POTSDAM. Wegen der Stasi-Verstrickungen des Linken-Spitzenpersonals in Brandenburg wird die neue rot-rote Regierung in Potsdam bundesweit attackiert. Die IM-Vergangenheit von Parteichef Thomas Nord, der Fraktionsvorsitzenden Kerstin Kaiser sowie zwei weiterer Landtagsabgeordneter war allerdings seit Jahren bekannt. Nun aber bringt ein weiterer Stasi-Fall die neue Koalition von Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) zusätzlich unter Druck: Nach Akten der Birthler-Behörde soll der Linken-Parlamentarier Gerd-Rüdiger Hoffmann als Inoffizieller Mitarbeiter Mitschüler und Soldaten denunziert haben - ohne dies bislang offengelegt zu haben. Der 57-jährige Philosoph sitzt seit 2004 im Landtag und ist dort kulturpolitischer Sprecher der Linken.Akte mit 200 SeitenDie aufgetauchte Stasi-Akte von Hoffmann ist, so heißt es, eher schmal. Knapp 200 Seiten haben die Mitarbeiter der Birthler-Behörde zum IM-Vorgang "Schwalbe" gefunden, der unter der Registriernummer VI/402/70 abgelegt ist. Die Unterlagen belegen, so schreibt es das Magazin Focus, eine Zusammenarbeit Hoffmanns mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Zeitraum 1970 bis 1975. Eine Verpflichtungserklärung findet sich in der Akte nicht. Aber es gibt mehrere Berichte, in den Hoffmanns Klarname und der Inhalt seiner inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS beschrieben sind.Die Akte beginnt nach Informationen der Berliner Zeitung im Juni 1970 mit der Werbung Hoffmanns als IM der Kreisdienststelle Senftenberg. Er ist damals 17 Jahre alt und besucht die elfte Klasse der Erweiterten Oberschule (EOS) in der Lausitzer Kreisstadt. Den Kontakt zu dem Jugendlichen nimmt die Stasi, so steht es in der Akte, "mit Wissen und Einverständnis des Vaters" auf.Zunächst wird Hoffmann nur als sogenannter Vorlauf-IM geführt. Erst als er 18 Jahre alt ist, registriert ihn die Stasi laut Akte zu einem "echten" IM um. "Sein Einsatzgebiet war speziell die EOS Senftenberg", heißt es in einer Ende 1971 verfassten "Jahreseinschätzung" über den IM "Schwalbe". Bei der Lösung ihm übertragener Aufgaben habe er eine "große Einsatzbereitschaft" gezeigt und "auch gern Sonderaufträge" übernommen. Sein Einsatz habe dazu beigetragen, zwei Operativvorgänge "schnell und erfolgreich" abzuschließen.Nach dem Abitur wechselt Hoffmann ausweislich der Akten zu den Grenztruppen, wo er nach seiner Ausbildung dem "Sicherungszug Brandenburger Tor" zugeordnet wird. Es ist eine Eliteeinheit, die im Grenzbereich zwischen Reichstag und Potsdamer Platz eingesetzt wird. Nun übernimmt eine Spezialeinheit der Stasi-Hauptabteilung I den IM "Schwalbe".In einem Bericht vom Oktober 1972 heißt es, Hoffmann habe "bereits vor seiner Einberufung zu den Grenztruppen mit unserem Organ inoffiziell zusammengearbeitet und (besitzt) relativ reiche Erfahrungen in der Aufklärung von Personen". Laut Focus hat die Stasi Hoffmann in der Grenztruppeneinheit zur "Filtrierung" eingesetzt. Er habe Kameraden ausspionieren sollen, um Fahnenfluchten zu verhindern.Offensichtlich ist das MfS mit seinem IM "Schwalbe" sehr zufrieden. Er wird zum IME umregistriert. So bezeichnet die Stasi inoffizielle Mitarbeiter, die wegen ihrer Fähigkeiten und Voraussetzungen als Experten "zur Lösung spezieller politisch-operativer Aufgaben" eingesetzt werden.Mehrfach berichtet IME "Schwalbe" ausweislich der Akten über Kameraden und Vorgesetzte seiner Grenzeinheit. Manche kommen dabei gut weg, anderen bescheinigt er, "in Fragen (.) westliche Einflüsse betreffend (.) oft noch zu labil" zu sein. Ein Unteroffizierskollege etwa sei "völlig uninteressiert und äußerst gleichgültig", ein Gefreiter seiner Einheit mache "Stimmung in der Gruppe, weil er unter beengten Verhältnissen" wohnt.Über einen anderen Kameraden weiß "Schwalbe" zu berichten, dass dessen Onkel, ein Tierarzt, "nur prowestlich eingestellt ist und die gesamte Wohnungseinrichtung, Pkw usw. aus Westberlin bezieht". In mindestens einem Fall tragen Hoffmanns Berichte mit dazu bei, dass die Stasi einen Unteroffizier aus der Elite-Grenzeinheit abziehen lässt.Unklar bleibt in den Akten die Verbindung Hoffmanns zu der für Auslandsspionage zuständigen Stasi-Einheit Hauptverwaltung A (HVA). Erstaunlich ist, dass Hoffmann, der ja eigentlich als IM bei der Hauptabteilung I registriert ist, sich laut Stasi-Akten auch mehrfach mit einem HVA-Offizier trifft und ihm Berichte übermittelt.Hoffmann gilt innerhalb der Linken als nachdenklicher, DDR-kritischer Geist. Dass er als junger Mann ein glühender Anhänger des DDR-Systems war, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Auf Parteiveranstaltungen habe er sich immer dazu bekannt, sich sogar als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter beim MfS-Wachregiment beworben zu haben. "Ich wollte da hin, aber die haben mich nicht genommen", sagt Hoffmann. An eine anderweitige Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst hat er heute aber "keine Erinnerung". Zu Details wolle er sich erst äußern, wenn er seine Akte kenne. Hoffmann hat nie Einsicht in seine Stasi-Unterlagen beantragt.CDU warnt vor AnsehensverlustEr hege "keine Zweifel", dass Hoffmann offen mit seiner Vergangenheit umgegangen sei, sagt Parteichef Thomas Nord der Berliner Zeitung. "Was er erklärt, ist ausreichend." Es sei in der Linken bekannt gewesen, dass er sich um eine hauptamtliche Stasi-Mitarbeit beworben habe. Bis nach der Akteneinsicht eine Bewertung der Details möglich sei, müsse auch für Hoffmann die Unschuldsvermutung gelten. Auch SPD-Generalsekretär Klaus Ness will so lange abwarten: "Die bisherigen Meldungen sind eher verwirrend", sagt er.Die CDU warnt bereits vor einem weiteren Ansehensverlust Brandenburgs. Ministerpräsident Platzeck und die SPD müssen bei ihrem Koalitionspartner unverzüglich für Klarheit sorgen, fordert Generalsekretär Dieter Dombrowski.Ein Parteitagsbeschluss der PDS von 1991 verpflichtet Mandatsträger dazu, ihre Stasi-Biografie offenzulegen. Andererseits müssten sie ihr Mandat niederlegen, sonst drohe der Ausschluss aus der Fraktion.------------------------------Foto: Gerd-Rüdiger Hoffmann soll IM gewesen sein.
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