verborgen war, überraschte auch die Forscher. Kleine südamerikanische Wildkatzen sehen sich äußerlich oft so ähnlich, dass sich ihre evolutionären Unterschiede erst im Erbgut zeigen.

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